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schlimm um kranke Menschen und krankes Tier und schlimm um Abwehr nächtiger Unholde und Stillung liebender sehnsucht, wenn keine Kräuter wären."

"Und Ihr seid getauft?" fuhr Ekkehard ungeduldig fort.

"Sie werden mich auch getauft haben ..."

"Und wenn Ihr getauft seid", rief er mit erhobener stimme, "und dem Teufel versagt habt und allen seinen Werken und allen seinen Gezierden, was soll das?" Er deutete mit seinem Stab nach den Pferdeschädeln an der Wand und stiess einen heftig an, dass er herunterfiel und in Stücke brach; die weissen Zähne rollten auf dem Fussboden umher.

"Der Schädel eines Rosses", antwortete die Alte gelassen, "den Ihr jetzt zertrümmert habt. Es war ein junges Tier, Ihr könnt's am Gebiss noch sehen."

"Und der Rosse Fleisch schmeckt Euch?" fragte Ekkehard.

"Es ist kein unrein Tier", sagte die Waldfrau, "und sein Genuss nicht verboten."

"Weib!" rief Ekkehard und trat hart vor sie hin – "du treibst Zauberkunst und Hexenwerk!"

Da stand die Alte auf. Ihre Stirn runzelte sich, unheimlich glänzten die grauen Augen. "Ihr tragt ein geistlich Gewand", sprach sie, "Ihr möget mir das sagen. Gegen Euch hat eine alte Waldfrau kein Recht. Es heisst sonst, das sei ein gross Scheltwort, was Ihr mir ins Antlitz geworfen, und das Landrecht büsst den Schelter129..."

Audifax war indessen scheu an der Tür gestanden. Da kam der Waldfrau Rabe auf ihn zugehüpft, so dass er sich fürchtete; er lief zu Ekkehard hin. Am Herde sah er den behauenen Stein. An einem Stein herumzuspüren, hätte ihn auch die Furcht vor zwanzig Raben nicht abgehalten. Er hob das Gewand, das drüber gebreitet war. Verwitterte Gestalten kamen zum Vorschein.

Ekkehard lenkte seinen blick darauf.

Es war ein römischer Altar. Kohorten, die fern aus üppigem asischem Standlager des allmächtigen Kriegsherrn Gebot an den unwirtlichen Bodensee versetzt, mochten ihn einst in diesen Höhen aufgestellt habenein Jüngling in fliegendem Mantel und phrygischer Mütze kniete auf einem niedergeworfenen Stier: der persische Lichtgott Mitras, an den der sinkende Römerglaube neue Hoffnung anknüpfte, als das andere abgenutzt war.

Eine Inschrift war nicht sichtbar. Lang' schaute ihn Ekkehard an, sein auge' hatte ausser der güldenen Vespasianusmünze, die Untergebene des Klosters einst im Torfmoos bei Rapperswyl gefunden, und etlichen geschnittenen Steinen im Kirchenschatz noch kein Bildwerk des Altertums erschaut, aber er ahnte an Form und Bildung den stummen Zeugen einer vergangenen Welt.

"Woher der Stein?" fragte er.

"Ich bin genug gefragt", sagte die Waldfrau trotzig, "schafft Euch selber Antwort."

... Der Stein hätte auch mancherlei antworten können, wenn Steine Zungen hätten. Es haftet ein gut Stück geschichte an solch verwittertem Gebild. Was lehrt es? Dass der Menschen Geschlechter kommen und zergehen wie die Blätter, die der Frühling bringt und der Herbst verweht, und dass ihr Denken und Tun nur eine Spanne weit reicht; dann kommen andere und reden in andern Zungen und schaffen in andern Formen; Heiliges wird geächtet, Geächtetes heilig, neue Götter steigen auf den Tron: wohl ihnen, wenn er nicht über allzuviel Opfern sich aufrichtet ...

Ekkehard deutete das Dasein des Römersteins in der Waldfrau Hütte anders.

"Den Mann auf dem Stier betet Ihr an", rief er heftig.

Die Waldfrau griff einen Stab, der am Herde stand, nahm ein Messer und schnitt zwei Kerbschnitte hinein: "Die zweite Beschimpfung, die Ihr mir antut!" sprach sie dumpf. "Was haben wir mit dem Steinbild zu schaffen?"

"So redet", sagte der Mönch, "wie kommt der Stein in Eure Hütte?"

"Weil er uns gedauert hat", sagte die Waldfrau. "Das mögt Ihr nicht verstehen, die Ihr das Haupt kahl geschoren traget. Der Stein ist drauss gestanden auf dem Felsvorsprung, es war ein zugerichteter Platz und wird mancher in alten Tagen dort gekniet haben, aber jetzt hat sich keiner mehr um ihn gekümmert, die Leute des Waldes haben Holzäpfel drauf gedörrt und Späne drauf gespalten, wie's kam, und des Regens Unbill hat die Bilder verwaschen. 'Der Stein dauert mich', hat meine Mutter gesagt, er war einmal was Heiliges; aber die Knochen derer, die den Mann drauf gekannt und verehrt haben und den Stein, sind längst weiss gebleicht, – es wird ihn frieren den Mann mit dem fliegenden Mantel. Da haben wir ihn ausgehoben und an Herd gestellt: er hat uns noch kein Leids gebracht. – Wir wissen, wie es den alten Göttern zu Mut ist, unsere gelten auch nicht mehr. Lasst Ihr dem Stein seine Ruhe!"

"Eure Götter?" fuhr Ekkehard in seinem fragen fort – "wer sind Eure Götter?"

"Das müsst Ihr wissen", sprach die Alte. "Ihr habt sie vertrieben und in See gebannt: in der Fluten Tiefe liegt alles begraben, der Hort alter Zeit und die alten Götter, wir sehen sie nicht mehr und wissen nur noch die Plätze, wo unsere Väter sie verehrt, eh' der Franke kam und die Männer in den Kutten. Aber wenn der Wind die Wipfel des Eichbaums droben schüttelt, dann kommt's wie Stimmen durch die Lüfte, das ist ihr Klagen