kauerte ein Weib. Sie war nicht so liebreizend wie jene alemannische Jungfrau Bissula, die dem römischen Staatsmann Ausonius einst trotz seiner sechzig Jahre das Herz berückte, dass er idyllendichtend auf seiner Präfekturkanzlei einherschritt und sang: "Sie ist von Augen himmelblau, und golden das rötliche Haar, ein Barbarenkind, hoch über allen Puppen Latiums, der sie malen will, muss Rosen und Lilien mischen121." Das Weib auf dem Hohenkrähen war alt und struppig.
Die Männer schauten nach ihr. Zusehends hellte sich der Himmel im Osten. In die Nebel über dem See kam Bewegung. Jetzt warf die Sonne ihre ersten Strahlen vergüldend über die Berge, bald stieg der feurige Ball empor, da sprang das Weib auf, die Männer erhoben sich schweigend; sie schwang einen Strauss von Mistel und Tannreis, tauchte ihn in das Gefäss mit Blut, sprengte dreimal der Sonne entgegen, dreimal über die Männer, dann goss sie des Gefässes Inhalt in das Wurzelwerk der Eiche.
Die Männer hatten ihre Krüge ergriffen, sie rieben sie in einförmiger Weise dreimal auf dem geglätteten Fels, dass ein summendes Getön entstand, hoben sie gleichzeitig der Sonne entgegen und tranken aus; im gleichen Takte setzte jeder den Krug nieder, es klang wie ein einziger Schlag. Dann warf ein jeglicher seinen Mantel um, schweigend zogen sie den Fels hinab122.
Es war die Nacht des ersten November.
Wie es still geworden auf dem Platz, wollten die Kinder vortreten zur Waldfrau. Audifax hatte sein Streiflein Pergament zur Hand genommen – aber das Weib riss einen Feuerbrand aus der Asche und schritt ihnen drohend entgegen. Da flohen sie in Hast den Berg hinunter.
Fussnoten
A1 Gräulicher Hunger nach Golde, wozu nicht zwingst du der Menschen nimmersattes Gemüt?
Neuntes Kapitel.
Die Waldfrau.
Audifax und Hadumot waren in die Burg von Twiel zurückgekehrt. Ihres nächtlichen Ausbleibens war nicht geachtet worden. Sie schwiegen von den Begegnissen jener Nacht. Auch unter sich. Audifax hatte viel nachzudenken.
In seiner Ziegen Hut war er säumig. Eine seiner Untergebenen verlief sich nach den platten Hügeln hin, die den Lauf des dem Bodensee entströmenden Rheines umsäumen. Da ging er, sie zu suchen; einen Tag blieb er aus, dann kehrte er mit der Entronnenen zurück.
Hadumot freute sich des Erfolges, der ihrem gefährten Schläge ersparte. Der Winter kam mählich heran, die Tiere blieben im Stall. Eines Tages sassen die Kinder am Kaminfeuer in der Knechtstube. Sie waren allein.
"Du denkst noch immer an Schatz und Spruch?" sagte Hadumot. Da zog sie Audifax geheimnisvoll zu sich: "Der heilige Mann hat doch den rechten Gott!" sprach er.
"Warum?" fragte Hadumot.
Er ging in seine kammer hinüber; im Stroh seines Lagers hatte er allerhand Gestein untergebracht, er griff einen heraus und brachte ihn herüber: "Schau an!" sprach er. Es war ein glimmeriger grauer Schieferstein, er umschloss die Reste eines Fisches, in zartem Umriss waren Haupt, Flossen und Gräten dem Schiefer eingedrückt. Den hab' ich drüben am Schiener Berg123 mitgenommen, da ich die Ziege suchen ging. Der muss von der Flut sein, von der der Vater Vincentius einmal gepredigt hat, und die Flut hat der Herr himmels und der Erde über die Welt gehen lassen, da er den Noah das grosse Schiff bauen liess, davon weiss die Waldfrau nichts.
Hadumot wurde nachdenklich: "Dann ist die Waldfrau schuld, dass uns die Sterne nicht in den Schoss gefallen sind, wir wollen sie beim heiligen Mann verklagen."
Da gingen die beiden zu Ekkehard und berichteten ihm, was in jener Nacht auf dem Hohenkrähen vorgegangen. Er hörte sie freundlich an. Des Abends erzählte er's der Herzogin. Frau Hadwig lächelte.
"Sie haben einen seltsamen Geschmack, meine treuen Untertanen", sprach sie. "Überall sind ihnen schmucke Kirchen gebaut, sanft und eindringlich wird das Wort Gottes verkündet, stattlicher Gesang, grosse Feste, Bittgänge mit Kreuz und Fahnen durch wogendes Kornfeld und Flur, – und doch ist's nicht genug. Da müssen sie noch in kalter Nacht auf ihren Berggipfeln sitzen und wissen selber nicht, was sie dort treiben, ausser dass Bier getrunken wird. Wir kennen das. Was haltet Ihr von der Sache, frommer Ekkehard?"
"Aberglaube!" sprach der Gefragte, "den der böse Feind noch immer in abtrünnige Gemüter säet. Ich hab' in unsern Büchern gelesen von den Werken der Heiden, wie sie im Dunkel der Wälder, an einsamen Wegscheiden und Quellen und selbst an den dunkeln Gräbern der Toten ihre zaub'rischen Listen treiben."
"Sie sind keine Heiden mehr", sagte Frau Hadwig. "Ein jeder ist getauft und seinem Pfarrherrn zugewiesen. Aber es lebt noch ein Stück alte Erinnerung in ihnen, die ist sinnlos geworden und zieht sich doch durch ihr Denken und Tun, gleich dem Rhein, wenn er in Winterszeit tief unter des Bodensees Eisdecke geräuschlos weiter fliesst. Was wollt Ihr mit ihnen beginnen?"
"Vertilgen!" sprach Ekkehard. "Wer seinen Christenglauben bricht und dem Gelübde seiner Taufe untreu wird, soll fahren in die ewige Verdammnis."
"Halt an, junger Eiferer", sagte Frau Hadwig; "meinen Hegauer Mannen sollt Ihr darum das Haupt noch nicht abschlagen, dass sie die erste Nacht des Herbstmonats lieber auf dem kalten hohen Krähen sitzen, als auf ihrem Strohlager schlafen; sie tun doch, was sie müssen,