"Mir ist was Böses eingefallen", sprach sie. "Es war einmal ein Mann, der ging pflügen ums Morgenrot, da pflügte er den Goldzwerg aus der Furche, der stand vor ihm und grinste ihn freundlich an und sprach: 'Nimm mich mit! Wer uns nicht sucht, dem gehören wir, wer uns sucht, den erwürgen wir ...' Audifax, ich furcht' mich."
"Gib mir deine Hand", sagte Audifax, "dass du mutig bleibest."
Die Lichter auf der Burg waren erloschen. Dumpfer Hornruf des Wächters auf dem Turm kündete Mitternacht. Da kniete Audifax nieder, und Hadumot kniete neben ihn, er hatte seinen Holzschuh vom rechten Fuss gezogen, dass er mit nackter Sohle auf dem dunkeln Erdreich aufstand, den Pergamentstreifen hielt er in der Hand, und mit fester stimme sprach er die Worte, deren Sinn ihm fremd:
"Auri sacra fames, quid non mortalia cogis Pectora?"
er hatte sie wohl behalten. Und auf den Knien blieben die beiden und harrten dessen, was da kommen sollte ... Aber es kam kein Zwerg und kein Riese und die Erde tat sich auch nicht auf; die Gestirne glänzten zu ihren Häupten kalt und fern, kühl wehte die Nachtluft ... Doch über einen Glauben so fest und tief, wie den der beiden Kinder, soll niemand lachen, auch wenn damit keine Berge versetzt und keine Schätze gefunden werden.
Jetzt Hub sich ein unsicheres Leuchten am Himmelsgewölb', eine Sternschnuppe kam geflogen, ein flimmernder Glanzstreif zeichnete ihre Bahn, viel andere folgten nach – "es kommt von oben", flüsterte Audifax und presste krampfhaft das Hirtenkind an sich, "auri sacra fames ..." rief er noch einmal in die das erste erlosch, das zweite erlosch – es war wieder ruhig am Himmel wie zuvor ...
Lang' und scharf sah sich Audifax um. Dann stand er betrübt auf. "Es ist nichts", sagte er mit zitternder stimme, "sie sind in See gefallen. Sie gönnen uns nichts. Wir werden Hirten bleiben."
"Hast du des heiligen Mannes Spruch auch recht gesagt?" fragte ihn Hadumot.
"Wie er ihn mich lehrte."
"Dann hat er dich nicht den rechten gelehrt. Er wird den Schatz selber heben. Vielleicht hat er ein Netz dortin gelegt, wo die Sterne fielen ..."
"Das glaube' ich nicht", sprach Audifax. "Sein Antlitz ist mild und gut, und seine Lippen sprechen kein Falsch."
Hadumot sann nach.
"Vielleicht weiss er den rechten Spruch nicht?"
"Warum?"
"Weil er den rechten Gott nicht hat. Er hat den neuen Gott. Die alten Götter waren auch stark."
Audifax hielt seiner Gefährtin den Finger auf die Lippen. "Schweig!" sprach er.
"Ich fürchte mich nicht mehr", sagte Hadumot. "Ich weiss noch eine andere, die versteht sich auch auf Sprüche."
"Wen?"
Hadumot deutete hinüber, wo aus lang gestrecktem Tannensaum ein dunkler Bergkegel steil aufstieg. "Die Waldfrau!" antwortete sie.
"Die Waldfrau?" sprach Audifax erschrocken. "Die, die das grosse Gewitter gemacht, wo die Schlossen so gross wie Taubeneier ins Feld einschlugen, und die den Centgrafen von Hilzingen gefressen hat, dass er nimmer heimkam?"
"Eben darum. Wir wollen sie fragen. Die Burg ist uns doch verschlossen und die Nacht kalt."
Das Hirtenmägdlein war keck und mutig geworden. Das Mitleid um Audifax war gross in ihr; sie hätte ihm so gern zu seiner Wünsche Erfüllung verholfen. "Komm!" sprach sie lebhaft, "wenn dir's bange wird im Wald, so blas' auf deiner Pfeife. Die Vögel antworten. Es geht dem Morgen entgegen."
Audifax erhob keinen Einwand mehr. Da gingen sie miteinand durchs dichte Gehölz nordwärts, es war ein dunkler Tannenwald, sie kannten den Pfad. Niemand war des Weges. Nur ein alter Fuchs stand lauernd auf einem Rain, aber er war vom erscheinen der beiden Kinder so wenig befriedigt, als diese von den schnell verflogenen Sternschnuppen.
Auch bei Füchsen kommt oft etwas ganz anderes, als sie wünschen und erwarten. Darum zog er seinen Schweif ein und schlug sich seitwärts.
Sie waren eine Stunde weit gegangen, da stunden sie vor dem Fels Hohenkrähen. Zwischen Bäumen versteckt stunde ein steinern Hauslein; sie hielten. "Der Hund wird laut geben!" sprach Hadumot. Aber kein Hund rührte sich. Sie traten näher, die Tür stand offen.
"Die Waldfrau ist fort!" sprachen sie. Aber auf dem Fels Hohenkrähen brannte ein verglimmend Feuerlein. Dunkle Gestalten regten sich. Da schlichen die Kinder den Felspfad hinauf.
Schon stand ein heller Luftstreif hinter den Bergen am Bodensee. Es ging steil in die Höhe. Oben, wo das Feuer glimmte, war ein Felsenvorsprung. Eine breitgipflige Eiche breitete ihre dunklen Äste aus. Da duckten sich Audifax und Hadumot hinter einen Stein und schauten hinüber. Es war ein Tier geschlachtet worden, ein Haupt, wie das eines Pferdes, war an den Eichstamm genagelt, Spiesse standen über dem Feuer, Knochen lagen umher. In einem Gefäss war Blut.
Am einen zugehauenen Felsblock sassen viele Männer, ein Kessel mit Bier stand auf dem Stein120, sie schöpften daraus mit steinernen Krügen.
An der Eiche