1855_von_Scheffel_157_41.txt

Hadumot?"

"Die Ganshirtin", sprach der Knabe schluchzend.

"Du redest Torheit, geh deiner Wege ..."

Aber Audifax ging nicht.

"Ihr sollt mir's nicht umsonst geben", sagte er, "ich will Euch was Schönes zeigen. Es müssen viele Schätze im Berg sein, ich weiss einen, der ist aber nicht der rechte. Ich möchte' den rechten finden."

Ekkehard ward aufmerksam: "Zeig' mir, was du weisst!" Audifax deutete bergabwärts. Da ging Ekkehard mit ihm zum Burghof hinaus und die Stufen des Burgwegs hinunter; auf des berges Rückseite, wo der blick zu des hohen Stoffeln tannigem Haupt hinüberstreift und zum hohen Höwen, bog Audifax vom Weg ab, sie gingen durchs Gebüsch, kahl, in verwittertem Grau strebte die Felswand vor ihnen zur Himmelsbläue empor.

Audifax bog einen Strauch zurück und riss das Moos auf; in dem grauen Klingstein, der des berges Kern ist, ward eine gelbe Ader sichtbar; in eines Fingers Breite zog sie durchs Gestein. – Audifax löste ein Stück ab, versteinten Tropfen gleich sass der eingesprengte Stoff in der Spalte, strahlend, rundlich, goldgelb, und in weissrötlicher Druse hafteten Opalkristalle.

Prüfend sah Ekkehard auf das abgelöste Stück. Der Stein war ihm fremd. Edelstein war's nicht; die gelehrten Männer haben ihn später Natrolit getauft.

"Seht Ihr, dass ich etwas weiss!" sprach Audifax.

"Was soll ich damit?" fragte Ekkehard.

"Das wisst Ihr besser als ich, Ihr könnt's schleifen lassen und Eure grossen Bücher damit verzierengebt Ihr mir jetzt den Zauber?"

Ekkehard musste des Knaben lachen. "Du sollst Bergknappe werden", sprach er und wollte gehen.

Aber Audifax hielt ihn am Gewand. "Ihr müsst mich jetzt aus Eurem Buch lehren!" "Was?" "Den stärksten Spruch ..." Eine Anwandlung des Scherzes kam über Ekkehards ernstes Antlitz. "Komm mit mir", sprach er, "du sollst ihn haben, den stärksten Spruch." Frohlockend ging Audifax mit ihm. Da sagte ihm Ekkehard lachend den virgilianischen Vers:

"Auri sacra fames, quid non mortalia cogis PectoraA1?"

und mit eiserner Geduld sagte Audifax die fremden Worte her, bis er sie sprachrichtig dem Gedächtnis eingeprägt. "Schreibt mir's auf, dass ich's auf dem Leib tragen kann", bat er ihn. Ekkehard gedachte den Scherz vollständig zu machen und schrieb ihm die Worte auf einen dünnen Pergamentstreif, der Knabe barg's in seiner Brusttasche; hoch schlug sein Herz, wiederum küsste er Ekkehards Gewandin Sprüngen, wie sie die kletterfroheste Ziege nicht machte, sprang er aus dem hof. "Bei diesem kind gilt Virgilius mehr als bei der Herzogin", dachte Ekkehard. Des Mittags sah Audifax wieder auf seinem Steinblock. Aber es perlten keine Tränen mehr in seinen scheuen Angen; seit langem zum erstenmal war die gezogen, der Wind trug die Klänge ins Tal hinab. Vergnügt kam seine Freundin Hadumot zu ihm herüber. "Wollen wir wieder Seifenblasen machen?" fragte sie ihn.

"Ich mache keine Seifenblasen mehr!" sprach Audifax und blies auf seiner Pfeife weiter. Dann stunde er auf, sah sich sorgsam um, zog Hadumot zu sichsein Auge glänzte seltsam: "Ich bin beim heiligen Mann gewesen", raunte er ihr ins Ohr, "heute nacht heben wir den Schatz, du gehst mit." Hadumot versprach's ihm.

Der dienenden Leute Nachtessen in der Gesindestube war zu Ende; gleichzeitig standen sie alle von ihren Bänken auf und stellten sich in die Reihe; zu unterst waren Audifax und Hadumot gesessen, die junge Hirtin sprach den grobkörnigen Menschen das Gebet vor, sie zitterte heute mit der stimme ...

Eh' der Tisch abgeräumt war, huschte es wie zwei Schatten zu dem noch unverschlossenen Burgtor hinaus, es waren die zwei Kinder, Audifax ging voran. "Die Nacht wird kalt sein", hatte er zu Hadumot gesagt und ihr ein langhaariges Ziegenfell umgeworfen. Da, wo der Berg jäh nach Süden hin abfällt, war ein alter Erdwall gezogen, dort machte Audifax haltsie waren vor dem Herbstwind geschützt. Er streckte seinen Arm in gerader Richtung aus: "Ich meine, hier soll's sein!" sprach er. "Wir müssen noch lang' warten, bis Mitternacht."

Hadumot sprach nichts. Die beiden setzten sich dicht nebeneinander. Der Mond war aufgegangen, sein Licht zitterte durch halbdurchsichtiges Gewölk. Auf der Burg oben waren etliche Fenster hell, sie sassen wieder über dem Virgilius droben ... am Berg war's still, selten strich der Schleiereule heiserer Ruf herüber. Nach langer Frist fragte Hadumot schüchtern: "Wie wird's werden, Audifax?"

"Ich weiss nicht", war die Antwort. "Es wird einer herkommen und wird ihn herbringen, oder die Erde tut sich auf und wir steigen hinunter, oder ..."

"Sei still", sprach Hadumot, "ich fürcht' mich."

Und wieder war eine gute Frist vergangen, Hadumot hatte ihr Haupt an Audifax' Brust gelehnt und war eingeschlummert, er aber rieb sich den Schlaf aus den Augen, dann schüttelte er seine Gefährtin. "Hadumot", sprach er, "die Nacht ist lang, erzähl' mir was."