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vor seiner Seele stand die hohe Gestalt der Herzogin, und wenn er sie recht ins Auge fasste, so schaute auch Praxedis' schwarzäugig Köpflein über ihrer Herrin Schulter zu ihm herüber – "was aus all dem noch werden soll?" Er trat ans Fenster, eine kühle Herbstluft wehte ihm entgegen, ein dunkler eherner unendlicher Himmel spannte sich über das schweigende Land, die Sterne funkelten, nah, fern, licht, matt; so gross hatte er das Himmelsgewölbe noch niemals erschautauf Bergesgipfeln ändert sich das Mass der Dingelang' stand er so, da ward's ihm unheimlich, als wollten ihn die Gestirne hinaufziehen zu sich, als sollt' er leicht und geflügelt der stube entschweben ... er schloss das Fenster, bekreuzte sich und ging schlafen.

Des andern Tages kam Frau Hadwig mit Praxedis, der Grammatik zu pflegen. Sie hatte Wörter gelernt und Deklinationen und wusste ihre Aufgabe. Aber sie schien zerstreut.

"Habt Ihr etwas geträumt?" fragte sie den Lehrer, wie die Stunde abgelaufen war.

"Nein."

"Gestern auch nicht?"

"Nein."

"Ist schade, es soll eine Vorbedeutung in dem liegen, was einer in den ersten Tagen am neuen Wohnort träumt ... Höret", fuhr sie nach einer Pause fort, "seid Ihr nicht ein recht ungeschickter Mensch?"

"Ich?" fuhr Ekkehard betroffen auf.

"Ihr geht mit Dichtern um, warum habt Ihr nicht einen anmutigen Traum ersonnen und mir erzählt; Dichtung ist soviel wie Traum, es hätt' mir Freude gemacht."

"Ihr befehlet", sprach Ekkehard, "so Ihr mich wieder fraget, will ich einen Traum erzählen, auch wenn ich ihn nicht geträumt habe."

Solcherlei Gespräch war für Ekkehard neu, unklar.

"Ihr habt mir Eure Ansicht vom Virgilius gestern vorentalten", sprach er.

"Ja so", sprach Frau Hadwig. "Höret, wenn ich Herrin im Römerland gewesen, ich weiss nicht, ob ich nicht die Gesänge verbrannt und den Mann für immer schweigen geheissen hätte ..."

Ekkehard sah sie starr verwundert an.

"Es ist mein Ernst!" fuhr sie fort. "Wisst Ihr warum? – weil er die Götter seines Landes schlecht macht. Ich hab' gute Acht gehabt, wie Ihr der Juno Reden gestern vortruget. Des Herrn aller Götter Ehefrauund trägt eine Wunde im Gemüt, dass ein troischer Hirtenknab' sie nicht für die Schönste erklärt, und ist nicht imstande, aus eigener Macht einen Sturm zu befehlen, dass die paar Schifflein zertrümmert werden, und muss den Äolus durch Antragung einer Nymphe verführen ... und Neptun will Herrscher der Meere sein und lässt sich von fremdem Gewind Sturm und Wetter in sein Reich blasen und merkt's erst, wie es fast vorbei istwas ist all das für ein Wesen? Als Herzogin sag' ich Euch, in dem Reich, dessen Götter gescholten werden, möchte' ich den Scepter nicht führen."

Ekkehard schien um eine Antwort verlegen. Was das Altertum an Schriftwerk überliefert, stand ihm da als ein Festes, Unerschütterliches, wie altes Gebirg'; er war zufrieden, sich in Bedeutung und Verständnis einzuarbeiten, – nun solche Zweifel!

"Erlaubet, Herrin", sprach er, "wir haben noch nicht weit gelesen, es steht zu hoffen, dass Euch die Menschen der Äneis besser gefallen. Wollet auch bedenken, dass zur Zeit, wo Augustus, der Kaiser, seine Untertanen aufzeichnen liess, das Licht der Welt zu Betlehem zu leuchten anhub; es geht die Sage, dass auch auf Virgilius ein Strahl davon gefallen, da mochten ihm die alten Götter nicht mehr gross sein ..."

Frau Hadwig hatte gesprochen nach dem ersten Eindruck. Mit dem Lehrer streiten mochte sie nicht.

"Praxedis", sprach sie scherzend, "was ist deine Meinung?"

"Mein Denken geht nicht so hoch", sprach die Griechin. "Mir kam alles so natürlich vor, drum war mir's lieb. Und am besten hat mir gefallen, wie die Frau Juno ihrer Nymphe den Äolus zum Ehgemahl verschafft; wenn er auch ein wenig alt ist, so ist er doch ein König der Winde und sie ist gewisslich gut bei ihm versorgt gewesen ..."

"Gewiss! –" sprach Frau Hadwig und winkte ihr, zu schweigen. "Nun wissen wir doch auch, wie Kammerfrauen den Virgilius lesen."

Ekkehard war durch der Herzogin Widerspruch zu grösserem Eifer gereizt. Mit Begeisterung las er am Abend des weiteren, wie der fromme Äneas auf Erspähung des libyschen Landes auszog und ihm seine Mutter Venus entgegentritt in Gewand und Waffen einer Sparterjungfrau, den leichten Bogen um die Schulter, den wallenden Busen kaum in des aufgeschürzten Gewandes Knüpfung verborgenund wie sie des Sohnes Schritt der tyrischen Fürstin entgegenlenkt. Und weiter las er, wie Äneas zu spät die göttliche Mutter erkanntevergebens ruft er ihr nach, sie aber hüllt ihn in Nebel, dass er unerkannt zur neuen Stadt gelange ... wo die Tyrerin zu Junos Ehren den mächtigen Tempel gründet, steht er und schaut, von Künstlerhand gemalt, die Schlachten von Troja; am leeren Abbild vergangener Kampfarbeit weidet sich seine Seele.

Jetzt naht sie selber, Dido, die Herrin des Landes, antreibend das Werk und die künftige herrschaft:

"Und an der Pforte der Göttin,