Tür gegenüber war mit Kohle ein Sprüchlein an die Wand geschrieben. "Marta, Marta, du machst dir um vielerlei sorge und Unruh'!" las Ekkehard; "soll das des Verstorbenen letzter Wille sein?" fragte er seine liebliche Wegweiserin.
Praxedis lachte: "'s war gar ein behaglicher Herr", sprach sie, "der Herr Vincentius selig. Ruhe ist mehr wert als ein Talent Silbers116, hat er oft gesagt. Die Frau Herzogin aber hat ihm arg zugesetzt, immer gefragt und was anderes gefragt: heute von den Sternen am Himmel, morgen von Arzneikraut und Heilmitteln, übermorgen aus der Heiligen Schrift und Überlieferung der Kirche – 'wozu habt Ihr studiert, wenn Ihr keinen Bescheid wisset?' dräute sie, und Herr Vincentius hat einen schweren Stand gehabt –"
Praxedis deutete schalkhaft mit dem Zeigefinger nach der Stirn –
"Mitten im Land Asia", hat er meistens erwidert, "liegt ein schwarzer Marmelstein; wer den aufhebt, der weiss alles und braucht nicht mehr zu fragen ... Er war aus Bayerland, der Herr Vincentius, den Bibelspruch hat er wohl zu seinem Trost hingeschrieben."
"Pflegt die Herzogin so viel zu fragen?" sprach Ekkehard zerstreut.
"Ihr werdet's wahrnehmen", sagte Praxedis.
Ekkehard musterte die zurückgebliebenen Bücher. "Es tut mir leid um die Tauben, die werden abziehen müssen."
"Warum?"
"Sie haben das ganze erste Buch des, Gallischen krieges' verdorben, und der Brief an die Korinter ist mit untilgbaren Flecken belastet ..."
"Ist das ein grosser Schaden?" fragte Praxedis.
"Ein sehr grosser!"
"O ihr arme böse Tauben", scherzte die Griechin, "kommt her zu mir, eh' der fromme Mann euch hinausjagt unter die Häher und Falken."
Und sie lockte den Vögeln, die unbefangen in der Büchernische verblieben waren, und wie sie nicht kamen, warf sie einen weissen Wollknäuel auf den Tisch, da flog der Tauber herüber, vermeinend, es sei eine neue Taube angekommen, und ging dem Knäuel mit gemessenen Schritten entgegen, zwei vor und einen zurück, und verbeugte sich und grüsste mit langgezogenem Gurren. Praxedis aber nahm den Knäuel an sich, da flog ihr der Vogel auf den Kopf.
Da hub sie leise an, eine griechische Singweise zu summen; es war das Lied des alten, ewig jungen Sängers von TejosA1:
"Ei sieh, du holdes Täubchen,
Wo kommst du hergeflogen?
Woher die Salbendüfte,
Die du, die Luft durchwandelnd,
Aushauchst und niederträufelst?
Wer bist du? was beliebt dir?"
Ekkehard horchte hoch auf und warf einen schier erschrockenen blick von dem Kodex, den er durchblätterte, herüber; wäre sein auge' für natürliche Anmut geübter gewesen, so hätt' es wohl länger auf der Griechin haften dürfen. Der Tauber war ihr auf die Hand gehüpft, sie hielt ihn mit gebogenem Arm in die parischen Marmorblock zur Venus von Knidos umschuf, hätte das Bild dauernd seinem Gedächtnis eingeprägt.
"Was singt Ihr?" fragte Ekkehard. "Das klingt ja wie fremde Sprache."
"Warum soll's nicht so klingen?"
"Griechisch?!"
"Warum soll ich nicht Griechisch singen?" gab ihm Praxedis schnippisch zurück.
"Bei der Leier des Homerus", sprach Ekkehard verwundert, "wo in aller Welt habt Ihr das erlernet, unserer Gelehrsamkeit höchstes Ziel?"
"Zu haus! ..." sagte Praxedis gelassen und liess die Taube zurückfliegen.
Da schaute Ekkehard noch einmal in scheuer Hochachtung herüber. Bei Aristoteles und Plato war's ihm seiter kaum eingefallen, dass auch zur Zeit noch lebende Menschen griechischer Zunge auf der Welt seien. Wie eine Ahnung zog's durch seinen Sinn, dass hier etwas verkörpert vor ihm stehe, das ihm trotz aller geistlichen und weltlichen Weisheit fremd, unerreichbar ...
"Ich glaubte als Lehrer gegen Twiel zu kommen", sprach er wehmütig, "und finde meine Meister. Wollt Ihr von Eurer Muttersprache mir nicht auch dann und wann ein Körnlein zuwenden?"
"Wenn Ihr die Tauben nicht aus der stube verjagt", sprach Praxedis. "Ihr könnt ja ein Drahtgitterlein vor die Nische ziehen, wenn sie Euch ums Haupt fliegen wollen."
"Am eines reinen Griechisch willen ..." wollte Ekkehard erwidern, aber die tür der engen Klause war aufgegangen. –
"Was wird hier von Tauben und reinem Griechisch verhandelt?" klang Frau Hadwigs scharfe stimme. "Braucht man so viel Zeit, um diese vier Wände anzuschauen? Nun, Herr Ekkehard, taugt Euch die Höhle?"
Er nickte bejahend.
"Dann soll sie gesäubert und in Stand gesetzt werden", fuhr Frau Hadwig fort. "Auf, Praxedis, die hände gerührt und vor allem das Taubenvolk verjagt!"
Ekkehard wollte es wagen, ein Wort für die Tauben einzulegen.
"Ei so", sprach Frau Hadwig, "Ihr wünschet allein zu sein und Tauben zu hegen. Soll man Euch nicht auch eine Laute an die Wand hängen und Rosenblätter in Wein streuen? Gut, wir wollen sie nicht verjagen; aber heute abend sollen sie gebraten unsern Tisch zieren."
Praxedis tat, als habe sie nichts gehört.
"Wie war's mit dem reinen Griechisch?" fragte nun die Herzogin. Unbefangen erzählte ihr Ekkehard, um was er die