, gewichtiger Miene, denn ein Kämmerer muss gewandt sein und auch das Widersprechende in Form zu bringen wissen.
Ekkehard lächelte: "Für einen Scherz", sagte er, "habt Ihr's recht ernstaft ausgeführt." Er gedachte dabei insbesondere, wie ihm einer der Reitersmänner, da sie ihn in die Sänfte warfen, mit erzbeschlagenem Lanzenschaft einen schweren Stoss in die Seite versetzt. Das stand freilich nicht in der Herzogin Befehl, aber der Reitknecht war schon unter Luitfried, des Kammerboten Neffen, dabei gewesen, wie sie den Bischof Salomo einstmals niederwarfen, und hatte sich von dazumal die irrige Meinung eingeprägt, bei Niederwerfung geistlicher Herren gehöre ein fester Faustschlag, Stoss oder Fusstritt unumgänglich zum Landbrauch114.
Jetzt führte Frau Hadwig ihren Gast an der Hand durch den Schlosshof und wies ihm ihre lustige Behausung und die stolze Fernsicht nach Bodensee und Alpenkuppen, und der Burg Leute baten um seinen Segen – auch die Reitknechte kamen und die Träger der Sänfte, und er segnete sie alle.
Dann geleitete ihn die Herzogin bis an den Eingang. Ein Bad war ihm zurechtgemacht115 und frische Gewandung bereitet; sie hieb ihn sich pflegen und ausruhen, und Ekkehard war fröhlich und guter Dinge nach leicht erstandener Gefahr ...
In der Nacht, die jenem Tage folgte, trug sich's im Kloster Sankt Gallen zu, dass Romeias, der Wächter, ohn' allen Anlass von seiner Matte auffuhr und grimmig in sein Horn stiess, so dass die Hunde im Klosterhof anschlugen und alles wach wurde und zusammenlief – und war doch weit und breit niemand, der Einlass begehrte. Der Abt schrieb's auf Rechnung böser Geister, liess aber zugleich des Romeias Vespertrunk sechs Tage lang auf die Hälfte herabsetzen, – eine Massregel, die jedoch auf Voraussetzung eines gänzlich unrichtigen Grundes beruhte.
Fussnoten
A1 "Gewesen sind wir Troer", sagt der Priester Pantus bei der Eroberung Iliums ("Äneis" 2, 325). A2 Cicero in der zweiten Catilinarischen Rede. A3 Aus einer Ode des Horaz (II, 6): "Dies Plätzchen gefällt mir vor allen ..." A4 Fliehet eiligst!
Siebentes Kapitel.
Virgilius auf dem hohen Twiel.
Wenn einer seine Übersiedlung an neuen Wohnsitz glücklich bewerkstelligt hat, dann ist's ein anmutig und reizend Geschäft, sich wohnlich einzurichten.
Ist auch gar nicht so gleichgültig, in was stube und Umgebung einer haust, und wessen Fenster auf die Heerstrasse zielen, wo die Lastwagen fahren und die Steine geklopft werden, bei dem halten sicherlich mehr graue und verstäubte als buntfarbige Gedanken Einkehr.
Darüber hatte sich nun Ekkehard keine sorge zu machen, denn die Herzogsburg auf dem Twiel lag luftig und hoch und einsam, – aber ganz zufrieden war er auch nicht, als ihm Frau Hadwig tages nach seiner Ankunft seinen Wohnsitz anwies.
Es war ein gross luftig Gemach mit säulendurchteiltem Rundbogenfenster, aber an demselben gang gelegen, an den auch der Herzogin Saal und Zimmer stiessen. Der Eindruck, den einer aus abgeschiedener Klosterzelle mitnimmt, lässt sich nicht über Nacht verwischen. Und Ekkehard gedachte, wie er oftmals möge von seiner Betrachtung abgezogen werden, wenn geharnischter Fusstritt und Sporenklang oder leises Huschen dienender Mägde an seiner Tür vorüberstreife, oder wenn er sie selber, die Herrin der Burg, möge einhergehen hören – unbefangen wandte er sich an Frau Hadwig: "Ich hab' ein Anliegen, hohe Frau!"
"Redet", sagte sie mild.
"Möchtet Ihr mir nicht zu sotanem Gelass ein fern gelegen Stüblein zuweisen, – und wenn's unterm Dach oder in einem der Warttürme wäre. Der Wissenschaft, wie des Gebetes Pflege heischt einsame Stille, Ihr kennet ja des Klosters Brauch."
Da legte sich eine leise Falte über Frau Hadwigs Stirn, eine Wolke war's nicht, aber ein Wölklein. "Ihr sehnet Euch danach, oftmals allein zu sein?" fragte sie spöttisch. "Warum seid Ihr nicht in Sankt Gallen geblieben?"
Ekkehard neigte sich und schwieg.
"Halt an", rief Frau Hadwig, "es soll Euch geholfen werden. Seht Euch das Gelass an, in dem Vincentius, unser Kapellan, bis an sein selig ende' gehaust hat, der hat auch so einen Raubvogelgeschmack gehabt und war lieber der höchste auf Twiel als der bequemste. Praxedis, hol' den grossen Schlüsselbund und geleite unsern Gast."
Praxedis tat nach dem Gebot. Das Gemach des seligen Kapellans war hoch oben im viereckigen Hauptturm der Burg; langsam stieg sie mit Ekkehard die finstere Wendeltreppe hinauf, der Schlüssel knarrte schwer im lang' nicht gedrehten Schloss. Sie traten ein. Da sah's gut aus.
Wo ein gelehrter Mann gehaust, braucht's ein Stück Zeit, um seine Spuren zu verwischen. Es war ein mässiger Geviertraum, weisse Wände, wenig Hausrat, Staub und Spinnweb allentalb; auf dem Eichentisch stand ein Büchslein mit Schreibsaft, längst war's eingetrocknet, im Winkel ein Krug, drin vielleicht einst Wein gefunkelt, auf einem Brett der Wandnische glänzten einige Bücher, aufgeschlagene Pergamentrollen lagen dabei, aber, o Leidwesen! der Sturm hatte das Fensterlein zerschlagen, der Patz in Vincentius' stube war seit seinem Tod für Sonne und Regen, Mücken und Vögel frei geworden; eine Schar Tauben war eingezogen, in ungestörter Besitzergreifung hatten sie sich zwischen der Bücherweisheit angesiedelt, auf den Briefen des heiligen Paulus und auf Julius Cäsars "Gallischem Krieg" nisteten sie und schauten verwundert den Eingetretenen entgegen.
Der