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und schmucklose Fischerhütten standen um das Grabkirchlein, das Radolfs Gebeine birgt.

"Wir sind an Moengals Pfarrhaus", sprach der Alte, "tretet ein. Ihr werdet hoffentlich dem Bischof zu Konstanz keinen Bericht von meinem Hauswesen erstatten wie jener Dekan von Rheinau, der behauptete, er habe bei mir Krüge und Trinkhörner von einer jedem Zeitalter verhassten Grösse erschauen müssen108."

Sie traten in eine holzgetäfelte Halle. Hirschgeweih und Auerochsenhörner hingen über dem Eingang, Jagdspiesse, Leimruten, Fischgarne lehnten in malerischer Unordnung an den Wänden, an das umgestürzte Fässlein im Winkel schmiegte sich der Würfelbecher: wäre es nicht des Leutpriesters Behausung gewesen, so hätte füglich auch der Förster des kaiserlichen Bannwaldes hier wohnen können.

In kurzem stunde ein Krug säuerlichen Weines auf dem Eichentisch, auch Brot und Butter lieferte die Vorratskammer. Dann kam der Leutpriester aus der Küche zurück, hielt sein Gewand wie eine gefüllte Schürze und schüttete einen Platzregen von geräucherten Gangfischen vor seinen Gast. "Heu, quod anseres fugasti antvogelosque et horotumblum! Weh, dass du mir die Wildgänse verscheucht und die Enten samt der Rohrdommel109!" sprach er, "aber wenn einer nur die Wahl zwischen Gangfisch und gar nichts hat, greift er immer noch zum erstern."

Glieder derselben Genossenschaft sind schnell befreundet. Ein lebhaft Gespräch erhob sich beim Imbiss. Aber der Alte hatte mehr zu fragen, als Ekkehard beantworten konnte; von so manchem seiner alten Brüder war nichts mehr zu berichten, als dass sein Sarg eingemauert stand bei dem der andern und ein Kreuz an der Wand und ein Eintrag im Totenbuch die einzige Spur, dass er gelebt; – die Geschichten und Spässlein und Klosterfehden, wie sie vor dreissig Jahren erzählt wurden, waren durch neue ersetzt, und was seit damals geschehen, liess ihn gleichgültig. Nur wie Ekkehard von dem Zweck und Ziel seiner Fahrt sprach, rief er: "Hoiho, Konfrater, was habt Ihr wider die Jagd gesprochen und ziehet ja selber auf Edelwild aus!"

Aber Ekkehard lenkte ab. "Habt Ihr noch nie Heimweh nach des Klosters Stille und Wissenschaft verspürt?" fragte er.

Da flammte des Leutpriesters auge': "Ward Catilina von Heimweh nach den Holzbänken des römischen Senats geplagt, nachdem von ihm gesagt war: excessit, evasit, erupitA2? Junges Blut versteht das nicht. Fleischtöpfe Ägyptens?! ille terrarum mihi praeter omnesA3... sprach der Hund zum Stall, in dem er sieben Jahre gelegen."

"Ich verstehe' Euch allerdings nicht", sprach Ekkehard. "Was schuf Euch solche Änderung der Sinnesart?" Er warf einen Seitenblick auf das Jagdgerät.

"Die Zeit", gab der Leutpriester zurück und klopfte seinen Gangfisch auf dem Eichentisch mürb, – "die Zeit und wachsende Erkenntnis. Das braucht Ihr aber Eurem Abte nicht zu berichten. Bin auch einmal ein Bursch gewesen wie Ihr, Irland zieht fromme Leute, sie wissen's hierzulande. Eheu, wie war ich untadligen Gemütes, wie ich mit Oheim Marcus von der Wallfahrt gegen Rom zurückkam110. Hättet den jungen Moengal sehen sollen, die ganze Welt war ihm keinen Gründling wert, aber Psallieren, Vigilien singen, geistliche Übungen halten: das war mein Labsal. Da ritten wir in Gallus' Kloster eineinem heiligen Landsmann zu Ehren macht ein braver Irländer schon ein paar Meilen um, – ich aber bin ganz dort hängengeblieben. Kleider, Bücher, Gold und Wissen, der ganze Mensch ward des Klosters, und der irische Moengal ward Marcellus geheissen und warf seines Oheims silberne und goldene Pfennige zum Fenster hinaus, dass die brücke abgebrochen sei, die zur Welt zurückführt. Waren schöne Jahre, sag' ich Euch, hab' gewacht und gebetet und studiert nach Herzenslust.

Aber viel Sitzen ist schädlich dem Menschen, und viel Wissen macht überflüssige Arbeit. Manchen Abend hab' ich gegrübelt wie ein Bohrwurm und disputiert wie eine Elster, nichts war unergründlich: wo das Haupt Johannis, des Täufers, begraben liege, und in welcher Sprache die Schlange zu Adam gesprochenalles klar erörtert, nur daran war ich nicht zu denken geraten, dass der Mensch auch Knochen und Fleisch und Blut mit sich in die Welt bekommen. Hoiho, Konfrater, da kamen böse Stunden, mögen sie Euch erspart bleiben! der Kopf ward schwer, die hände unruhig, am Schreibtisch kein Bleiben, in der Kirche kein Knieenfort! hiess es, nur fort und hinaus! Dem alten Tieto sagt' ich dereinst, ich habe eine Entdeckung gemacht. Was für eine? Dass es jenseits unserer Mauern frische Luft gebe ... Da versagten sie mir den Ausgang, aber manche Nacht bin ich heimlich auf den Glockenturm gestiegen111 und hab' hinausgeschaut und die Fledermäuse beneidet, die in Tannenwald hinüber flogen ... Konfrater, dagegen hilft kein Fasten und kein Beten, was im Menschen steckt, muss heraus.

Der vorige Abt hat billige Einsicht genommen und mich auf Jahresfrist hierher geschickt, aber der Bruder Marcellus kam nimmer heim. Wie ich hier im Schweiss meines Angesichtes den Tannbaum fällte und den Nachen zimmerte und den Strichvogel aus den Lüften herunterholte, da ist mir ein Licht aufgegangen, was gesund sein heisstFischfang und Weidwerk beizen die unnützen Mücken aus dem Kopfso stehe ich seit dreissig Jahren der Zelle Radolfi vor, rusticitate quadam imbutus, einer gewissen Verbauerung ausgesetzt, was verficht's? Ich bin gleich der Kropfgans in der Wüste, gleich der Eule, die in Trümmern nistet