sprach er höhnisch, "da Ihr die Nonne Clotildis in der Dialektik unterrichtet104?"
Damit ging er hinab zu seinem Schiffe. Der Abt hätte lieber ein Büchslein mit Pfeffer zum Frühmahl eingenommen als diese Erinnerung. "glückliche Reise!" rief er dem Scheidenden nach.
Von dieser Zeit hatte Ekkehard es mit den Reichenauer Klosterleuten verdorben. Er liess sich's nicht kümmern und fuhr mit seinem Ermatinger Fergen den Untersee hinab.
Träumerisch schaute er aus seinem Schifflein hinaus ins Weite. Im durchsichtigen Duft des Morgens wogte der See, zur Linken hoben sich die schlanken Türmchen von Eginos Klause Niederzell, – dort streckt das Eiland seine letzten Spitzen ins Gewässer hinaus, eine steinerne Pfalz schaute aus den Weidenbüschen vor – aber Ekkehards blick haftete auf der Ferne, der er zusteuerte; gross, stolz, in steiler kecker Linie trat ein felsiger Bergrücken aus dem Gehügel des Ufers vor, gleich dem Gedanken eines Geistesgewaltigen, der wuchtig und tatenschwer flache Umgebung überragt, die Frühsonne warf helle Streiflichter auf Felskanten und Gemäuer. Fern zur Rechten hoben sich etliche niedere Kuppen von gleicher Form, bescheiden, als wären sie Feldwachen, die der Grosse ausgesendet.
"Der Hohentwiel!" sprach der Fährmann zu Ekkehard. Der hatte das Ziel seiner Fahrt in früheren Tagen noch niemals erschaut, aber es brauchte des Schiffers Wort nicht, um's ihm zu sagen. So musste der Berg sein, den sie zu ihrem Sitze erkoren. Eine ernste Stimmung kam über Ekkehard. Züge des Gebirges, weite Flächen, wasser und Himmel, grosse Landschaft wirkt jederzeit Ernst im Gemüt, nur des Menschen Getrieb ruft ein Lächeln auf des Beschauers Lippe. Er gedachte des Apostel Johannes, wie der einst der Felseninsel Patmos entgegengefahren, und wie ihm dort eine Offenbarung aufgegangen ...
Der Fährmann steuerte rüstig vorwärts. Schon waren sie dem Ufervorsprung, der die Zelle Radolfs und die wenig umliegenden Behausungen trägt, nahe. Da trieb ein seltsam Schifflein im See, roh, ein hohler Baumstamm, aber ganz verdeckt und überbaut mit grünem Gezweig und Schilfrohr, und war kein Ruderer zu erschauen, der es lenkte. Der Wind schaukelte es dem Geröhricht am Gestade entgegen.
Ekkehard hiess seinen Fergen das absonderliche Fahrzeug anhalten. Da stiess derselbe mit seiner Ruderstange in die grüne Verhüllung.
"Pest und Aussatz Euch ins Gebein!" fluchte es mit tiefer stimme aus der Höhlung hervor, "oleum et operam perdidi, Hopfen und Malz ist verloren. Wildgans und Kriekente sind des Teufels!"
Ein Zug Wasservögel, der mit heiserem Geschnatter in der Nähe aufstieg und landeinwärts flog, bestätigte des Fluchenden Ausspruch.
Im Buschwerk des Schiffleins aber knisterte es und hob sich auf, ein wettergebräuntes, runzeldurchfurchtes Antlitz schaute herüber, um den Leib schmiegte sich ein verblichen geistlich Kleid, das, an den Knieen mit unsicherem Messerschnitt gekürzt, zerzaust herabhing; im Gürtel stak ein Köcher statt des Rosenkranzes, die gespannte Armbrust lag auf des Schiffleins Vorderteil.
"Pest und Aussatz" – wollte des Fahrzeugs Insasse nochmals anheben, da schaute er Ekkehards Tonsur und Benediktinergewand und änderte den Ton: "Hoiho! salve confrater! Beim Bart des heiligen Patrik von Armagh, so mich Euer Fürwitz noch eine Viertelstunde länger ungehindert gelassen, könnt' ich Euch zu einem weidlichen Bissen Seewildbret einladen." Mit Bewegung schaute er den in die Ferne streichenden Wildenten nach.
Ekkehard aber hob lächelnd den Zeigefinger: "Ne clericus venationi incumbat! Kein Geweihter des Herrn soll der Jagd pflegen105."
"Stubenweisheit", rief der andere, "gilt nicht bei uns am Untersee. Seid Ihr etwann gesendet, beim Leutpriester zu Radolfszelle Kirchenschau zu halten?"
"Beim Leutpriester zu Radolfszelle?" fragte Ekkehard. "Steht hier der Bruder Marcellus vor mir?" Er tat einen Seitenblick auf des Weidmanns rechten Arm, an dem sich die Kutte zurückgestreift hatte; in rauhen Linien war ein von einer Schlange umwundenes Heilandbild eingeätzt und stunde mit punktierten Buchstaben drüber Christus vindex106.
"Bruder Marcellus?" lachte der Gefragte und strich mit der Hand über die Stirn, "fuimus TroesA1, willkommen in Moengals Revier!"
Er stieg aus seinem hohlen Baum in Ekkehards Schiff hinüber. "Der heilige Gallus soll leben!" sprach er und küsste ihn auf Wange und Stirn, "lasset uns ans Land fahren, Ihr seid mein Gast, wenn auch ohne Wildenten."
"Euch hab' ich mir anders vorgestellt", sprach Ekkehard. Das war kein Wunder.
Nichts gibt ein falscher Bild von Menschen, als nach ihnen an denselben Ort kommen, wo sie einst gewirkt, vereinzelte Reste ihrer Tätigkeit sehen und aus dem Gerede der Zurückgebliebenen sich eine Vorstellung des Weggegangenen schaffen. Tiefstes und Eigenstes bleibt dritten meist unbeachtet, auch wenn's offen zutag' liegt, in der Überlieferung schwindet's ganz. Als Ekkehard ins Kloster trat, war der Bruder Marcellus schon nach der verlassenen Zelle Radolfs als Pfarrherr abgegangen. Etliche zierlich geschriebene Urkunden, Ciceros Buch von den Pflichten, und ein lateinischer Priscianus mit irischer Schrift zwischen den Zeilen erhielten sein Andenken. Viel verehrt lebte sein Name noch an der inneren Klosterschule, er war der tüchtigsten Lehrer einer gewesen, tadellos sein Wandel. Seiter war er in Sankt Gallen verschollen. Darum hatte sich Ekkehard statt des Weidmanns im See einen ernsten, hagern, blassen Gelehrten erwartet.
Das Gestad von Radolfs Zelle war erreicht; eine dünne, nur auf einer Seite geprägte Silbermünze stellte den Fährmann zufrieden107. Sie gingen ans Land. Wenig Häuser