erwägend, ordnen wir dem einzelnen eine halbe Mass für den Tag zu. Keiner aber soll trinken bis zur Sättigkeit, denn der Wein macht auch den Weisesten abtrünnig vom Pfade der Weisheit ...74"
"Gut!" sprach Spazzo und trank seinen Becher aus.
"Wisst Ihr aber auch", fragte Sindolt, "was den Brüdern zu tun vorgeschrieben steht, in deren Gegend wenig oder gar kein Rebensaft gedeihen mag? Die sollen Gott loben und preisen und nicht murren."
"Auch gut!" sprach Spazzo und trank wiederholt seinen Becher aus.
Der Abt suchte inzwischen seine fürnehme Base nach Kräften zu unterhalten. Er fing an, Herrn Burkhards trefflichen Eigenschaften einen Nachruf zu halten. Aber Frau Hadwigs Antworten waren karg und einsilbig. Da merkte der Abt, dass alles seine Zeit habe, namentlich die Liebe einer Witib zum verstorbenen Ehemann. Er wandte das Gespräch und fragte, wie ihr des Klosters schulen gefallen.
"Mich dauert das junge Völklein", sprach die Herzogin, "dass es in jungen Tagen so vieles erlernen muss. Ist das nicht wie eine Last, die Ihr ihnen aufbürdet, an der sie zeitlebens keuchend schleppen müssen?"
"Erlaubet, edle Base", erwiderte der Abt, "dass ich Euch als Freund und Blutsverwandter gemahne, weniger in den Tag hinein zu reden. Das Studium der Wissenschaft ist dem jungen Menschen kein lästiger Zwang, es ist wie Erdbeeren; je mehr er geniesst, desto grösser der Hunger."
"Was hat aber die heidnische Kunst Logica mit der Gottesgelahrteit zu schaffen?" fragte Frau Hadwig.
"Die wird in rechten Händen zur Waffe, die Kirche Gottes zu schützen", sprach der Abt. "Mit ihren Künsten haben der Ketzer viele die Gläubigen angefochten, jetzt fechten wir mit gleichem Rüstzeug wider sie, und glaubet mir, ein sauber Griechisch oder Latein ist eine feinere Waffe als unsere einheimische Sprache, die sich auch in des Gewandtesten Hand nur wie eine Keule schwingt."
"Ei", sprach die Herzogin, "müssen Wir noch bei Euch lernen, was fein sei? Ich habe seiter gelebt, ohne Latein zu sprechen, Herr Vetter."
"Es möchte' Euch nicht schaden, wenn Ihr's noch lerntet", sprach der Abt. "Und wenn die ersten Wohlklänge der Latinität Euer Gehör erquickt haben, werdet Ihr zugeben, dass unsere Muttersprache ein junger Bär ist, der nicht stehen und gehen lernt, wenn ihn nicht klassische Zunge beleckt75. Zudem lehrt alter Römer Mund Weisheit, fraget einmal den Mann zu Eurer Linken."
"Ist's wahr?" wandte sich Frau Hadwig an Ekkehard, der schweigend dem Zwiespruch gelauscht hatte.
"Es wäre wahr, hohe Herrin!" sprach er mit Feuer, "so es Euch vonnöten wäre, Weisheit zu lernen."
Frau Hadwig drohte mit dem Finger: "Habt Ihr selber denn Erquickung aus den alten Pergamenten geschöpft?"
"Erquickung und Glück!" sprach Ekkehard, und seine Augen leuchteten. "Glaubet mir, Herrin, es tut in allen Lebenslagen wohl, sich bei den Klassikern Rats zu erholen; lehrt uns nicht Cicero auf den verschlungenen Pfaden weltlicher Klugheit den rechten Steg wandeln? Schöpfen wir nicht aus Sallust und Livius Anweisung zu Mannesmut und Stärke, aus Virgils Gesängen die Ahnung unvergänglicher Schönheit? Die Schrift ist uns Leitstern des Glaubens, die Alten aber leuchten zu uns herüber wie das Spätrot einer Sonne, die auch nach ihrem Niedergang noch mit erquickendem Widerschein in des Menschen Gemüt strahlt ..."
Ekkehard sprach mit Bewegung. Die Herzogin hatte seit dem Tag, als der alte Herzog Burkhard um ihre Hand anhielt, keinen Menschen mehr gesehen, der für etwas begeistert war. Sie trug einen hohen Geist in sich, der sich leicht auch Fremdartigem zuwandte. Griechisch hatte sie in jungen Tagen der byzantinischen Werbung wegen schnell gelernt. Latein flösste ihr eine Art Ehrfurcht ein, weil es ihr fremd war. Unbekanntes imponiert, Erkenntnis führt auf den wahren Wert, der meist geringer ist als der geahnte. Mit dem Namen Virgilius war auch der Begriff des Zauberhaften verbunden ...
In jener Stunde stieg in Hadwigs Herz der Entschluss auf, Lateinisch zu lernen. Zeit dazu hatte sie. Wie sie ihren Nachbarn Ekkehard noch einmal angeschaut hatte, wusste sie auch, wer ihr Lehrer sein sollte ...
Der stattliche Nachtisch, auf dem Pfirsiche, Melonen und trockene Feigen geprangt hatten, war verzehrt. Lebhaftes Gespräch an den andern Tischen deutete auf nicht unfleissiges Kreisen des Weinkrugs.
Auch nach der Mahlzeit – so wollte es des Ordens Regel – war zur Erbauung der Gemüter ein Abschnitt aus der Schrift oder dem Leben heiliger Väter zu verlesen.
Ekkehard hatte am Tag zuvor das Leben des heiligen Benediktus begonnen, das einst Papst Gregorius abgefasst. Die Brüder rückten die Tische zusammen, der Weinkrug stand unbewegt und es ward still in der Runde. Ekkehard fuhr mit dem zweiten Kapitel76 fort:
"Eines Tages aber, dieweil er allein war, nahte ihm der Versucher. Denn ein schwarzer kleiner Vogel, der gemeiniglich Krähe geheissen ist, begann um sein Haupt zu flattern und setzte ihm so unablässig zu, dass ihn der heilige Mann mit der Hand hätte ergreifen mögen, so er ihn fangen gewollt.
Er aber schlug das Zeichen des Kreuzes, da wich der Vogel.
Wie aber derselbe Vogel verschwunden war, folgte eine so grosse Versuchung des Fleisches, wie sie der heilige Mann