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Volkes und sprach: "Disziplin unterscheidet den Menschen vom Tier60! und wenn Ihr der Hesperiden Äpfel unter sie werfen wolltet, sie blieben fest."

Frau Hadwig war gerührt. "Sind alle Eure Schüler so gut gezogen?" fragte sie.

"So Ihr Euch überzeugen wollt", sprach der Abt, "die grossen in der äusseren Schule wissen nicht minder, was Zucht und Gehorsam ist."

Die Herzogin nickte. Da führte sie der Abt zur äussern Klosterschule, wo zumeist vornehmer Laien Söhne und diejenigen erzogen wurden, die sich weltgeistlichem Stand widmen wollten.

Sie traten in die Klasse der Ältesten ein. Auf der Lehrkanzel stand Ratpert, der Vielgelehrte, und unterwies seine Jugend im Verständnis von Aristoteles' "Logica". Geduckt sassen die Schüler über ihren Pergamenten, kaum wandten sich die Häupter nach den Eingetretenen. Der Lehrmeister gedachte Ehre einzulegen. "Notker Labeo!" rief er. Der war die Perle seiner Schüler, die Hoffnung der Wissenschaft; auf schmächtigem Körper ein mächtiges Haupt, dran eine gewaltige Unterlippe kritisch in die Welt hervorragte, das Wahrzeichen strenger Ausdauer auf den steinigen Pfaden des Forschens und Ursache seines Übernamens.

"Der wird brav", flüsterte der Abt, "die ganze Welt sei ein Buch, hat er schon im zwölften Jahre gesagt, und die Klöster die klassischen Stellen drin61."

Der Aufgerufene liess seine klugen Äuglein über den griechischen Text hingleiten und übersetzte mit gewichtigem Ernst den stagiritischen Tiefsinn:

"... Findest du an einem Holze oder Steine einen als Linie laufenden Strich, der ist der eben liegenden Teile so gemeine March. Spaltet sich an dem Striche der Stein oder das Holz entzwei, so sehen wir strichweise zwei Durchschnitte an dem sichtbaren Spalte, die vorher nur e i n Strich und Linie waren. Und überdies sehen wir zwo neue Oberflächen, die also breit sind, als dick der Körper war, da man vor die neue Oberfläche nicht sah. Darum erhellet, dass dieser Körper vorhin zusammenhängend war62."

Aber wie dieser Begriff des Zusammenhängenden glücklich herausgeklaubt war, streckten etliche der jungen Logiker die Köpfe zusammen und flüsterten und flüsterten lauter, – selbst der Klosterschüler Hepidan, der unbeirrt von Notkers trefflicher Verdeutschung seine ganze Mühe aufwandte, einen Teufel mit doppeltem Flügelpaar und Ringelschwanz in die Bank einzuschneiden, stellte seine Arbeit ein ... jetzt wandte der Lehrmeister sich an den Folgenden: "Wie wird aber die Oberfläche eine gemeine March?" Da las der seinen griechischen Text, aber die Bewegung in den Schulbänken ward stärker, es summte und brummte wie ferne Sturmglocken, zur Übersetzung kam's nicht mehr, plötzlich stürmten die Zöglinge Ratperts lärmend vor, sie stürmten auf die Herzogin ein, rissen sie von des Abts und ihres Kämmerers Seite: "Gefangen! gefangen!" schrie die holde Jugend und begann sich mit den Schulbänken zu verschanzen: "Gefangen! wir haben die Herzogin in Schwaben gefangen! Was soll ihr Lösegeld sein?"

Frau Hadwig hatte sich schon in mancherlei Lebenslagen befunden. Dass sie als Gefangene unter Schulknaben fallen könne, war ihr noch nicht zu Sinn gekommen. Weil die Sache neu war, hatte sie Reiz für sie; sie fügte sich.

Ratpert, der Lehrmeister, holte aus seinem Holzverschlag eine mächtige Rute hervor, schwang sie dräuend zur Umkehr und rief, ein zweiter Neptunus, die virgilischen VerseA2 ins Getümmel:

"So weit hat das Vertrauen auf euer Geschlecht euch

verleitet?

Himmel und Erde sogar, ohn' alles Geheiss von mir

selber,

Wagt ihr zu mischen, ihr Winde, und solchen Tumult

zu erheben?!

Quos ego!!"

Erneuter Halloruf war die Antwort. Schon war der Saal durch Schulbänke und Schemel abgesperrt. Herr kräftiger Faustschläge an die Haupträdelsführer. Der Abt war sprachlos, die Keckheit war ihm lähmend in die Glieder gefahren.

Die hohe Gefangene stand am andern Ende des Hörsaals in einer Fensternische, umringt von ihren fünfzehnjährigen Entführern.

"Was soll das alles, ihr schlimmen Knaben?" fragte sie lächelnd.

Da trat einer der Aufrührer vor, beugte sein Knie und sprach demütig: "Wer als Fremder kommt, ist sonder Schutz und Friede, und friedlose Leute hält man gefangen, bis sie sich der Unfreiheit lösen63."

"Lernt ihr das auch aus euern griechischen Büchern?"

"Nein, Herrin, das ist deutscher Brauch."

"So will ich mich denn auslösen", lachte Frau Hadwig, erfasste den rotwangigen Logiker und zog ihn zu sich heran, ihn zu küssen; der aber riss sich von ihr los, sprang in den Kreis der lärmenden Genossen und rief:

"Die Münze kennen wir nicht!"

"Was heischet ihr denn für ein Lösegeld?" fragte die Herzogin. Sie war der Ungeduld nahe.

"Der Bischof Salomo von Konstanz war auch unser Gefangener", sprach der Schüler, "der hat uns drei weitere Vakanztage erwirkt im Jahre und eine Rekreation an Fleisch und Brot, und hat's in seinem Testament gebrieft und angewiesen64."

"O nimmersatte Jugend!" sprach Frau Hadwig, "so muss ich's zum mindesten dem Bischof gleichtun. Habt ihr schon Felchen aus dem Bodensee verspeist?"

"Nein!" riefen die Jungen.

"So sollt ihr jährlich sechs Felchen zum Angedenken an mich erhalten. Der fisch ist gut für junge Schnäbel."

"Gebt Ihr's mit Brief und Siegel?"

"Wenn's sein muss!"

"Langes Leben