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um wieviel ergötzlicher es sein möchte', mit diesen frommen Männern in Fehde zu liegen und, statt als Gastfreund einzureiten, Platz und Schatz mit stürmender Hand zu nehmen. Und weil er schon manchen Umschlag vornehmer Freundschaft erlebt, bereitete er sein Gemüt auf diese Möglichkeit, fasste den Eingang der Sakristei genau ins auge' und murmelte: "Also vom Chor die erste Pforte zur Rechten!"

Der Abt mochte auch der Ansicht sein, dass lang' fortgesetzter Anblick von Gold und Silber Hunger nach Besitz errege; er liess die letzte Truhe, welche der Kostbarkeiten vorzüglichste barg, nicht mehr erschliessen und drängte, dass sie ins Freie kamen.

Sie lenkten ihre Schritte zum Klostergarten. Der war weitschichtig angelegt und trug an Kraut und Gemüse viel nach Bedarf der Küche; zudem auch nützliches Arzneigewächs und heilbringende Wurzeln.

Beim Baumgarten war ein grosser Raum abgeteilt für wild Getier und Gevögel, wie solches teils in den nahen Alpen hauste, teils als Geschenk fremder Gäste dem Garten verehrt war55.

Da erfreute sich Frau Hadwig am ungeschlachten Wesen der Bären: in närrischen Sprüngen kletterten sie am Baum ihres Twingers auf und nieder; daneben erging sich ein kurznasiger Affe, der mit einer Meerkatze zusammen an einer Kette durchs Leben tollte, – zwei Geschöpfe, von denen ein Dichter damaliger Zeit sagt, dass weder das eine noch das andere eine Spur nutzbringender Anlage als Berechtigungsgrund seines Vorhandenseins aufzuweisen vermöge56.

Ein alter Steinbock stunde in seines Raumes Enge, der Sohn der Hochalpe senkte sein Haupt, still und geduckt; seit er die schneidige Luft der Gletscher entbehren musste, war er blind geworden, denn nicht jedweder gedeiht in den Niederungen der Menschen.

In anderem Behältnis waren dickhäutige Dachse angebaut; der böse Sindolt lachte, wie sie vorüberkamen: "Sei gegrüsst, du kleines, niederträchtig Getier", sprach er, "du erlesen Wildbret der Klosterknechte!"

Wieder anderswo pfiff es durchdringend. Ein Rudel Murmeltiere lief den Ritzen zwischen den künstlich geschichteten Felsen zu. Frau Hadwig hatte solch kurzweilig geschöpf noch nicht erschaut. Da erklärte ihr der Abt deren Lebensart:

"Die schlafen mehr als jede andere Kreatur", sprach er; "auch wenn sie wachen, mögen sie ohne Phantasieren nicht sein, und so der Winter herzustreicht, lesen sie allentalb Halm und Heu zusammen, und eines von ihnen legt sich auf den rücken, richtet die vier Füsse ob sich, die andern legen auf es alles, so sie zusammengeraspelt haben, nehmen es danach beim Schweif und ziehen's wie einen geladenen Frachtwagen zu ihrer Höhle57."

Da sprach Sindolt zum dicken Kämmerer Spazzo: "Wie schade, dass Ihr keine Bergmaus geworden, das wär' eine anmutige Verrichtung für Euch!"

Wie der Abt sich abgewendet, hub der böse Sindolt eine neue Art der Erklärung an: "Das ist unser Tutilo!" sprach er und deutete auf einen Bären, der soeben seinen Nebenbär rücklings zu Boden geworfen, – "das der blinde Tieto!" er deutete auf den Steinbock; eben wollte er auch seinem Abte die Ehre einer nicht schmeichelhaften Vergleichung erweisen, da fiel ihm die Herzogin in die Rede: "Wenn Ihr alles zu vergleichen wisset, habt Ihr auch für mich ein Sinnbild?"

Sindolt ward verlegen. Zum guten Glück stand bei den Kranichen und Reihern ein schmucker Silberfasan und wiegte sein perlgrau glänzend Gefieder im Sonnenschein.

"Dort!" sprach Sindolt.

Aber die Herzogin wandte sich zu Ekkehard, der träumerisch in das Gewimmel der Tierwelt schaute: "Einverstanden?" fragte sie. Er fuhr auf: "O Herrin", sprach er mit weicher stimme, "wer ist so vermessen, unter dem, was da kreucht und fleucht, ein Sinnbild für Euch zu suchen?"

"Wenn Wir's aber verlangen ..."

"Dann weiss ich nur e i n e n Vogel", sprach Ekkehard, "wir haben ihn nicht und niemand hat ihn; in klaren Mitternächten fliegt er hoch zu unsern Häuptern und streift mit den Schwingen den Himmel. Der Vogel heisst Caradrion; wenn seine Fittiche sich zur Erde senken, soll ein siecher Mann genesen: da kehret sich der Vogel zu dem mann und tut seinen Schnabel über des Mannes Mund, nimmt des Mannes Unkraft an sich und fährt auf zur Sonne und läutert sich im ew'gegen Licht: da ist der Mann gerettet58."

Der Abt kam wieder herbei und unterbrach weitere Sinnreden. Auf einem Apfelbaum sass ein dienender Bruder, pflückte die Äpfel und sammelte sie in Körbe. Wie sich die Herzogin zum Schatten der Bäume wandte, wollte er herniedersteigen, aber sie winkte ihm, zu bleiben. Jetzt ertönte es wie Gesang zarter Knabenstimmen in des Gartens Niederung: die Zöglinge der inneren Klosterschule kamen heran, der Herzogin ihre Huldigung zu bringen; blutjunge Bürschlein, trugen sie bereits die Kutte, und mancher hatte die Tonsur aufs eilfjährige Haupt geschoren. Wie sie aber in Prozession daherzogen, die rotbackigen Äbtlein der Zukunft, geführt von ihren Lehrern, den blick zur Erde niedergeschlagen, und wie sie so ernst und langsam ihre Sequenzen sangen: da flog ein leiser Spott über Frau Hadwigs Antlitz, mit starkem Fuss stiess sie den nahestehenden Korb um, dass die Äpfel lustig unter den Zug der Schüler rollten und an ihren Kapuzen emporsprangen. Aber unbeirrt zogen sie ihres Weges; nur der kleinsten einer wollte sich bücken nach der lockenden Frucht, doch streng hielt ihn sein Nebenmännlein am Gürtel59.

Wohlgefällig sah der Abt die Haltung des jungen