1855_von_Scheffel_157_17.txt

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"Nicht viel", lachte Romeias, "doch wär' das Geschenk eines Dankes wert."

Zu selber Zeit hob sich die Dachluke an Wiborads Zelle, die hagere Gestalt ward zur Hälfte sichtbar, ein mässiger Feldstein flog über Romeias Haupt hin, er traf ihn nicht. Das war der Dank für den Hasen.

Man ersieht daraus, dass die Formen geselligen Verkehrs mannigfach von den heutigen verschieden waren.

Praxedis sprach ihr Befremden aus.

"So etwas kommt alle paar Wochen einmal vor", erwiderte Romeias. "Mässiger Geifer und Zorn schafft alten Einsiedlerinnen neue Lebenskraft; es ist ein gut Werk, zu Erregung derselben beizutragen."

"Aber sie ist eine Heilige", sagte Praxedis scheu.

Da brummte Romeias in Bart. "Sie soll froh sein", sprach er, "wenn sie's ist. Ich will ihr das Fell ihrer Heiligkeit nicht abziehen51. Aber seit ich in Konstanz meiner Mutter Schwester besucht, hab' ich allerhand erfahren, was mir nicht grün aussieht. Es ist dort noch nicht vergessen, wie sie vor des Bischofs Gericht sich verantworten musste wegen dem und jenem, was mich nichts angeht, und die Konstanzer Kaufleute erzählen, ohne dass man sie fragt, wie ihnen die Klausnerinnen am Münster das Almosengeld, das fromme Pilgrime zutrugen, gegen Wucherzins ausgeliehen52. Was kann ich dafür, dass mir schon in Knabenzeit im Steinbruch ein seltsam grosser Kiesel in die hände kam? Wie ich den aufgehämmert, sass eine Kröte drin und machte verwunderte Augen. Seitdem weiss ich, was eine Klausnerin ist. Schnipp, schnapptrari, trara!"

Romeias geleitete seine neue Freundin zur Pforte des ausser Klosterbann gelegenen Hauses, das zu ihrer Herbergung bestimmt war. Dort standen die Dienerinnen, der Strauss Waldblumen, den sie gepflückt, lag auf dem Steintisch am Eingang.

"Wir müssen Abschied nehmen", sagte der Wächter.

"Lebt wohl", sprach Praxedis.

Da ging er. Nach dreissig Schritten schaute er scharf zurück. Aber zweimal geht die Sonne an einem Tage nicht auf, am wenigsten für einen Wächter am Klostertor. Es ward ihm keine Kusshand mehr zugeworfen. Praxedis war ins Haus gegangen.

Da wandelte Romeias langsam zurück, griff, ohne anzufragen, den Blumenstrauss vom Steintisch und zog ab. Den Hirsch und die vier Hasen lieferte er der Klosterküche. Dann bezog er seine Wächterstube, nagelte den Strauss an die Wand und malte mit Kohle ein Herz dazu, das hatte zwei Augen und einen langen Strich als Nase und einen Querstrich als Mund.

Der Klosterschüler Burkard kam herauf, mit ihm zu spielen. Den fasste er mit gewaltiger Hand, reichte ihm die Kohle, stellte ihn vor die Wand und sprach: "schreibe den Namen drunter!"

"Was für einen Namen?" fragte der Knabe.

"Ihren!" sprach Romeias.

"Was weiss ich von ihr und ihrem Namen", sagte der Klosterschüler verdriesslich.

"Da sieht man's wieder", brummte Romeias, "wozu das Studieren gut ist! Sitzt der Bub' jeden Tag acht Stunden hinter seinen Eselshäuten und weiss nicht einmal, wie ein fremdes Frauenzimmer heisst! ..."

Fussnoten

A1 Kleines Haus, Gemach. A2 Pflanze, zur Reinigung dienend (nach 3. Mos. 14, 52).

Viertes Kapitel.

Im Kloster.

Frau Hadwig hatte inzwischen am Grab des heiligen Gallus ihre Andacht verrichtet. Dann gedachte der Abt, ihr einen gang im schattigen Klostergarten vorzuschlagen; aber sie bat, ihr zuvörderst den Kirchenschatz zu zeigen. Der Frauen Gemüt, wie hoch es auch genaturt sein mag, erfreut sich allzeit an Schmuck, Zierat und prächtiger Gewandung. Da wollte der Abt mit einiger Ausrede ihren Sinn ablenken, vermeinend, sie seien nur ein arm Klösterlein und seine Base werde auf ihren Fahrten im Reich und am Kaiserhof schon Preiswürdigeres erschaut haben: es half ihm nicht.

Sie traten in die Sakristei.

Er liess die gebräunten Schränke öffnen, da war viel zu bewundern an purpurnen Messgewändern, an Priesterkleidern mit Stickerei und gewirkten Darstellungen aus heiliger geschichte. War auch manches darauf abgebildet, was noch nahe an römisches Heidentum anstreifte, zum Beispiel die Hochzeit des Merkurius mit der PhilologieA1.

Hernach wurden die Truhen aufgeschlossen, da glänzte es vom Schein edler Metalle, silberne Ampeln gleissten herfür und Kronen, Streifen getriebenen Goldes zur Einfassung der Evangelienbücher und der Altarverzierung53; Mönche des Klosters hatten sie, ums Knie gebunden, aus welschen Landen über unsichere Alpenpfade sicher eingebracht; – köstliche Gefässe in seltsamen Formen, Leuchter in Delphinengestalt, säulengetragene Schalen, Leuchttürmen gleich, Weihrauchbehälter und viel anderesein reicher Schatz. Auch ein Kelch von Bernstein war dabei54, der schimmerte lieblich, so man ihn ans Licht hielt; am Rand war ein Stück ausgebrochen.

"Als mein Vorgänger Hartmut am Sterben lag", sprach der Abt, "ward's gepulvert und ihm mit Wein und Honig eingegeben, das Fieber zu stillen."

Mitten im Bernstein sass ein Mücklein, so fein erhalten, als wär's erst neulich hereingeflogen, und hat sich dies Insekt, wie es in vorgeschichtlichen zeiten vergnüglich auf seinem Grashalm sass und vom zähflüssigen Erdharz überströmt ward, auch nicht träumen lassen, dass es in solcher Weise auf die Nachwelt übergehen werde.

Auf derlei stummes Zeugnis wirkender Naturkraft ward aber damals kein aufmerkend Auge gerichtet; wenigstens war der Kämmerer Spazzo, der ebenfalls mit Sorgfalt alles musterte, mit andern Dingen beschäftigt. Er dachte,