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von der Stadt des heiligen Markus gegen Byzanzium. Die Erzählungen, die sie dort machte vom Bodensee und den wilden treuen Barbarenseelen284 an seinen Ufern, wurden von sämtlichen Kammerfrauen am griechischen Kaiserhof mit bedenklichem Kopfschütteln aufgenommen, als spräche sie von einem verzauberten Meer und einem land der Fabel.

Moengal, der Alte, sorgte noch eine geraume Zeit für das Seelenheil seiner Pfarrkinder. Als die Hunnen wieder mit räuberischem Einfall drohten, beschäftigte er sich lange mit einem Plan zu ihrem Empfang. Er schlug vor, auf dem Blachfeld etliche hundert tiefe Fallgruben zu graben, sie mit Baumzweigen und Farrenkraut zu überdecken, und hinter ihnen in Schlachtordnung den ansprengenden Feind zu erwarten, auf dass Ross und Reiter in jähem Sturz zuschanden würden. Die schlimmen Gäste liessen sich aber nicht wieder im Hegau blicken und ersparten dem Leutpriester das Vergnügen, ihnen mit wuchtigen Keulenschlägen die Schädel zu zertrümmern. Ein sanfter Tod ereilte den alten Weidmann, als er gerade von einer wohlgelungenen Falkenjagd auszuruhen gedachte.

Auf seinem Grab im Schatten der grauen Pfarrkirche wuchs eine Stechpalme, die ward so knorrig und gross, wie man früher keine gesehen, dass die Leute sagten, es müsse ein Ableger von ihres Pfarrherrn braver Keule Cambutta sein.

Audifax, der Ziegenhirt, lernte die Goldschmiedkunst und zog hinüber nach Konstanz an des Bischofs Sitz und schuf viel schöne arbeiten. Er führte die Gefährtin seines Abenteuers als angetrautes Eh'gemahl heim, die Herzogin war der Taufpate ihres ersten Söhnleins.

Burkard, der Klosterschüler, ward ein gefeierter Abt des sanktgallischen Gotteshauses285 und verfertigte bei feierlichen Anlässen noch manches Dutzend gelehrter lateinischer Verse, mit denen jedoch, dank der zerstörenden Unbill der Zeit, die Nachwelt verschont geblieben ist.

... Und alle sind längst Staub und Asche, die Jahrhunderte sind in raschem Flug über die Stätten weggebraust, wo ihre Geschicke sich abspannen, und neue Geschichten haben die alten in Vergessenheit gebracht.

Der hohe Twiel hat noch vieles erleben müssen in krieges- und Friedensläuften; zu manch einem tapferen Reiterstücklein ward aus seinen Toren geritten und manch ein gefangener Mann trauerte in seinen Gewölben, bis auch der stolzen Feste ihr Stündlein schlug und an einem schönen Maientag der Berg in seinem Innersten zusammenschütterte und von Feindeshand gesprengt Turm und Mauer in die Lüfte flog.

jetzt ist's still auf jenem Gipfel, die Ziegen weiden friedlich unter den riesigen Trümmerstücken, – aber über dem glänzenden Bodensee grüsst der Säntis aus blauer Ferne so anmutig und gross herüber wie vor viel hundert Jahren, und es ist immer noch ein vergnüglich Geschäft, ins schwellende Gras gelagert eine Umschau zu halten über das weite Land.

Und der dies Büchlein niedergeschrieben, ist selber manch einen guten Frühlingsabend droben gesessen, ein einsamer fremder Gast, und die Krähen und Dohlen flatterten höhnisch um ihn herum, als wollten sie ihn verspotten, dass er so allein sei, und haben nicht gemerkt, dass eine bunte und ehrenwerte Gesellschaft um ihn versammelt war, denn in den Trümmern des Gemäuers standen die Gestalten, die der Leser im Verlauf unserer geschichte kennengelernt, und erzählten ihm alles, wie es sich zugetragen, haarscharf und genau, und winkten ihm freundlich, dass er's aufzeichne und ihnen zu neuem Dasein verhelfe im Gedächtnis einer spätlebenden eisenbahndurchsausten Gegenwart.

Und wenn es ihm gelungen ist, auch dir, vielteurer Leser, der du geduldig ausgehalten bis hieher, ein anschaulich Bild zu entwerfen von jener fernen abgeklungenen Zeit, so ist er für seine Mühe und einiges Kopfweh reichlich entschädigt. Gehab' dich wohl und bleib' ihm fürder gewogen!

Fussnoten

A1 Die Appenzeller Bezeichnung für die erwähnten Zusammenkünfte.

AnmerkungenA1.

1 ... Purcardus autem, dux Suevorum, Sueviam quasi tyrannice regens. Ekkehardi IV. casus S. Galli cap. 3 bei Pertz Monumenta Germaniae historica II. 104. hic cum esset bellator intolerabilis. Witukind lib. I, c. 27. 2 ... cum jam esset decrepitus. Ekkeh. casus S. Galli cap. 10. 3 Hadawiga, Henrici ducis filia, Suevorum post Purchardum virum dux vidua, cum Duellio habitaret, femina admodum quidem pulchra, nimiae severitatis cum esset suis, longe lateque terris errat terribilis. Ekkeh. casus S. Galli cap. 10 bei Pertz II, 122. 4 camisia clizana, pallium canum vel sapphirinum. Das Kostüm der Vornehmen war mannigfacher Veränderung durch die Mode unterworfen. Zu Karl des Grossen zeiten trug man an den Füssen Schuhe, um die Beine hohe, kamaschenartig zugeschnürte Binden, ein hemdartig linnenes Unterkleid und ein wollenes Oberkleid oder einen langen, von den Schultern bis zu den Absätzen reichenden Mantel, der durch Ausschnitt an den Seiten den Armen freie Bewegung liess. ren vertauscht, der sich indes auch nicht als zweckmässig bewährte. Vergl. des monachus San Gallensis gesta Karoli M. lib. I, c. 34 bei Pertz Mon. II, 747. Den Miniaturbildern sanktgallischer Handschriften, z.B. des psalterium aureum, ist mannigfacher Aufschluss über gleichzeitige Trachten zu entnehmen. 5 Wehrgeldnach mittelalterlichem Strafrecht, wonach fast alle Vergehen und Verbrechen mit Geld zu sühnen waren, ist ein dem Verletzten zu persönlicher Genugtuung, Busse (Wette, fredum), ein zur Sühne des gestörten Friedens dem Volk, später dem Landesherrn zu entrichtendes Strafgeld. Die alten Volksrechte verzeichnen auch bei allen Gattungen von Tieren sorgfältig deren Wehrgeld, das im Fall von Tötung oder Beschädigung der Eigentümer zu erheben hatte. Wenn übrigens der Schaden mehr durch Zufall zugefügt wurde, lag kein Friedbruch vor, und es würde