wieder war's still auf dem Plan – da schreckte Praxedis zusammen. Ein dumpfer Schrei klang in der Zelle auf. Sie sprang ans Fenster und schaute hinein: die Klausnerin war in die Kniee gesunken, die arme hoch erhoben, ihr Auge gläsern starrend. Neben ihr lag die Geissel, das Werkzeug der Busse.
"Um Gottes willen!" rief Praxedis, "was ist Euch?"
Wiborad fuhr empor und presste der Griechin Hand krampfhaft. "Menschenkind", sprach sie mit gebrochenem Ton, "die du Wiborads Schmerzen zu sehen gewürdigt bist, klopf' an deine Brust, es ist ein Zeichen geschehen. Ausgeblieben ist der Erwählte meiner Gedanken, er zürnt, dass sein Name von unheiligen Lippen entweiht ward, aber der heilige Gallus ist dem auge' meiner Seele erschienen, er, der noch niemals Einkehr hier genommen – und sein Antlitz war das eines Dulders und sein Gewand zerrissen und brandig. Seinem Kloster droht ein Unheil. Wir müssen eine Fürbitte tun, dass seine Jünger nicht straucheln auf dem Pfad der Gerechten."
Sie beugte sich aus dem schmalen Fenster und rief zur nachbarlichen Klause hinüber: "Schwester Wendelgard!"
Da schob sich drüben das Lädlein zurück, ein ältlich Antlitz erschien, das war die brave Frau Wendelgard, die dort um ihren Ehegemahl trauerte, der vom letzten Heereszug nimmer heimgekommen.
"Schwester Wendelgard", sprach Wiborad, "lass uns dreimal singen den Psalm: 'Sei mir gnädig, o Gott, nach deiner Huld'."
Aber die Schwester Wendelgard hatte just mit träumender sehnsucht ihres Eheherrn gedacht; sie wusste in festem Gottvertrauen, dass er dereinst noch heimkehren werde aus der Hunnen Landen, und hätte am liebsten jetzt schon die Pforte ihrer Klause eingetreten, hinauszuschreiten in die wehende Luft, ihm entgegen.
"Es ist nicht die Stunde des Psallierens", rief sie hinüber.
"Desto lieblicher klingt freiwillige Andacht zum Himmel empor", sprach Wiborad. Und sie intonierte mit rauher stimme den Psalm. Aber die Antwort blieb aus. "Was stimmst du nicht in Davids Schallgesang?"
"Ich mag nicht", war Wendelgards einfache Antwort. Es war ihr in langjährigem Klausnertum allmählich schwül geworden. Viel tausend Psalmen hatte sie auf Wiborads Geheiss gesungen, dass der heilige Martinus ihren Ehegespons heraushaue aus der Feinde Gewalt, aber die Sonne ging auf, die Sonne ging nieder – noch immer blieb er aus. Und die hagere Nachbarin mit ihren Phantasmen war ihr verleidet.
Wiborad aber wandte ihre Augen unverrückt dem Himmel zu, gleich einem, der am hellen Tage einen Kometen zu entdecken gedenkt: "O Gefäss voll Ungehorsam und Bosheit", rief sie, "ich will für dich beten, dass die bösen Geister von dir gebannet werden. Dein auge' ist blind, dein Sinn ist wirr."
Doch ruhig antwortete die Gescholtene: "Richtet nicht, auf dass auch ihr nicht gerichtet werdet. Mein auge' ist noch so scharf wie vor Jahresfrist, da es Euch in mondumglänzter Nacht erschauen konnte, wie Ihr aus dem Fenster der Klause stieget und hinausgewandelt seid, Gott weiss wohin, – und mein Sinn erwägt noch wohl, ob Psalmengesang aus solchem mund ein Wunder zu wirken imstande."
Da verzog sich Wiborads bleiches Antlitz, als ob sie auf einen Kieselstein gebissen hätte. "Weh dir, Teufelgeblendete!" schrie sie, ein Schwall scheltender Reden entströmte ihren Lippen; die Nachbarin blieb keine Antwort schuldig, schneller und schneller kam Wort auf Wort geflogen, verschlang sich, verwirrte sich; von den Felswänden klang unharmonischer Widerhall drein und schreckte ein Käuzleinpaar auf, das dort in den Spalten horstete und scharf krächzend von dannen flatterte ... am Portal des Münsters zu Worms, da die Königinnen einander schalten, ging's sänftlicher zu als jetzt.
Mit stummem Erstaunen horchte Praxedis dem Lärm; gern wäre sie beschwichtigend dazwischen getreten, aber Sanftes taugt nicht, um Schneidiges zu trennen.
Da tönte vergnüglicher Schall des Hiftorns vom wald her und kläffendes Rüdengebell; langsam kam des Romeias hohe Gestalt geschritten. Das zweitemal, da er den Spiess geworfen, war's kein Baumstrunk, sondern ein stattlicher Zehnender; der Hirsch hing ihm auf dem rücken, sechs lebende Hasen, die der Klostermeier von Tablatt in Schlingen gefangen, trug er gefestigt am Gürtel.
Und wie der Weidmann die Klausnerinnen erschaute, freute sich sein Herz; kein Wörtchen sprach er, wohl aber löste er der lebenden Häslein zwei ihrer Bande; einen in der Rechten, einen in der Linken schwingend, warf er sie so sicher durch die engen Klausfenster der Streitenden, dass Wiborad, vom weichen Fell elektrisch am haupt berührt, mit lautem Aufschrei zurückfuhr. Der braven Wendelgard hatte sich in währender Hitze des Zwiespruchs der schwarze Habit gelöst, der Hase fuhr ihr so plötzlich zwischen Hals und Kapuze und verfing sich in der Gewandung und suchte einen Ausweg und wusste nicht wohin, dass auch sie ein jäher Schreck überfiel. Da stellten beide die Scheltung ein, die Fensterläden schlossen sich, ruhig ward's auf dem Hügel50.
"Wir wollen heim", spach Romeias zur Griechin, "es will Abend werden." Praxedis war weder vom Gezänk noch von Romeias' Friedestiftung so auferbaut, dass sie länger zu bleiben gewünscht hätte. Ihre Begleiterinnen hatten bereits auf eigene Faust den Rückzug angetreten.
"Die Hasen gelten bei Euch nicht viel", sprach sie zum Wächter, "dass Ihr sie so grob in die Welt hinauswerfet.