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sprach Ekkehard.

Folgenden Tages ging's in festlichem zug talab. Der alte Senn hatte sein feinstes Linnen angetan und sah vergnügt drein wie ein Patriarch; die rundliche Lederkappe auf dem Haupt, den schönsten Melknapf über der linken Schulter schritt er voraus und sang den Kuhreihen jugendhell und tapfer, ihm folgten Benedictas Ziegen, die Plänkler der grossen Heerschar, die Hirtin mit ihnen, die letzten Alpenrosen mit schon vergilbten Blättern ins dunkle Gelock geflochten. Fetzt kam die schwarzgefleckte grosse Susanna, die Königin der Herde, als Zeichen des Vorrangs die schwere Glocke um den Hals; ehrbar und stolz war ihr gang, und wenn eine der Nachfolgenden ihr vorauszuschreiten wagte, so warf sie ihr einen verächtlichen hornstossdrohenden blick zu, dass die Anmassende erschrocken zurückwich. Schwerfällig schritten die anderen bergab: "Ade, du schmackhaft Alpengras, du fröhlich Wiederkäuen!" dachte manch ein fettgeworden Kühlein und knickte sich im Vorbeistreifen noch die letzten Blumen am Pfade.

Der Stier trug den einfüssigen Melkstuhl zwischen den Hörnern, auf des Gewaltigen rücken sass der Handbub verkehrt und hielt die ausgestreckten Finger beider hände an seine nicht allzufein geformte Nase und rief zu den Berggipfeln hinauf: "Der Sommer ist gegangen und hat den Herbst gebracht, jetzt wünschen wir einand eine gute, gute Nacht; ihr stille schneeige Herren, lebt wohl jetzt allerseit, ich wünsch' euch wohl zu schlafen die ganze Winterszeit!" Ein Schlitten mit der Sennhütte Geschirr und Ausrüstung schloss den Zug.

Und Sennen und Herde und Ziegen verschwanden im Tannenwald, verhallend tönte Hirtensang und Schellengeläut aus der Ferne, dann ward's still und einsam wie in jener Abendstunde, da Ekkehard zuerst vor dem Kreuz des Wildkirchleins gekniet war. Er trat in seine Klause. Es war ihm in seinem stillen Bergleben klar geworden, dass die Einsamkeit nur eine Schule fürs Leben ist, nicht das Leben selbst, und dass wertlos verderben muss, wer in der grimmen Welt immerdar nur müssig in sich hineinschauen will. "Es hilft nicht", sprach er, "auch ich muss wieder zu Tale. Der Schnee weht zu kalt, und ich bin zu jung, kann kein Einsiedel bleiben."

"Fahr' wohl, du hoher Säntis, der treu um mich

gewacht,

Fahr' wohl, du grüne Alpe, die mich gesund gemacht!

Hab' Dank für deine Spenden, du heil'ge Einsamkeit,

Vorbei der alte Kummervorbei das alte Leid.

Geläutert ward das herz, und Blumen wuchsen drin:

Zu neuem Kampf gelustig steht nach der Welt mein

Sinn.

Der Jüngling lag in Träumen, dann kam die dunkle

Nacht;

In scharfer Luft der Berge ist jetzt der Mann erwacht!"

Er griff seine Reisetasche und legte seine wenige Habe drein. Sein Teuerstes, das Waltarilied, sorgsam umhüllt, tat er oben drauf; ein Lächeln umspielte sein Antlitz, wie er noch etliche Gerätschaften umherstehen sah. Auf dem Felsrand stunde die halbausgeschriebene Flasche mit Schreibsaft, die griff er und warf sie hinaus in die Tiefe, dass sie in glitzernde Splitter zerschmettert ward. Die dreieckige Harfe lehnte wehmütig an der Rasenbank vor der Höhle: "Du sollst zurückbleiben und dem, der nach mir kommt, seine stillen Stunden versüssen", sprach er. "Aber kling' ihm nicht matt und nicht süss, sonst mög' es aus den Tropfsteinen in deine saiten träufeln, dass sie einrosten, und der Sturm von den Gletschern drüber fahren, dass sie bersten!"

"Ich hab' ausgesungen."

Er hängte die Harfe an einen Nagel.

In währender Klausnerzeit hatte er sich einen starken Bogen geschnitzt, Köcher und Pfeile waren noch aus Gottschalks Nachlass droben, die nahm er jetzt als gut Gewaffen zur Hand, – gerüstet, im Wolfsmantel stunde er vor der Klause und tat noch einen langen, langen blick nach der Stätte glücklicher Sommerfrische und hinüber zu den vielteuern Gipfeln und hinunter, wo aus dem Tannendunkel der Seealpsee meergrün aufglänzte. Es war so schön wie immer. Der Mauerspecht, der die gleiche Bergritze zu seiner Behausung erkoren, flog ihm traulich auf die Schulter und pickte ihm mit hämmerndem Schnabel die Wangen, dann schwang er sein schwarzrot Gefieder hinauf in die blauen Lüfte, als woll' er dem hohen Säntis des Einsiedels Abzug vermelden.

Aber Ekkehard stiess seinen Speer auf und wandelte den gewohnten schwindelnden Pfad hinunter. An der Felswand zum Ascher hielt er noch einmal und winkte hinauf zu seiner Siedelei und tat einen Jodelruf, dass es am Kamor erklang und am hohen Kasten und rollender Widerhall an der Maarwiese vorbei zog bis in die fernsten Winkel des Gebirges. Der kann's! sprach ein heimkehrender Hirt unten im Tal zu seinem gefährten.

"Schier wie ein Geissbub!" sagte der andere, als Ekkehard jenseits der Felswand verschwand.

– – Der aufgehende Tag hatte schon etlichemal seine Strahlen auf das Wildkirchlein geworfen, das traurig einem verlassenen Nest gleich ins Tal hinunterschaute. Der Bergbruder kam nimmer zurück.

Am Bodensee rüstete man zur Weinlese. An einem milden Abend sass Frau Hadwig im Gärtlein ihrer Burg, die treue Praxedis zur Seite. Die Griechin hatte unerquickliche zeiten. Ihre Gebieterin war verstimmt, misszufrieden, unzugänglich. Auch heute wollte ein Gespräch nicht gelingen. Es war ein schlimmer Gedächtnistag.

"Heute ist's ein Jahr", hub Praxedis scheinbar gleichgültig an, "dass wir über den Bodensee fuhren und beim heiligen Gallus ansprachen." Die Herzogin schwieg. – "Es ist viel geschehen seitdem", wollte Praxedis beifügendas