Der Schreibersmann aber stunde mit verklärtem Antlitz unter dem Rebgerank und Geissblattgewinde des Gartens und schaute in die welken roten Blätter, die der Herbst von den Zweigen geschüttelt, und schaute hinab in die flutende Donau, und im rechten Ohr hub sich ihm ein helles Klingen, denn zu derselbigen Zeit hatte Ekkehard auf lustiger Alpenhöhe eine hölzerne Schale mit Wein gefüllt und zum alten Senn gesprochen: "Ich hab' einst einen guten Gesellen gehabt, einen bessern findet man in keines Herren Land, der hiess Konrad; und mit Frauenlieb' und Weltruhm ist's nichts, aber der alten Freundschaft bleib' ich zu Dank verpflicht't bis in den Tod, Ihr sollt mit mir sein Wohl trinken, das ist einer, der würde dem Säntis Freud' machen, wenn er hier wäre!" Und der Senn hatte die Schale geleert und gesagt: "Bergbruder, ich glaube's Euch. Er soll leben!"
Darum erklang dem Mann in Passau sein Ohr; er aber wusste nicht warum. Und sein Ohr klang noch, da kam der Bischof Pilgerim einhergewandelt, und hinter ihm brachte der Stallmeister ein weiss Rösslein, das war altersschwach und schäbig, und wenn man ihm näher ins Gesicht schaute, war's auch am linken auge' blind, und der Bischof nickte mit seiner spitzen Inful und sprach gnädiglich: "Meister Konrad, was Ihr meinen Neffen zuliebe geschrieben, sollt Ihr nicht umsonst geschrieben haben, mein erprobtes Streitross sei Euer!"
Da zuckte der Meister Konrad wehmütig lächelnd die seinen Lippen und dachte: "Es geschieht mir schon recht, warum bin ich ein Dichter worden!" laut aber sprach er: "Gott lohn's Euch, Herr Bischof, Ihr werdet mir wohl ein paar Tage Urlaub schenken zum Ausruhen von der Arbeit."
Und er streichelte das alte weisse Rösslein und schwang sich darauf, ohne eine Antwort abzuwarten, und sass stolz und anmutsvoll im Sattel und brachte sein demütig Tier noch zu einem leidlichen Trab und ritt von dannen.
"Ich will meinen besten Stossfalken gegen ein Paar Turteltauben verloren geben", sprach der ältere der Knaben, "wenn er nicht wiederum nach Bechelaren reitet zur Markgrafsburg. Er hat immer gesagt: 'So gut ich meinen gnädigen Herrn, den Bischof, ins Lied hereinsetze, kann ich auch der Frau Markgräfin Gotelinde und ihrer schönen Tochter drin ein Denkmal aufrichten, die danken mir's doch am feinsten!'"
Derweil war der Meister Konrad schon dem Tore der Bischofspfalz entritten; er schaute sehnsüchtig donauabwärts und hub an mit heller stimme zu singen:
"Da sprach unverhohlen derselbe Fiedelmann:
'O Markgraf, reicher Markgraf, Gott hat an Euch getan
Nach allen seinen Gnaden, hat er Euch doch gegeben
Ein Weib, ein so recht schönes, dazu ein wonniglich
Leben.
Und wär' ich nun ein König', fing er wieder an,
'Und sollte Kronen tragen, zum weib nähm' ich dann
Eure schöne Tochter, die wünschte sich mein Mut,
Sie ist so süss zu schauen, so minniglich ...'"
aber bei diesen Worten wirbelte ihm eine Staubwolke entgegen, dass seine Augen unfreiwillig in Tränen standen und sein Gesang verstummte.
Die Strophen waren aus dem Werke, wofür ihn der Bischof soeben gelohnt; das war ein Heldenbuch in deutscher Sprache und hiess: Der Nibelungen Lied281! ...
– Mählich ging's in den Herbst hinein. Und wenn der auch abendlich ein glühender Rot an die Himmelswölbung malt als andere Jahreszeit, so kommen doch kühle Lüfte in seinem Gefolg', dass, wer festgesiedelt auf den Alpen, sich anschickt, zu Tal zu fahren, und kein Wolfspelz vor fröstelndem Klappern der Zähne schützt.
Frischer Schnee glänzte auf allen Kuppen und gedachte für dieses Jahr nimmer zu zergehen. Ekkehard hielt den Sennen die letzte Bergpredigt. Hernach streifte Benedicta an ihm vorbei. "Jetzt ist's aus mit unserer Herrlichkeit da oben", sprach sie, "morgen zieht Mensch und Tier ins Winterfutter. Wo geht Ihr hin, Bergbruder?"
Die Frage fiel ihm schwer aufs Herz.
"Ich bliebe am liebsten hier", sprach er. Benedicta lachte hell auf. "Man merkt", sagte sie, "dass Ihr noch keinen Winter oben versessen habt, sonst würde' es Euch nach keinem zweiten gelüsten. Ich möchte' Euch wohl sehen, eingeschneit im Bruderhäuslein, und die Kälte schleicht durch alle Ritzen, dass Ihr zittert wie ein Espenlaub, die Lawinen krachen ringsumher und die Eiszapfen wachsen Euch in Mund herein ... Und wenn Ihr einmal zu Tal wollet und etwas zu essen holen, da liegt der Schnee haushoch auf dem Pfad, ein Schritt – und Ihr sinkt bis ans Knie ein, ein zweiter – traladibidibidib! so ragt nur noch die Kapuze hervor und man sieht von der schwarzen Kutte nicht mehr als von einer Fliege, die in die Milchsuppe gefallen ist ... And dieses Jahr hat's gar so viel Spiegelmeisen gehabt, das gibt einen strengen Winter! Hu, wie freu' ich mich auf die langen Abende, da sitzen wir beim Kienspanlicht um den warmen Ofen und spinnen Flachs, das Rädlein knurrt, das Feuer brummt, und wir erzählen die schönsten Geschichten, und wer ein braver Bub ist, darf zuhören. Es ist schad', dass Ihr kein Senn geworden seid, Bergbruder, ich würde Euch auch mitnehmen zur StubetenA1."
"Es ist schade",