, und es war ihm so wohl geworden, dass er oftmals den Arm ausreckte, als woll' er einen Wolf oder Bären mit einem Schlag der Faust niederschmettern. Wie aber sein Waltari durch Not und Todeswunden glücklich zu Ende geführt war, da jubelte er, dass die Tropfsteine in seiner Höhle verwundert einander zublinzeln mochten, den Ziegen im Stall warf er eine doppelte Atzung an Futter zu, dem Handbuben aber übermachte er etliche Silberpfennige, dass er hinübersteige als Botenknabe nach Sennwald im Rheintal und einen Schlauch rötlichen Weines beschaffe. Es war damals wie jetzt: Ist das Buch zu ende' gebracht, der Schreiber einen Freudsprung macht280.
Darum sass er abends auf der Ebenalp beim alten Senn und trank ihm tapfer zu und nahm ihm das Alphorn vom Nacken und trat auf ein Felsstück und blies nach dem fernduftigen Hegauer Berggipfel hinüber, frohgewaltig, als woll' er die Herzogin herausblasen auf den Söller und Praxedis dazu, und wolle sie mit lachen begrüssen.
"Wenn ich wieder auf die Welt käme", sprach er zu seinem Freund, dem Alpmeister, "und hätte vom Himmel herniederzufallen und die Wahl wohin, ich glaube, ich liess mich zum Wildkirchlein fallen und nirgend anders hin."
"Ihr seid nicht der erste", antwortete lachend der Alte, "dem's bei uns wohl behagt hat. Wie der Bruder Gottschalk noch lebte, sind einmal fünf welsche Mönche heraufgekommen zum Besuch, die haben ein besseres Weinlein mitgebracht, als das von Sennwald ist, und sind drei Tage oben geblieben und haben Sprünge gemacht, dass ihnen die Kutten zu Häupten flogen; erst wie es wieder bergab ging, haben sie das Antlitz in die gehörigen Falten gelegt, und einer hat noch eine lange Rede an unsere Herden gehalten: 'Ihr guten Ziegen, seid verschwiegen', sprach er, 'der Abt von Novalese braucht nichts von unserer Geister Entrückung zu wissen.'"
"Aber stehet mir einmal Rede, Bergbruder, was habt Ihr in diesen letzten Tagen so geduckt in Eurer Höhle zu sitzen gehabt? Ich hab' Euch wohl gesehen, wie Ihr viel Hakenfüsse und Runen auf Eselshaut gezeichnet, Ihr habt doch keinen bösen Zauber vor gegen unsere Herden und Berge? Sonst ..." er sah ihn drohend an.
"Ich hab' ein Lied aufgeschrieben", sprach Ekkehard.
Der Senn schüttelte das Haupt.
"Das Schreiben! das Schreiben!" brummte er. "Mich geht's nichts an, und der hohe Säntis wird, so Gott will, noch auf Enkel und Urenkel herabschauen, ohne dass sie wissen, wie man Griffel und Feder handhabt, aber das Schreiben kann unmöglich vom Guten sein. Der Mensch soll aufrecht einhergehen, wenn er ein Ebenbild Gottes sein will, wer aber schreibt, muss sitzen und den rücken biegen, ist das nicht das Gegenteil von dem, was Gott angeordnet? Also muss es vom Teufel kommen. Seht Euch vor, Bergbruder! und wenn Ihr mir noch einmal geduckt in Eurer Höhle sitzen wollet wie ein Murmeltier und schreiben: beim Strahl! ich fahr' Euch als Alpmeister dazwischen und reiss' Euch Eure Blätter in Fetzen, dass sie der Wind verweht in die Tannenwipfel. Ordnung muss sein hier oben und einfach Wesen, wir leiden nichts Ausgespitztes!"
"Ich will's nicht wieder tun", sagte Ekkehard lachend und reichte ihm die Hand.
Der brave Alpmeister war am Sennwalder Rotwein warm geworden.
"Und bei Donner und Blitz", schalt er weiter, "was soll das heissen, ein Lied aufschreiben? Narrenpossen! Schreibt's einmal auf, wenn Ihr könnt!"
Er hub einen Jodelgesang an in so unmoduliert gröblichen Naturlauten, dass auch das geübteste Ohr einen mit Wort oder Schriftzug darzustellenden Ton vergeblich darin zu entdecken vermocht hätte.
– – Zur selben Stunde sass zu Passau an der Donau im reblaubumrankten Gartenstüblein der Bischofspfalz ein Mann in der Frische sprossenden Mannesalters vor einem steingehauenen Tisch. Ein unnennbar feiner Zug lag um den von braunem Bart überdeckten Mund, üppige Locken wallten unter dem samtnen Barett herfür, seine dunkeln Augen folgten dem zug der schreibenden Rechten. Zwei blonde Knaben stunden neugierig an der hölzernen Armlehne seines Stuhles und schauten ihm über die Schulter ... es war schon manch ein Blatt beschrieben von Fahrten und Stürmen und Not und tapferer Helden Tod – er schrieb jetzt am letzten. And dauerte nicht lang', so tat er die Feder weg und trank einen langen, tiefen, ernsten Schluck ungrischen Weines aus dem spitzen Pokal.
"Ist's jetzt fertig?" sprach der eine Knabe.
"Es ist fertig!" nickte der Schreibersmann, "alles fertig, wie es sich hub und wie es kam und wie es ein bitter Ende nahm."
Er reichte ihm die Blätter, und jubelnd sprangen die Knaben zu ihrem oheim, dem Bischof Pilgerim, und wiesen ihm die Schrift. "Und du selber stehst auch drin, teurer Oheim", riefen sie, "der Bischof mit seiner Nichte ritt auf Passau an' – zweimal stehst du drin und dreimal!"
Und Pilgerim, der Bischof, strich seinen weissen Bart und sprach: "Ihr dürft euch freuen, liebe Neffen, dass euch der Konrad die Mär gebrieft, und wenn der Donaustrom drei Tage und drei Nächte mit Gold fliessen wollte, ihr möchtet nichts Kostbareres drin fischen, denn diesen Sang; das ist die grösseste geschichte, die auf der Welt je geschah."