folgt dem Winke, und bracht's dem
Hagen dar,
Da sprach der Held, wie sehr er von Durst gequält
auch war:
"Waltari, deinem Herrn, sei erst der Trunk gereicht, Braver als ich und alle hat der sich heute erzeigt!" Zwar müd, doch frischen Geists sass jetzt beim Wein
geeint
Hagen, der Dornige, mit seinem alten Freund. Nach Lärm und Kampfgetös, Schildklang und
schweren Hieben
Zum Becher dort die zwei viel Scherz und Kurzweil
trieben.
"Zukünftig", sprach der Franke, "magst du den
Hirsch erjagen,
O Freund! und von dem Fell den Lederhandschuh
tragen,
Und so du dir mit Wolle ausstopfest deine Rechte, So meint noch mancher Mann, die Hand sei eine
echte.
O weh, auch musst fortan du allem Brauch entgegen Am deine rechte Hüfte das breite Schlachtschwert
legen,
Und will Hiltgunde einst dir in die arme sinken, So musst du sie verkehrt umarmen mit der Linken, Und alles, was du tust, muss schief und linkisch
sein ..."
Waltari ihm erwidert: "O Einaug', halte ein! Noch werde' ich manchen Hirsch als Linker
niederstrecken,
Doch dir wird nimmermehr des Ebers Braten
schmecken.
Schon sehe' ich queren Auges dich mit den Dienern
schelten
Und tapfrer Helden Gruss mit scheelem blick
entgelten.
Doch alter Treu' gedenkend schöpf' ich dir guten Rat: Bist du der Heimat erst und deinem Herd genaht, Dann lass von Mehl und Milch den Kindleinbrei dir
kochen,
Der schmeckt zahnlosem Mann und stärkt ihm seine
Knochen."
So ward der alte Treubund erneut mit Glimpf und
Scherz,
Dann trugen sie den König, dem schuf die Wunde
Schmerz,
Und hoben sänftlich ihn aufs Ross und ritten aus, Nach Worms die Franken zogen, Waltari ritt nach
Haus.
Da ward mit hohen Ehren begrüsst der junge Held, Und bald ward auch Hiltgunde dem Treuen
anvermählt.
Nach seines Vaters Tod tat er der herrschaft pflegen Und führte dreissig Jahre sein Volk mit Glück und
Segen;
Noch in manch schwerem Kampfe gewann er Sieg
und Ruhm,
Doch stumpf ist meine Feder und billig schweig' ich
drum.
Hochweiser Leser du, schenk' meinem Werke Gnade! Wohl gleicht mein rauher Reim dem Sang nur der
Zikade,
Doch für das Höchste ist mein junger Sinn erglüht. Gelobt sei Jesus Christ! – So schliesst Waltaris Lied.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Ausklingen und Ende.
"So schliesst Waltaris Lied." – Er hat brav gesungen, unser Einsiedel Ekkehard, und sein Waltarilied ist ein ehrwürdig Denkmal deutschen Geistes, die erste grosse Dichtung aus dem Kreis heimischer Heldensage, die trotz verzehrendem Roste der Zeit unversehrt der Nachwelt erhalten ward. Freilich sind andere Töne darin angeschlagen als in den goldverbrämten Büchlein, die der epigonische Poet ausheckt, – der Geist grosser Heldenzeit weht drin, wild und fast schaurig, wie Rauschen des Sturmes im Eichwald, es klingt und sprüht von Schwerteshieb und zerspelltem Helm und Schildrand ein Erkleckliches und ist von minniglichem Flötenton so wenig zu verspüren als von angegeistetem Schwatzen über Gott und die Welt und sonst noch einiges: riesenhafter Kampf und riesenhafter Spass, altes Reckentum in seiner schlichtfürchterlichen Art, ehrliche fromme schweigende Liebe und echter dreinschlagender Hass, das waren Ekkehards Bausteine; aber darum ist sein Werk auch gesund und gewaltig worden und steht am Eingang der altdeutschen Dichtung, gross und ehrenfest, wie einer jener erzgewappneten Riesen, die die bildende Kunst späterer zeiten als Torhüter vor der Paläste Eingang zu stellen pflegt.
Und wen die Herbigkeit alter, oft schier heidnischer Anschauung unlieblich anmuten möchte, gleich einem rauhen Luftzug an den Dünen des Meers, draus der frackumhüllte Mensch Erkältung schöpft und ein Hüstlein, der möge bedenken, dass einer das Lied sang, der selber in der Hunnenschlacht gefochten, und dass er's sang, die Locken umsaust vom Winde, der über die Schneefelder des Säntis gestrichen, viel hundert Klafter über den Niederungen des Tales, die Wolfshaut zum Mantel, den Felsblock der Höhle zum Schreibtisch, die Bärin zum Zuhörer.
Es ist schade, dass die neckenden Geister und Kobolde schon lange ihr frohsames Handwerk eingestellt haben, sonst möchte' es manch einem Schreibersmann unserer Tage nicht ungedeihlich sein, wenn ihn plötzlich unsichtbare hände vom Mahagonitisch hinwegtrügen auf die grünen Matten der Ebenalp; – dort droben, wo der alte Mann in seiner Berggewaltigkeit dem Poeten ins Konzept schaut, wo die Abgründe gähnen, der Donner zwölffältig durch die Schluchten rollt und der Lämmergeier in einsam stolzem Kreisen dem Regenbogen zufliegt, dort muss einer etwas Grosses, Kerniges, Bärenmässiges singen oder reuig in die Kniee sinken wie der verlorene Sohn und vor der gewaltigen natur bekennen, dass er gesündigt. – –
Unsere Erzählung neigt sich zum Ende.
Es wär' ihr vielleicht ein Gefallen geschehen, wenn Ekkehard jetzt nach Vollendung seines Sanges eines sänftlichen Todes verblichen wäre: das hätte einen gar rührenden Schluss gegeben, wie er oben vor seiner Höhle gesessen, den blick nach dem Bodensee, die Harfe an den Fels gelehnt, die Pergamentrolle in der Rechten, und das Herz wär' ihm gebrochen, und es hätt' sich ein schön Gleichnis daran geknüpft, wie der Sänger vom Lodern des Geistes in ihm aufgezehrt ward und dahinstarb, gleich der Kerze, die zur Asche sich verzehrt, eben da sie Licht gewährt, – aber den Gefallen erwies Ekkehard seinem Angedenken bei der Nachwelt nicht.
Echte Dichtung macht den Menschen frisch und gesund. Und Ekkehards Wangen hatten sich in währender Arbeit strahlend gerötet