1855_von_Scheffel_157_154.txt

Die zweite Frühstund' war's, da hub das Streiten an. Erst brach den Frieden Hagen und warf mit Macht

den Speer,

Der flog in hohem Bogen mit Zisch und Zasch daher. Waltari mochte nicht ausbeugen, doch er hielt Zu schräger Richtung ihm entgegen seinen Schild; Rückprallte das Geschoss, als wie von Marmelstein, Und wühlte bis an den Nagel sich in den nahen Rain. Dann warf auch König Gunter den schweren

Eschenschaft,

Er warf ihn kecken Mutes, doch nur mit schwacher

Kraft,

Den Schildrand traf er nur, und konnte' ihn nicht

zerreissen,

Waltari schüttelte, da fiel das matte Eisen. Das war ein schlimmes Zeichen. Jetzt griffen sie zum

Schwerte,

Doch grimmen Blicks Waltari sich mit der Lanze

wehrte.

Die Klingen waren kurz, sie reichten nicht an ihn, Da fuhr ein schlimmer Plan dem König durch den

Sinn.

Sein abgeschossner Speer lag vor Waltaris Füssen, Den hätt' er heimlich gern zu sich zurückgerissenEr winkte mit dem auge', dass Hagen vorwärts dringe, Und stiess zurück zur Scheide die goldgeschmückte

Klinge,

Da ward die Rechte frei zum Diebsgriffund den

Schaft

Hielt er schon festgepacktund hätt' ihn auch errafft. Doch auf den Hagen stürmte Waltari plötzlich her Und trat mit starkem Fuss auf den gegriffnen Speer. Der Überraschung ward der König sehr

erschrocken,

Die Kniee wankten ihm, sein Atem wollte stocken, Schon war der Tod ihm nah. Doch sprang in

schnellem Lauf

Ihm schirmend Hagen bei. Da stunde er zitternd auf, Es ward der bittre Kampf jetzt ungesäumt erneut, fest stand Waltari noch, doch ungleich war der

Streit

Er stand: so steht der Bär, gejagt von wilder Hatze, unwillig vor der Meute und droht mit scharfer Tatze, Und duckt das Haupt und knurrt. Weh dem, der an

ihn schwirrt:

Er presst ihn und umarmt ihn, bis er sich nimmer

rührt,

Scheu flieht der Rüden Schar mit heulendem

Gebelle. –

So flutete die Schlacht schon auf der höchsten Welle, Dreifache Not des Todes auf jeder Stirne stand: Die Wut, die Last des Kampfes und glüher

Sonnenbrand.

Gepressten Herzens schaute bereits Waltari um, Ob sich kein Ausweg öffne. Zu Hagen rief er drum: "O Hagdorn, grün im Laub, du magst so gern mich

stechen

Und mir die Heldenkraft mit schlauen Sprüngen

brechen,

So schwerer Mühe satt, will ich mit dir jetzt ringenUnd bist du riesenstark, ich will dich näher bringen!" Er sprach's und hochaufspringend warf er die Lanze

keck,

Sie traf und riss ein Stück ihm von der Rüstung weg Und streifte seine Haut, doch nur ein wenig, an, Dieweil gar starken Panzer sich Hagen umgetan. Waltari aber riss das Schwert aus seiner Scheide Und stürmt auf Gunter ein und schlug den Schild

beiseite

So wundersam gewalt'gegen Schwertschlag tat er

behende,

Dass er ihm Bein und Schenkel ganz von der Hüfte

trennte.

Halbtot auf seinem Schilde lag König Gunter da, Selbst Hagen wurde blass, wie solchen Schlag er sah. Hoch schwang Waltari jetzt die blutgefleckte Klinge, Auf dass der wunde König den Todesstreich empfinge, Doch Hagen warf dem Hieb das eigne Haupt

entgegen,

Da sprühte von dem Helm hoch auf ein Funkenregen; Der Helm war hart geschmiedet. Drum brach das

Schwert mit Klirren,

Durch Luft und Busch und Gras zahllose Trümmer

schwirren.

Waltari, wie ihm so die Klinge war zersplittert, Fuhr unwirsch auf, es ward sein Herz von Zorn

durchschüttert,

Wegwarf verächtlich er den Griffwas sollt' er

nützen,

Ob er auch kunstgefüget von Golde mocht' erblitzen? Doch wie er unbedacht die Hand zum Wurf ausreckte, Tat Hagen einen Hieb, der sie zu Boden streckte.

Da lag die tapfre Rechte, so furchtbar manchem

Land,

So siegespreisgeschmücktnun blutend in dem Sand. Ob zwar ein linker MannWaltari war noch nicht Der Kunst des Fliehens kundig, starr blieb sein

Angesicht,

Er biss den Schmerz zusamm' und in den Schild

einschob er

Den blut'gegen Stumpf, und schnell mit linker Faust

erhob er

Das krumme Halbschwert, das er einst im

Hunnenland

Als Notbehelf sich um die rechte Hüfte band. Das rächte ihn am Feind. Da ward dem grimmen

Hagen

Sein rechtes Auge ganz aus dem Gesicht geschlagen, Zersäbelt war die Stirndie Lippen aufgeschlissen, Dazu sechs Backenzähne ihm aus dem Mund

gerissen.

So ward der Kampf geschlichtetwohl durften

beide ruhn.

laut mahnten Durst und Wunden, die Waffen

abzutun.

Da schieden hochgemut die Helden aus dem Streit, An Kraft der arme gleich und gleich an Tapferkeit. Wahrzeichen liess jedweder zurück von dem Gefechte, Hier lag des Königs Fussdort lag Waltaris Rechte, Dort zuckte Hagens auge': so hob an jenem Platz Sich jeder seinen teil vom grossen Hunnenschatz. Die beiden setzten sich. Der dritte lag am grund. Mit Blumen stillten sie den Blutstrom aus der Wunde. Hiltgund, der zagen Maid, laut rief Waltari dann, Die kam und legte guten Verband den Recken an. Waltari drauf befahl: "Jetzt misch' uns einen Wein, Wir haben ihn verdienet, er soll uns heilsam sein. Es sei der erste Trunk dem Hagen zugebracht, Der war dem König treu und tapfer in der Schlacht. Dann reich' ihn mir, der ich das Schwerste hab'

erlitten,

Zuletzt mag Gunter trinken, der lässig nur

gestritten."

Die Jungfrau