1855_von_Scheffel_157_146.txt

: Kein Mann war da so nüchtern, dass er ihn drob

entdeckt.

Waltari rief Hiltgunden fürsichtig nun zu sich: "Wohlauf bring' das Geräte, wohlauf und rüste dich!" Dann führt er aus dem Stall sein Ross, der Löwe hiess

es,

Hufscharrend stand's und schäumend in seine Zügel

biss es.

Er wappnete mit Erze des Rosses Stirn und Seite, Vom Bug hernieder hing er goldschwer die Schreine

beide,

Dazu ein Körbchen Speisedann gab er die

wallenden Zügel

Der Jungfrau in die Hand und hob sie in den Bügel, Er selber sass zu Rosse, vom roten Helmbusch

umwallt,

Bepanzert und beschienet in riesiger Gestalt. Zur Linken hing gegürtet ein Schwert, zur Rechten

auch

Ein scharfer krummer Säbel nach hunnischem

Gebrauch.

Jetzt schwang er Schild und Lanze, es ritten auf

e i n e m Ross

Waltari und Hiltgunde aus König Etzels Schloss. Sie ritten aus dem schloss, sie ritten die ganze

Nacht.

Die Jungfrau lenkt' das Streitross und hatte' der Schätze

acht,

Und sorgsam auch zuhanden hielt sie die

Fischergerte,

Dieweil das viele Gewaffen Waltari schier

beschwerte.

Als nun die Morgensonne aufging mit lichtem Funkel, Entbogen sie der Heerstrass' zu tiefem Waldesdunkel, Und hätte Hass der Fremde und Heimweh nicht

gedrängt,

So hätte schier Hiltgunde das Ross nicht weiter

gelenkt.

Wo nur ein Lüftlein rauschte, wo ein Waldvogel

sang,

Wo schrill ein Baumast knarrte, da seufzete sie bang. So mieden sie der Menschen Behausung und Gehege Und suchten in bahnlosem Gebirg' sich Weg und

Stege.

Noch schwieg der Hunnen Hofburg. Es war schon

hoch am Tag,

Da wurde König Etzel von allen der erste wach. Er wiegt' in beiden Händen sein Haupt, das

nebelschwere,

Und schritt aus dem Gemach: "Ruft mir Waltari

here,

Er teile als Genosse heute seines Königs Jammer, Er soll den Frühtrunk reichen mir in der

Waffenkammer."

Da rieben sich die Diener die Augen und liefen und

sahn

Und suchten allerorten, sie trafen ihn nicht an. Jetzund kam auch die Fürstin Frau Ospirin gehinkt: "Wo säumt und träumt denn Hiltgund, dass sie kein

Kleid mir bringt?"

Da flüsterten die Diener, da ward's der Königin

klar,

Dass Hiltgund mit Waltari nächtlich entflohen war. Da hub sie an: "O Fluch dem Gastmahl, und dreimal

Fluch

Dem Wein, der meine Hunnen so schwer darnieder

schlug!

Was ich den König warnte, liegt offen jetzt zutag', Von unsres Reiches Stützen die stolzeste Säule

brach!"

Der alte König Etzel, von bösem Zorn entbrannt, Zerriss den Purpurmantel und warf ihn an die Wand, Und wie der Staub vom Sturme gewirbelt wird

zuhauf,

So wirbelte ihm im Herzen ein Schwarm von Sorgen

sich auf.

Kein Wörtlein konnte er sprechen, zu mächtig war sein

Grimm,

Und Speise und Getränk stunde unberührt vor ihm. Die Nacht kam angeflogen, noch fand er keine Ruh', Er lag auf seinem Pfühle und schloss kein Auge zu, Er warf sich bald zur Rechten, bald zu der Linken

nieder,

Als hätt' ein Pfeil durchschossen die stolzen

Heldenglieder,

Dann sass er wieder aufrecht, der grambetörte Greis, Dann sprang er aus dem Lager, er lief herum im

Kreis.

So ward dem Hunnenkönig der süsse Schlaf verleidet, Derweil das Flüchtlingspaar schweigsam dem Land

entreitet.

Doch wie am andern Morgen aufstieg der lichte Tag, Hiess er der Hunnen älteste zusammenkommen und

sprach:

"Wer mir in Banden brächte, Waltari, den schlauen

Fuchs,

Als wie vom Wald der Jäger den hinterlistigen Luchs, Dem schüfe ich zur Stunde ein golddurchwirkt

Gewand

Und wollt mit Gold ihn decken von Haupt zu Fuss so

sehr,

Dass ihm von Goldeshaufen der Weg gesperret wär'." Doch in den weiten Landen fand sich kein einz'ger

Grafe,

Kein Heerfürst oder Ritter, kein Knappe oder Sklave, Der sich vermass, Waltari verfolgend nachzugehn Und mit des Schwertes Schneide dem Zürnenden zu

stehen.

Und was der König flehte, gesprochen war's in Wind, Die hohen Goldeshaufensie blieben unverdient. Waltari ritt bei Nachtzeit weiter und weiter in

Hast,

Des tages in dichtem wald und Buschwerk hielt er

Rast,

Nah flogen ihm die Vögel, lieblich klang sein Gelock, Er fing sie mit Leimruten und mit gespaltnem Stock, Und wo in krummem Laufe ein Strom vorüberfloss, Eintaucht' er seine Angel und reiche Beute genoss. So kürzten sich die Tage mit Fischfang und Gejaid, Das schafft dem Hunger Stillung, dem Herzen

Nüchternheit,

Und auf der ganzen Fahrt hat nimmermehr begehrt Die Jungfrau zu umarmen der Recke ehrenwert. Schon vierzig Male war der Sonne Lauf vollendet, Seit dass er sonder Abschied von Etzel sich gewendet, Da glänzt aus lichtem Waldsaum im

Abenddämmerschein

Ein Fluss zu ihm herüberdas war der Vater Rhein, Das war der Rhein, und jenseits am fernen Ufer stand Die Königsburg von Worms, Hauptstadt in

Frankenland.

Ein Schiffer kam gerudert auf breitgebautem Kahn, Die letztgefangnen Fische bot ihm Waltari an, Da fuhr ihn jener über, er war zufrieden der Gabe, Und weiter flüchtend spornt Waltari das Ross zum

Trabe.

Der Fährmann andern Tages nach Worms

gegangen war,

Des Königs Leib- und Mundkoch bracht' er die

Fische dar,

Der würzt' und salzte sie und setzte sie als Mahl Dem König Gunter vor; erstaunt sprach der im Saal: "Seit dass ich herrsche in Franken, nie sah ich einen

fisch