die Schöpfung seines Geistes mitzuteilen, war schon lange rege in ihm: hier in der ungeheuern Bergwelt, dachte er, mag auch eine Bärin die Stelle einnehmen, zu der sonst ein gelehrtes Haupt erforderlich wäre, und er trat an sein Blockhaus, und auf den Speer gestemmt, las er der Bärin die Anfänge des Waltarilieds, und las mit lauter stimme und begeistert, und sie lauschte mit löblicher Ausdauer.
Da las er denn weiter und weiter, wie die Wormser Recken den Waltari verfolgend im Wasgauwald nachritten und an seiner Felsburg mit ihm stritten – noch horchte sie geduldig, aber wie des Einzelkampfes gar kein Ende ward, wie Ekkefrid von Sachsen erschlagen ins Gras sank zu seiner Vorgänger Leichen, und Hadwart und Patafrid, des Hagen Schwestersohn, das Los der Genossen teilten, da erhub sich die Bärin langsam, als wäre selbst ihr des Mordens zuviel für ein lieblich Gedicht, und schritt würdigen Ganges talab.
Auf der Sigelsalp drüben in einsamer Felsritze stunde ihre Behausung; dortin entkletterte sie, sich zum Winterschlaf vorzubereiten.
Das Heldenlied aber, das von allen sterblichen Wesen zuerst die Bärin auf der Sigelsalp vernommen, hat der Schreiber dieses Buches zur Kurzweil an langen Winterabenden in deutschen Reim gebracht, und wiewohl sich schon manch anderer wackerer Verdeutscher derselben Aufgabe beflissen, so darf er's doch im Zusammenhang der geschichte dem Leser nicht vorentalten, auf dass er daraus ersehe, wie im zehnten Jahrhundert ebensogut wie in der Folge der zeiten der Geist der Dichtung sich im Gemüt erlesener Männer eine Stätte zu bereiten wusste.
Fussnoten
A1 Die bei des Abtes Zellen Sind heidnische Gesellen, Grobe, ungescheite, Hochmüt'ge Bauersleute.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Das Waltarilied279.
Das war der König Etzel im fröhlichen
Hunnenreich,
Der liess das Heerhorn blasen: "Ihr Mannen, rüstet
euch!
Wohlauf zu Ross, zu feld, nach Franken geht der
Zug,
Wir machen zu Worms am Rheine uneingeladen
Besuch!"
Der Frankenkönig Gibich sass dort auf hohem
Tron,
Sein herz wollt' sich freuen, ihm war geboren ein
Sohn,
Da kam unfrohe Kunde gerauscht an Gibichs Ohr: Es wälzt ein Schwarm von Feinden sich von der
Donau vor,
Es steht auf fränkischer Erde der Hunnen reisig Heer, Zahllos wie Stern' am Himmel, zahllos wie Sand am
Meer.
Da blassten Gibichs Wangen. Die Seinen rief er bei Und pflog mit ihnen Rates, was zu beginnen sei. Da stimmten all' die Mannen: "Ein Bündnis nur uns
frommt,
Wir müssen Handschlag zollen dem Hunnen, wenn er
kommt;
Wir müssen Geiseln stellen und zahlen den
Königszins,
Des freuen wir noch immer uns grösseren Gewinns, Als dass, ungleiche Kämpfer, wir Land zugleich und
Leben
Und Weib und Kind und alles dem Feind zu Handen
geben."
Des Königs Söhnlein Gunter war noch zu schwach
und klein,
Noch lag's an Mutterbrüsten, das mocht' nicht Geisel
sein;
Doch war des Königs Vetter, Herr Hagen hochgemut Von Trojer Heldenstamme, ein adlig junges Blut. Sie richteten viel Schätze und fassen drauf den
Schluss,
Dass der als Pfand des Friedens zu Etzel ziehen muss. Zur Zeit als dies geschah, da trug mit fester Hand Den Szepter König Herrich in der Burgunden Land. Ihm wuchs die einzige Tochter, benamst jung
Hildegund,
Die war der Mägdlein schönstes im weiten Reich
Burgund.
Die sollt' als Erbin einst, dem Volk zu Nutz und
Segen,
So Gott es fügen wollt', der alten herrschaft pflegen. Derweil nun mit den Franken der Friede gefestigt
war,
So rückt' auf Herrichs Grenzmark der Hunnen
kampfliche Schar.
Voraus mit flinkem Zügel lenkt' König Etzel sein
Ross,
Ihm folgt' im gleichen Schritte der Heeresfürsten
Tross.
Von Rosseshuf zerstampft die Erde gab seufzenden
Schall,
Die zage Luft durchtönte Schildklirren als Widerhall. Im Blachfeld funkelte ein eherner Lanzenwald, Wie wenn die Frührotsonne auf tauige Wiesen strahlt, Und so ein Berg sich türmte: er wurde überklommen, Die Saone und die Rhone: es wurde
durchgeschwommen.
Zu Chalons sass Fürst Herrich, da rief der Wächter
vom Turm:
"Ich sehe' von Staub eine Wolke, die Wolke kündet
Sturm,
Feind ist ins Land gebrochen, ihr Leute, seht euch
vor,
Und wem ein Haus zu eigen, der schliesse Tür und
Tor!"
Der Franken Unterwerfung, dem Fürsten war sie
kund;
Er rief die Lehenträger und sprach mit weisem Mund: "Die Franken, niemand zweifelt's, sind tapfre
Kriegesleute,
Doch mochte keiner dort dem Hunnen stehen zum
Streite,
Und wenn die also taten, da werden wir allein Dem tod uns zu opfern auch nicht die Narren sein. Ich hab' ein einzig Kind nur, doch für das Vaterland Geb' ich es hin, es werde des Friedens Unterpfand." Da gingen die Gesandten, barhäuptig, ohne
Schwert,
Den Hunnen zu entbieten, was Herrich sie gelehrt. Höflich empfing sie Etzel, es war das so sein Brauch, Sprach: "Mehr als Krieg taugt Bündnis, das sag' ich
selber auch,
Auch ich bin Mann des Friedens, nur wer sich meiner
Macht
Töricht entgegenstemmt, dem wird der Garaus
gemacht.
Drum eures Königs Bitte gewähret Etzel gern." Da gingen die Gesandten, es kündend ihrem Herrn. Dem Tor entschritt Fürst Herrich, viel köstliches
Gestein
Bracht' er den Hunnen dar, dazu die Tochter sein – Der Friede ward beschworen, – fahr' wohl, schön
Hildegund!
So zog in die