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bläst, kann er mich nicht zugleich fassen und lustig umschwingen, und wenn ich die Schwegelpfeife tönen lasse, hab' ich auch keinen Arm frei."

Und Ekkehard erquickte sich an der gesunden Fröhlichkeit der Kinder vom Berg und griff wacker in die saiten, und sie tanzten im weichen Gras der Matten, bis der Mond in gelber Schöne sich über die Maarwiese hob, den grüssten sie mit Jauchzen und Zauren274 und tanzten weiter in vergnüglichem Wechselgesang:

"Und das Eis kam gewachsen

Bis zur Alpe daher,

Wie schad' um das Mägdlein,

Wenn's eingefroren wär'!"

summte Benedictas Tänzer in den leichtinschwebenden Reigen;

"Und der Föhn hat geblasen,

Kein Hüttlein mehr steht

Wie schad' um den Buben,

Wenn's auch ihn hätt' verweht!"

sang sie antwortend in gleicher Tonart. Und wie sie Benedicta: "Ihr sollt auch Euern Lohn überkommen, herzlieber Harfeniste. Es geht ein alt Gerede auf unsern Bergen, dass alle hundert Jahr' auf kahlem Hang eine wundersame blaue Blume blühe, und wer die Blume hat, dem steht plötzlich Ein- und Ausgang des berges offen, drinnen glänzt es mit hellem Schein und die Schätze der Tiefe heben sich zu ihm herauf, davon mag er greifen, so viel sein Herz begehrt, und seinen Hut bis zum rand füllen. Wenn ich die Blume finde, bring' ich sie Euch, dann werdet Ihr ein steinreicher Mann, ich kann sie doch nicht brauchen" – sie schlang ihren Arm um den jungen Senn – "ich hab' den Schatz schon gefunden."

Aber Ekkehard sprach: "Ich kann sie auch nicht brauchen!"

Er hatte recht. Wem die Kunst zu eigen ward, der hat die echte blaue Blume: wo für andere Stein und Fels sich auftürmt, tut sich ihm das weite Reich des Schönen auf, dort liegen Schätze, die kein Rost verzehrt, und er ist reicher als die Wechsler und Mäkler und Goldgewaltigen der Welt, wenn auch in seiner tasche oftmals der Pfennig mit dem heller betrüblich Hochzeit feiert.

"Ja, was fangen wir dann mit der Wunderblume an?" sprach Benedicta.

"Gib sie den Ziegen zu fressen oder dem grossen Stierkalb", lachte der Senn, "denen ist auch was zu gönnen."

Und wiederum hoben sie die Füsse zum Tanz und schwangen sich im Mondschein, bis Benedictas Vater heraufgestiegen kam. Der hatte nach vollbrachtem Tagewerk den seiter von der Sonne gebleichten Schädel des Bären über die niedere Tür seiner Sennhütte genagelt275 und ihm mit einem Tropfstein den Rachen aufgesperrt, dass Ziegen und Kühe scheu vor der neuen Wandverzierung davonliefen.

"Ihr gumpet und ruguset276 ja, dass der Säntis zu wanken und schüttern anhebt", rief der alte Alpmeister schon von weitem, "was ist das für ein Gelärme?" Gutmütig scheltend trieb er sie in die Hütte.

Das Waltarilied schritt rasch vorwärts. Wenn das Herz erfüllt ist von Sang und Klang, hat die Hand sich zu sputen, dem Flug der Gedanken nachzukommen.

Eines Mittags wollte Ekkehard seinen schmalen Felssteig entlang wandeln: da kam ihm ein sonderbarer Gast entgegen. Es war die Bärin, die er aus dem Schnee gegraben, langsam stieg sie den Pfad herauf, sie trug etwas in der Schnauze. Er sprang zur Höhle zurück und griff seinen Speer, aber die Bärin kam nicht als Feind, achtungsvoll machte sie Halt am Höhleneingang und legte auf die vorspringende Felskante ein fettes Murmeltier, das sie beim Spielen im sonnigen Gras erschnappt. War's ein Geschenk für die Lebensrettung, war's Ausdruck anderweiter Anwandlungen, wer weiss es? Ekkehard hatte freilich mitgeholfen, die sterblichen Reste des Ehgemahls der Verwitibten zu verzehren; – ob dadurch ein Stück Neigung auf ihn übergelenkt werden konnte? – wir kennen die gesetz der Wahlverwandtschaft zu wenig. Die Bärin setzte sich schüchtern vor der Höhle nieder und schaute unbeweglich hinein! Da ward Ekkehard gerührt, er schob ihr, immer den Speer in der Faust, ein hölzern Schüsselein mit Honig in die Nähe, aber sie schüttelte gekränkt das Haupt, der blick aus ihren kleinen Augen, denen das Augenlid fehlte, war traurig erheiternd, so dass Ekkehard seine Harfe von der Wand holte und anfing, den Reigen zu spielen, den sich Benedicta von ihm erbeten. Das labte der Verlassenen Gemüt, sie erhob sich und ging aufrecht in rhytmischer Grazie bald vorwärts, bald zurück, und Ekkehard spielte schneller und stürmischer, aber da blickte sie verschämt zur Erde; zu tanzen gestattete ihr dreissigjähriges Bärengewissen nimmer, sie streckte sich wieder wie zuvor vor der Höhle, als wollte sie das Lob verdienen, das der Verfasser des Hymnus zu Ehren des heiligen Gall einst den Bären gezollt, da er sie Tiere von bewundernswerter Bescheidenheit nannte277.

"Wir passen zueinand", rief Ekkehard, "du hast dein Liebstes im Schnee verloren, ich im Sturm, – ich will dir noch eines harfen." Er spielte eine wehmütige Weise, des war sie wohl zufrieden und brummte beifällig; er aber, immer seiner Dichtung gedenkend, sprach: "Ich hab' mich heute eine lange Zeit auf den Namen besonnen für die Hunnenkönigin, in deren Obhut jung Hiltgund zu stehen kam, jetzt weiss ich ihn: sie soll Ospirin heissen, die 'göttliche Bärin278'! Verstehst du mich?"

Die Bärin sah ihn an, als wäre sie einverstanden, da griff Ekkehard seine Pergamentblätter und fügte den Namen ein. Das Bedürfnis, einer lebenden Seele