auf die Ebenalp kommt, dem schreibe' ich mit ungebrannter Asche ein Wahrzeichen auf die Haut, dass er zeitlebens dran denken soll, und wenn's ihm nicht recht ist, kann er den Bergtobel hinabsausen wie ein Schneesturz im Frühling."
Brummend ging der Bub von dannen.
Ekkehard aber nahm die Harfe und setzte sich unter das Kreuz vor die Höhle und griff eine fröhliche Tagweise; er hatte lange nimmer die saiten gerührt, es tat ihm wundersam wohl, der mächtigen Einsamkeit gegenüber in leisen Tönen auszusprechen, was ihm im Herzen lebte, und die Musika war ein guter Verbündeter dem Werke der Dichtung; das Waltarilied, das erst wie ferner Nebel ihm vorgeschwebt, verdichtete sich und nahm Gestaltung an und zog in lebendurchatmeten Bildern an ihm vorüber; er schloss die Augen, um besser zu sehen, da sah er die Hunnen anreiten, ein reisig fröhlich Reitervolk und minder abscheulich als die, gegen die er selber vor wenig Monaten in der Feldschlacht gestanden, und sie nahmen die Königskinder in Franken und Aquitanien als Geiseln mit und jung Hiltgund, die Wonne von Burgund – und wie er stärker die saiten anschlug, da erschaute er auch den König Etzel, der war ein leidlich Menschenbild, zu Glimpf und Becherfreuden wohl aufgelegt –, und die Königskinder wuchsen an der Hunnen Hofburg auf, und wie sie gross geworden, kam ein stilles Heimatsehnen über sie, und sie gedachten, dass sie von alters einand verlobt – jetzt hub sich ein Klingen und Drommeten, die Hunnen sassen beim Bankett und König Etzel trank den grossen Humpen und alle folgten seinem Vorbild, Schlummer trunkener Männer tönte durch die Hallen – jetzt sah er, wie im Mondschein der junge Aquitaner Held das Streitross waffnete, und Hildegunde kam und brachte den hunnischen Goldschatz, er hub sie in den Sattel – hei! wie prächtig entritten sie der Gefangenschaft ...
Und fern und ferner wogte es noch wie Fährlichkeit und Flucht und Fahrt über den Rhein und schwerer Kampf mit dem habsüchtigen König Gunter: In grossen markigen Zügen stunde die geschichte vor ihm, die er in schlichtem Heldengesang zu verherrlichen gedachte. Noch in derselbigen Nacht blieb Ekkehard beim Kienspanlicht sitzen und begann sein Werk, und eine Freude kam über ihn, wie die Gestalten unter seiner Hand Leben annahmen, eine ehrliche grosse Freude, denn in fröhlicher Arbeit der Dichtung erhebt sich der Mensch zur Tat des Schöpfers, der eine Welt aus dem Nichts hervorgerufen.
Der nächste Tag fand ihn vergnüglich über den ersten Abenteuern, er konnte sich selber nicht Rechenschaft geben, nach welchem Gesetz er die Fäden seines Gedichtes ineinanderwob, – es ist auch nicht nötig, von allem das Warum und Weil zu wissen: der Wind wehet, wo er will, und du hörest sein Getöse, aber du weisst nicht, woher er kommt und wohin er geht; so verhält es sich auch mit jedem, der im geist geboren ist – sagt das Evangelium Johannis272.
Und wenn es zwischen ein wieder dunkelte vor den Augen des Geistes und Zagheit ihn beschlich – denn er war ängstlich von natur und vermeinte noch manchmal, es sei kaum möglich, etwas zustand zu bringen ohne Hilfe von Büchern und gelahrtem Vorbild –, dann wandelte er auf dem schmalen Fusssteig draussen auf und nieder und liess den blick auf den Riesenwänden seiner Berge haften, die gaben ihm Trost und Mass und er gedachte: "Bei allem, was ich sing' und dichte, will ich mich fragen, ob's dem Säntis und Kamor drüben recht ist." Und damit war er auf der rechten Spur: wer von der alten Mutter natur seine Offenbarung schöpft, dessen Dichtung ist wahr und echt, wenn auch die Leinweber und Steinklopfer und hochverständigen Strohspalter in den Tiefen drunten sie zehntausendmal für Hirngespinst verschreien.
Etliche Tage vergingen in emsigem Schaffen. In lateinischen Vers des Virgilius goss er die Gestalten der Sage, die Pfade deutscher Muttersprache deuchten ihm noch zu rauh und zu wenig geebnet für den gleichmässig schreitenden gang des Heldenliedes. Mehr und mehr bevölkerte sich seine Einsamkeit; er gedachte in ununterbrochenem Anlauf Tag und Nacht fort zu arbeiten, aber der leibliche Mensch hat auch sein Recht. Darum sprach er: "Wer arbeitet, soll sein Tagwerk richten nach der Sonne." Und wenn die Schatten des Abends auf die nachbarlichen Höhen fielen, brach er ab, griff seine Harfe und klomm durch die Höhlenwildnis zur Ebenalp hinauf. Der Platz, wo der erste Gedanke des Sangs in ihm aufgestiegen, war ihm vor allen teuer.
Benedicta freute sich, wie er zuerst mit der Harfe kam. "Ich verstehe' Euch, Bergbruder", sagte sie, "weil Ihr keine Liebste haben dürfet, habt Ihr Euch die Harfe eingetan und sprechet zu der, was Euch das Herz schwellt. Aber umsonst sollt Ihr kein Spielmann geworden sein."
Sie pfiff durch die Finger und tat einen schönen Lockruf zu der niedern Hütte auf der Klus hinüber, da kam ihr Liebster, der Senn, das Alphorn umgehangen, ein frisches junges Blut, im rechten Ohr trug er den schweren silbernen Ring, des Sennen Ehrenzeichen, die Schlange, die an silbernem Kettlein den schwanken Milchlöffel hält, und um die Lenden glänzte der breite Gürtel, drauf in getriebenem Metall ein kuhähnlich Ungetüm zu schauen war273; scheu neugierig stunde er vor Ekkehard, aber Benedicta sprach: "Jetzt spielet uns einen Tanz auf, Bergbruder; wir haben uns schon lang' geärgert, dass wir's nicht selber können, aber wenn er das Alphorn