aus dem Schutt vergangener Zeit tauchte auf, was der sinnige Konrad von Alzei ihm dereinst von Waltari und Hiltgunde erzählt, mit Sang und Klang zog der Geist der Dichtung bei ihm ein, er sprang auf und tat einen Satz in die Luft, dass der Säntis seine Freude an ihm haben mochte: "Im Bild der Dichtung soll das arme Herz sich dessen freuen, was ihm das Leben nimmer bieten kann, an Reckenkampf und Minnelohn, – ich will das Lied vom Waltari von Aquitanien singen!" rief er der scheidenden Sonne zu, und es war ihm, als stünde drüben in der Gemsenlucke zwischen Sigelsalp und Maarwies glanzumwallt der Freund seiner Jugend, der Meister Konrad, und winke ihm mild lächelnd herüber und spreche: "Tu's!"
Und Ekkehard ging fröhlich ans Werk. "Was bei uns geschieht, muss recht geschehen oder gar nicht, sonst lachen uns die Berge aus" – so hatte der Senn eines Tages zu ihm gesprochen, und er hatte beifällig dazu genickt. Der Handbub ward ins Tal geschickt, Eier und Honig zu holen, da bat ihn Ekkehard für einen Tag bei seinem Meister frei und gab ihm einen Brief nach Sankt Gallen an seinen Neffen. Er schrieb ihn in damals üblicher dort wohlbekannter Stabrunenschrift269, damit ihn kein Unberufener lese. Darin aber stand:
"Dem Klosterschüler Burkard Heil und Segen.
Der du ein Augenzeuge von deines Oheims Leid gewesen, wisse zu schweigen. Und wo er weilet, frage nicht – Gottes Hand reicht weit. Du hast im Procopius270 gelesen vom Vandalenkönig Gelimer; da er im numidischen Gebirg' eingeschlossen sass und sein Elend gross war, heischte er von den Belagerern eine Harfe, seinen Schmerz zu versingen. Gedenke dabei deines Ohms und wolle dem Überbringer eine eurer kleinen Harfen mitgeben und etliche Bogen reinen Pergamentes samt Farbe und Rohrfeder, denn mein Herz ist wohlgemutet zu singen in der Einsamkeit. Verbrenne das Blatt. Die Gnade Gottes sei mit dir! lebe' wohl!"
"Musst schlau und fürsichtig sein, als wenn du eines Adlers Nest beschleichen wolltest, um die Jungen auszuheben", sprach Ekkehard zum Handbuben. "Erkunde den Klosterschüler, der mit dem Wächter Romeias war, da die Hunnen kamen, dem entbiete den Brief. Sonst soll niemand drum wissen."
Der Handbub legte den Zeigefinger auf die Lippen: "Bei uns wird nichts verplaudert!" sprach er, "Bergluft macht still."
Nach zwei Tagen kam er wieder bergan gestiegen. Er packte den Inhalt seines Tragkorbes vor Ekkehards Höhle aus. Eine kleine Harfe war unter grünen Eichzweigen verborgen, dreieckig, der Gestalt des griechischen Delta nachgebildet, mit zehn saiten besaitet, Farbe und Schreibgerät dabei und viel Blätter saubern weichen Pergamentes, sorgsam waren die Linien drein punktiert, dass die Buchstaben gerade und eben drauf zu stehen kämen.
Aber der Handbub sah finster und trotzig drein.
"Hast's brav gemacht", sagte Ekkehard.
"Ein zweites Mal lass' ich mich nicht mehr dort hinunterschicken", murrte der Bub und ballte die junge Faust.
"Warum?"
"Weil dort keine Luft geht für unsereins. Im Stüblein der Wandersleut' hab' ich mir den Schüler erkundet und hab' den Auftrag bestellt. Hernach aber wollt' ich erschauen, was das für eine heilige junge Zunft sei, die dort in Kutten zur Schule geht, und bin in den Klostergarten gegangen, dort haben die jungen Herren mit Würfeln gespielt und Wein getrunken, es war ein Ergötzungstag271. Da hab' ich zugesehen, und wie sie Steine nach dem Ziel warfen und das Stockspiel trieben, hab' ich laut auflachen müssen, weil alles schwach und spottmässig war. Und sie wollten wissen, warum ich lache, da hab' ich einen Stein gegriffen und hab' ihn zwanzig Schritt weiter geworfen als der beste von ihnen, und hab' gesagt: 'Was seid ihr für Wachholderdrosseln, wollt ein rechtschaffen Spiel spielen und habt lange Kutten an, euch kann ich ja nicht einmal zum Hosenlupf ausfordern oder zu einem gehörigen Schwingen: euer sache' ist nichts!' Da sind sie mit Stöcken auf mich los, aber den nächsten hab' ich gegriffen und durch die Lüfte geworfen, dass er ins Gras flog wie ein flügellahmer Bergrabe; und sie erhoben ein gross Geschrei und sagten, ich sei ein grober Bergbub, ihre Stärke sei Wissenschaft und Geist. Da hab' ich wissen wollen, was der Geist sei, und sie sprachen: 'Trink' Wein, dann schreiben wir dir's auf den rücken!' Und der Klosterwein war gut, ein paar Krüge hab' ich ihnen weggetrunken, dann haben sie mir etwas auf den rücken geschrieben, ich weiss nimmer, wie's zuging, aber andern Morgens hab' ich nur einen schweren Kopf gehabt und weiss von ihrem Geist im Kloster so wenig denn vorher."
Der Handbub streifte sein rauhes Flachshemd zurück und wies Ekkehard seinen rücken. Der trug in grossem Lapidarstil mit schwarzer Wagensalbe aufgetragen die Inschrift:
"Abatiscellani, homines pagani,
vani et insani, turgidi villaniA1."
Es war ein Klosterwitz. Ekkehard musste lachen. "Lass dich's nicht verdriessen", sprach er, "und denke, dass du selber schuld bist, weil du zu tief in den Weinkrug geschaut." Der Handbub war nicht beruhigt. "Meine schwarsprach er und knüpfte sein Hemd wieder zu. "Aber wenn mir so ein Hasenfuss, so ein Lappi