1855_von_Scheffel_157_14.txt

erschreckt nicht, wenn sie in Verzuckung kommt", flüsterte er der Griechin zu.

Hiemit pfiff Romeias seinen Hunden und schritt ins Waldesdickicht. Er legte auch etwa dreissig Schritte ohne Hindernis zurück, aber dann drehte er sein struppig Haupt und wandte den ganzen Menschen um; auf den Spiess gestemmt, schaute er unverrückt nach dem Platz vor der Klause, als hätt' er etwas verloren. Hatte aber nichts zurückgelassen.

Praxedis lächelte und warf dem gröbsten aller Wächter eine Kusshand zu. Da machte Romeias kehrt, wollte seinen Spiess schultern, liess ihn fallen, hob ihn auf, stolperte, erholte sich wieder und verschwand in gutem Trab jenseits der moosverwachsenen Stämme.

"O Kind der Welt, das in Finsternis wandelt", schalt die Klausnerin herab, "was soll die Bewegung deiner Hand?"

"Ein Scherz ...", sprach Praxedis unbefangen.

"Eine Sünde!" rief Wiborad mit rauher stimme. Praxedis erschrak.

"O Teufelswerk und Verblendung!" fuhr jene predigend fort. "Da lasset Ihr Eure Augen listig herumstreifen, bis sie dem mann als wie ein Blitz ins Herz fahren, und werft ihm eine Kusshand zu, als wenn das nichts wäre. Ist das nichts, wenn einer rückwärts schaut, der vorwärts schauen sollte? Wer die Hand an den Pflug zu legen hat und siehet zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes42! Ein Scherz?! O reichet mir YsopA2, Euch zu entsündigen, und Schnee, Euch rein zu waschen!"

"Daran hab' ich nicht gedacht", sprach Praxedis errötend.

"Ihr denkt noch an vieles nicht", sprach Wiborad. Sie schaute Praxedis mit einem musternden blick von oben bis unten an. "Ihr denkt auch nicht, dass Ihr heute ein grüngelb Gewand traget, und dass solch herausfordernde Farbe weltabgewandten Augen ein Greuel ist, und dass Ihr den Gürtel so lose und nachlässig drum geschlungen habet, als wäret Ihr eine landfahrende Tänzerin. Wachet und betet!"

Die Klausnerin verschwand eine Weile, dann kehrte sie zurück und reichte einen grobgedrehten Strick heraus. "Du dauerst mich, arme Lachtaube", sprach sie. "Reiss ab die seidegestickte Umwindung und empfah' hier den Gürtel der Entsagung aus Wiborads Händen; der soll dir eine Mahnung sein, dass du unnützem Schwatzen und Tun den Abschied gebest. kommt aber wieder eine Versuchung eitlen Herzens über dich, Wächtern Kusshände zuzuwerfen, so wende dein Haupt gegen Sonnenaufgang und singe den Psalm: 'Herr, zu meinem Beistand eile herbei!' – und will auch dann der Friede nicht bei dir einkehren, so brenn' ein Wachslicht an und halt' den Zeigefinger über die Flamme, so wirst du sicher sein zur Stunde43. Das Feuer heilt das Feuer."

Praxedis schlug die Augen nieder.

"Eure Worte sind bitter", sprach sie.

"Bitter!" rief die Klausnerin, "gelobt sei der Herr, dass auf meinen Lippen kein süsser Schmack wohnt! Der Mund der Heiligen muss bitter sein. Da Pachomius in der Wüste sass, trat der Engel des Herrn zu ihm und brach die Blätter des Lorbeerbaums und schrieb die Worte des Gebets drauf und gab sie dem Pachomius und sprach: 'Verschling' die Blätter; sie werden schmecken in deinem Mund wie Galle, aber dein Herz wird erfüllt werden vom Überschwall wahrer Weisheit.' Und Pachomius nahm die Blätter und ass sie, und von stunde' an blieb sein Mund bitter, sein Herz aber füllte sich mit Süsse und er pries den Herrn44."

Praxedis schwieg. Es blieb eine Zeitlang still. Die andern Frauen der Herzogin waren nicht mehr zu sehen. Wie die Klausnerin ihren Gürtel herausreichte, hatten sie einand mit dem Ellbogen angestossen und waren leise um das Häuslein geschlichen. Sie pflückten einen grossen Strauss Heidekraut und Herbstblumen im wald und kicherten dazu.

"Wollen wir auch einen solchen Gürtel umlegen?" sprach die eine.

"Wenn die Sonne schwarz aufgeht", sprach die andere.

Praxedis hatte den Strick ins Gras gelegt. "Ich will Euch Eures Gürtels nicht berauben", sprach sie jetzt schüchtern zum Fenster der Zelle hinauf.

"O harmlos Gemüt", sprach Wiborad, "der Gürtel, den wir tragen, ist kein Kinderspiel wie der, den ich dir reichte; der Gürtel Wiborads ist ein eiserner Reif mit stumpfen Stacheln und klirrt wie eine Kette und schneidet ein; – deine Augen erschauerten seines Anblicks45."

Praxedis schaute nach dem Wald, als wolle sie spähen, ob Romeias nicht bald zurückkehre. Die Klausnerin mochte bemerken, dass es ihrem Gast nicht allzu behaglich war, sie reichte ein Brett aus ihrem Fensterlein, drauf war ein halb Dutzend rotgrüner Äpfel gelegt.

"Wird dir die Zeit lang, Tochter der Welt?" sprach sie. "Greif' zu, wenn die Worte des Heils dich nicht sättigen. Backwerk und Süssigkeiten hab' ich nicht, aber auch diese Äpfel gefallen dem Herrn wohl, sie sind die Speise der Armen."

Die Griechin wusste, was der Anstand erheischt. Aber es waren Holzäpfel. Wie sie den ersten zur Hälfte verzehrt, verzog sich ihr anmutiger Mund, und unfreiwillige Tränen perlten in den Augen.

"Wie schmecken sie?" rief die Klausnerin. Da tat Praxedis, als ob des Apfels Rest zufällig ihrer Hand entfalle: "Wenn der Schöpfer allen solche Herbigkeit anerschaffen, so hätte Eva nimmermehr vom Apfel gekostet", sprach sie mit sauersüssem Lächeln.

Wiborad