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den Hinterfüssen einherwandelnd. Er erschrak, als drohte ihm eine Umarmung, da schlug er ein Kreuz und sprach den Bärensegen des heiligen Gallus wider sie: "Zeuch aus und weiche von unserem Tal, du Ungetüm des Waldes, Berg und Alpenschlucht seien dein Revier, uns aber lass in Ruh' und die Herden der Alm266." Und die Bärin war still gestanden, im auge' einen bitter wehmütigen blick, als wäre sie gekränkt ob der Verschmähung ihres Gefühls, sie liess die Tatzen zur Erde sinken, drehte dem Bannenden den rücken und schritt auf allen vieren von dannen. Noch zweimal hatte sie umgeschaut, ehe sie aus dem blick der Bergbewohner verschwand.

"So ein Tier hat zwölf Männer Verstand und sieht dem Menschen, an den Augen an, was er will", sprach der Senn, sonst würde' ich sagen: "Ihr seid ein heiliger Mann, dass Euch die Völkerschaften der Wildnis gehorchen."

Er wiegte die Tatzen des Toten prüfend im Arm:

"Juhuhu, das wird ein Festschmaus. Die verzehren wir am nächsten Sonntag, Bergbruder, und ein Salätlein von Alpenkräutern dazu. Das Fleisch gibt Wintervorrat für uns zweibeide, ums Fell losen wir."

Wie sie das Opfer der Lawine zum Wildkirchlein emporschleiften, sang Benedicta:

"Und wer Schneeglöcklein graben will

Und hat das Glück dabei,

Der gräbt wohl einen Bären aus

Und gräbt auch ihrer zwei."

Der Schnee war ein luftiger Flutterschnee267 gewesen und war in Bälde wieder zerschmolzen, Spätsommer zog noch einmal mit herzwärmender Kraft in den Bergen ein, ein stiller Sonntagfriede lag über dem Hochland.

Ekkehard hatte des Mittags mit dem Senn und seiner Tochter die Bärentatzen verzehrt, eine lecker kräftige Speise, rauh, aber stark, wie die Altvorderen selber; dann war er hinaufgestiegen auf den Gipfel der Ebenalp und hatte sich ins duftende Gras geworfen und schaute behaglich in die Himmelsbläue, von wohligem Hauch der Gesundheit erquickt. Um ihn weideten Benedictas Ziegen; schier war's zu hören, wie das Alpengras zwischen den Zähnen der Kauenden sich bog und zerbrach. Unstetes Gewölk zog an den Bergwänden herum, – auf weisser Kalksteinplatte, dem Säntis zugewendet, sass Benedicta; sie blies auf der Schwegelpfeife. Einfach, melodisch wie ein Klang aus ferner Jugendzeit tönte die Weise, mit zwei hölzernen Milchlöffeln in der Linken schlug sie den Takt dazu. Sie war Meisterin in dieser Kunst, und ihr Vater pflegte oftmals mit Bedauern zu sagen: "Es ist schade, sie verdiente Benedictus zu heissen, – sie hätt' wahrlich einen tollen Handbuben gegeben."

Wenn die Tonweise rhytmisch zu Ende ging, tat sie einen scharfen Jodelruf zur benachbarten Alp, dann schallte von dort sanftkräftiges Blasen des Alphorns herüber, ihr Liebster, der Senn auf der Klus, stand unter dem zwergigen Fichtenbaum und blies den Kuhreigen268jenen seltsamen Naturlaut, der, keiner Melodei vergleichbar, erst dumpfes Geräusch scheint, als sässe eine Hummel oder ein Käfer im Horn eingesperrt und suche summend den Ausweg, der aber mählich und mählich das grosse Lied von sehnsucht, Liebe und Heimweh in alle Gänge des Menschenherzens hinein drommetet, dass es aufjubelt oder zerbricht.

"Ich glaube, Euch ist wieder ganz wohl, Bergbruder", rief Benedicta zu Ekkehard herauf, "dass Ihr Euch so vergnügt auf den rücken strecket. Gefällt's Euch?"

"Ja", sprach Ekkehard, "pfeif weiter."

Er konnte sich nicht satt schauen an all' der Pracht. Zur Linken stunde in schweigender Grösse der Säntis mit seiner Sippe, – er kannte schon all' die einzelnen Häupter bei ihren Namen und hiess sie seine lieben Nachbarn; vor ihm breitete sich ein Gewimmel niedrigerer Berge und Hügel aus, grünes üppiges Mattenland und dunkle Wälder, ein Stück Rheintal glänzte herauf, von den Höhen des Arlbergs und fernen Rätischen Alpen umsäumt, – ein dunstiger Streif Nebel deutete das Becken des Bodensees an, das er umhülltealles war weit und gross und schön.

Wer das Geheimnis erlauscht hat, das auf luftiger Berghöhe waltet und des Menschen Herz weitet und dehnt und himmelan hebt in freiem Schwung der Gedanken, den fasst ein lächelnd Mitleid, wenn er derer gedenkt, die drunten in der Tiefe Ziegel und Sand zum Bau neuer babylonischer Türme beischleppen, und er stimmt ein in jenes rechtschaffene Jauchzen, von dem die Hirten sagen, dass es vor Gott gelte wie ein Vaterunser.

Die Sonne stunde über dem Kronberg und neigte sich zum Untergang und sprühte ein glühgolden Feuer an den Himmel und schoss lustig ihre Strahlen in den Nebel über dem Bodensee. Jetzt riss die weisse Umhüllung, in leiser, ahnungsvoller Bläue lag der Untersee vor Ekkehards blick; sein Auge schärfte sich im Glanz des Abends, er sah einen verschwindenden dunkeln Punkt, das war die Reichenau, er sah einen Berg, kaum hob er sich am Himmelsgrund, aber er kannte ihnes war der hohe Twiel.

Und der Kuhreigen tönte ins Herdengeläut und wärmer und wärmer färbte sich alles auf der Alp, goldbraungrün leuchteten die Matten, leiser Abglanz der Röte warf sich auf die grauen Kalksteinwände des Kamor, da hub sich auch in Ekkehards Seele ein Leuchten und Glänzen, – die Gedanken flogen hinüber ins ferne Hegau und weiter, es war ihm, als sässe er wieder bei Frau Hadwig auf dem Hohenstoffeln wie damals, als sie des Hunnen Cappan Hochzeit feierten, als käme Audifax mit Hadumot aus der Hunnennot heimgeritten, als säh' er das Glück in Gestalt jener zwei verkörpert, und