und hernachmals an einer stolzen Frau schier den Verstand eingebüsst; "lass stürzen, Herz", sprach er, "was nicht mehr stehen mag, und bau' dir eine neue Welt, bau' sie dir tief innen, luftig, stolz und weit, strömen und verrinnen lass die alte Zeit!"
Er ging wieder vergnügt in seiner Klause umher, eines Abends hatte er die Vesperzeit geläutet, da kam der Senn von der Ebenalp; er trug etwas sorgsam in einem Tuch. "Gott grüss, Bergbruder!" sprach er, "es hat Euch ordentlich geschüttelt, hab' heute was für Euch aufgelesen zur Nachkur, aber Eure Backen sind rot und Eure Augen fröhlich, da ist's nimmer nötig." Er öffnete sein Tuch, es war ein wimmelnder Ameisenhaufen, alt und jung, samt trockenen Fichtennadeln; er schüttelte das fleissige Völklein die Felswand hinunter.
"Ihr hättet sonst heute nacht drauf schlafen müssen", sprach er lachend, "das beizt die letzte Spur von Fieber hinweg."
"Es ist vorbei", sprach Ekkehard, "ich dank' Euch für die Medizin."
"Aber macht Euch warm ein", sagte der Senn, "es streicht eine schwarze Wolke über den Brülltobel her und die Kröten schleichen aus den Steinritzen vor, das Wetter will umschlagen."
Am andern Morgen glänzten alle Gipfel in frischem blendendem Weiss. Es war ein starker Schnee gefallen. Aber für Winters Anfang war's noch viel zu früh. Die Sonne stieg lustig drüber auf und peinigte den Schnee mit ihren Strahlen, dass es ihn schier gereute, gefallen zu sein. Wie Ekkehard abends beim Kienspanlicht sass, schlug ein Krachen und Dröhnen an sein Ohr, als wollten die Berge einstürzen. Er fuhr zusammen und legte die Hand an die Stirn, ob das Fieber nicht wiederkomme.
Aber es war kein Spuk kranker Einbildung.
Dumpfer Widerhall wälzte sich genüber durch die Schluchten der Sigelsalp und Maarwiese, dann klang's wie ein Zusammenbrechen mächtiger Baumstämme und schütternder Fall – und verklang. Aber ein leis klagendes Brummen tönte die ganze Nacht durch vom Tal herauf.
Ekkehard schlief nicht. Seit er am Seealpsee herumgeirrt, traute er sich nimmer. In aller Frühe ging er zur Ebenalp hinauf. Benedicta stand vor der Sennhütte und warf ihm einen Schneeball in die Kutte. Der Senn lachte, als er ihn ob des nächtlichen Lärms befragte.
"Die Musik werdet Ihr noch oft hören", sprach er, "es ist eine Lawine zu Tal gestürzt."
"Und das Brummen?"
"Wird Euer eigen Schnarchen gewesen sein."
"Ich hab' nicht geschlafen", sagte Ekkehard. Da gingen sie mit ihm hinunter und horchten. Es war ein fernes Stöhnen im Schnee.
"sonderbar", sprach der Senn, "es ist was Lebendiges verschüttet."
"Wenn der Pater Lucius von Quaradaves noch lebte" – sagte Benedicta, "der hat so eine sanfte Bärenstimme gehabt."
"Schweig, du wilde Hummel!" drohte ihr Vater. Sie holten Schaufel und Bergstock, der Alte nahm sein Handbeil mit, so stiegen sie mit Ekkehard den Spuren der Lawine nach. Die war von der Felswand zum Äscher herabgefahren über Grund und Steingerölle und hatte die niedrigen Fichtenstämme geknickt wie Strohhalme; drei mächtige Blöcke, die gleich Schildwachen ins Tal hinabschauten, hemmten den Sturz, dort hatte sich der wandernde Schnee zürnend aufgebäumt, weniges war auch über diese Schranke weggesaust, der Kern, zerbröckelt von der Wucht des Anpralls, lag in trümmerhafter Masse getürmt. Der Senn legte sein Ohr an die Schneedecke, dann trat er etliche Schritte hinein, stiess den Bergstock ein und rief: "Hier graben wir!"
Und sie gruben eine gute Weile und gruben einen Schacht, also, dass sie tief drinnen standen und über ihren Häuptern die Schneemauer sich erhob, und bliesen oftmals in die hände bei der kalten Arbeit. Da jodelte der Senn hell auf und Ekkehard tat einen Schrei – ein schwarzer Fleck kam zum Vorschein, der Senn sprang zum Beil, noch etliche Schaufelstösse, da hob sich's in zottiger Schwerfälligkeit und richtete sich brummend auf und reckte seine Vordertatzen weit empor gegen Himmel, wie einer, der sich schweren Schlaf aus den Gliedern bannen will, und stieg langsam zu dem Fels und setzte sich drauf.
Es war eine mächtige Bärin, die auf nächtlichem gang zu den Forellen des Seealpsees samt ihrem Ehgemahl dort überschüttet worden. Aber der Bär rührte sich nimmer, der war an ihrer Seite erstickt und lag in kühlem Todesschlaf, einen trotzigen Zug um die Schnauze, als wär' er mit einem Fluch auf allzu frühen Schneefall vom süssen Dasein geschieden.
Der Senn wollte mit seinem Beil wider die Bärin ausziehen, aber Ekkehard hielt ihn zurück und sprach: "Lasset ihr das Leben, wir haben genug an dem da!" und sie zogen ihn herfür und mochten ihn kaum selbander von der Stelle bringen. Die Bärin sass auf ihrem Stein und schaute betrübt herunter und brummte und warf einen feuchten blick auf Ekkehard, als habe sie ihn verstanden. Dann stieg sie hernieder, aber nicht wie zum Angriff; die Männer banden Fichtengezweig zu einer Schlinge zusammen, die Beute fortzuschleifen, sie traten zurück, Beil und Speer geschwungen, die Bärenwitib aber beugte sich über den toten Ehegespons und biss ihm das rechte Ohr ab und frass es auf zu ewigem Angedenken an glückliches Ehemals, dann wandte sie sich gegen Ekkehard, auf