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Rede.

"Schau auf, Kind Gottes!" hatte Konrad einmal zum jungen Freund gesagt, da sie von der Warte des Gartens hinabschauten ins Land, "dort, wo die weissen Sanddünen aus dem Feld aufragen, ist ehemals Fluss gewesen und Strömung des Neckar: so geht die Spur vergangener Menschengeschichten durch die Felder der Nachkommen, und es ist schön, wenn sie des achtaben. Und hier am Rhein ist heiliger Boden, es wäre Zeit, dass wir das sammeln, was drauf gewachsen, eh' uns das leidige Trivium und Quadruvium den Sinn dafür abtötet."

Und an fröhlichen Vakanztagen war Konrad mit ihm in den Odenwald gewandert, da rieselte im grünen Birkental versteckt eine Quelle, draus tranken sie, und Konrad sprach: "Neige dein Haupt, hier ist der Totenhain und Hagens buch und Siegfrieds Bronn, hier ward dem besten aller Recken vom grimmen Hagen der Speer in den rücken gerannt, dass die Blumen allentalb von rotem Blut ertauten, dort auf dem Sedelhof hat Chriemhildis um den Erschlagenen getrauert, bis des Hunnenkönigs Boten kamen, um die junge Witib zu werben" – und er erzählte ihm all' die alten Mären von der Königsburg zu Worms und vom Nibelungenschatz und von Chriemhildis' Rache, und seine Augen sprühten: "Schlag' ein!" rief er dem jungen Freunde zu, "wenn wir Männer sind und des Sanges geübt, wollen wir ein Denkmal setzen den Geschichten am Rhein; es gärt und braust schon in mir wie ein gewaltig Lied von Heldentapferkeit und Not und Rache und Tod, und die Kunst des hörnen Siegfried, sich zu festen und zu feien, weiss ich, wenn's auch keine Drachen mehr zu erschlagen und kein Blut mehr abzukochen gibt: wer mit heiligem Sinn die Waldluft schlürft und die Stirn mit dem Morgentaue netzt, dem geht das gleiche Verständnis auf, er hört, was die Vögel von den Zweigen singen und was der Sturmwind von alten Mären kündet, und wird stark und so fest, und wenn er das Herz am rechten Fleck hat, schreibt er's nieder zu Nutz und Frommen der anderen."

Ekkehard aber hatte schier furchtsam den fröhlich Übermütigen angeschaut und gesagt: "Mir wird schier schwindlig, wenn ich dir zuhöre, wie du ein anderer Homerus zu werden gedenkst." Und Konrad sprach lächelnd: "Eine Ilias soll keiner singen nach Homerus, aber das Lied der Nibelungen ist noch nicht gesungen und mein Arm ist grün und mein Mut ist stark, und wer weiss, was die Folge der zeiten bringt!"

Und ein andermal gingen sie am Gestade des Rheines und die Sonne spiegelte sich über den Bergen des Wasgauwaldes herunter in den Wellen, da sprach Konrad: "Für dich wüsst' ich auch einen Sang, der ist einfach und nicht allzu herb und passt zu deinem Gemüt, denn du horchst lieber dem Schalle des Jagdhorns als dem Rollen des Donners. Schau auf! so wie heute hat einst die Zinne von Worms herübergeglänzt, da der Held Waltari von Aquitanien aus der Hunnengefangenschaft fliehend ins Frankenland ritt; hier hat ihn der Ferg' übergefahren samt seiner Liebsten und seinem Goldschatz, nach dem wald ist er geritten, der dort blaudunkel ragt, das gab am Wasichenstein ein hartes Fechten und Funkensprühen von Helm und Schilden, da ihm die Wormser nachrückten, aber die Lieb' und ein gut Gewissen hat den Waltari stark gemacht, dass er sie alle bestand, den König Gunter und Hagen selbst, den Grimmen."

Und er hatte ihm die Sage weitläufig erzählt; "um grosse Riesenbäume treibt allerhand wilder Schoss", sprach er, "so ist auch um die Nibelungensage ringsum viel ander Buschwerk aufgespriesst, aus dem sich etwas zuschneiden lässt, wenn einer Freude dran hat; sing' du den Waltari!"

Aber Ekkehard liess damals Kiesel über die Rheinflut tanzen und verstand seinen Freund nur halb; er war ein frommer Schüler und sein Sinn aufs nächste gerichtet. Die Zeit trennte die beiden, und Konrad musste die Klosterschule fliehen, weil er einst gesagt, des Aristoteles Logika sei eitel leeres Stroh, und war in die weite Welt gegangen, niemand wusste wohin, und Ekkehard kam nach Sankt Gallen und hatte fort und fort studiert und war ein verständiger junger Mann geworden, den sie zum Professor tauglich fanden, und dachte an den Alzeier Konrad oft schier mit einem vornehmen Mitleid.

Aber ein triebkräftig Samenkorn kann in des Menschen Herz lange verborgen ruhen und geht zuletzt doch auf, wie der Weizen aus den Mumiensärgen Ägyptenlands.

Dass Ekkehard jetzt freudig jener Erinnerungen pflegte, war ein Zeichen, dass er seiter auch ein anderer geworden.

Und es war gut so. Die Launen der Herzogin und Praxedis' unbefangene Grazie hatten sein blödes, schwerfällig gründliches Wesen geläutert, die grosse Zeit, die er durchlebt, das Sausen der Hunnenschlacht hatten Schwung in seine Gesinnung getragen und ihn das Getrieb kleinen Ehrgeizes verachten gelehrt, jetzt trug er einen grossen Schmerz in sich, der ausgetobt sein mussteso war der Klostergelehrte trotz Kutte und Tonsur in der glücklichen Umwandlung zum Dichter begriffen und schritt einher gleich der Schlange, die sich aus der alten Umhäutung losgerungen und nur der gelegenheit wartet, ihre ganze Hülle wie einen abgetragenen Rock an der Hecke abzustreifen.

Täglich und stündlich, wenn er die allezeit schönen Gipfel seiner Berge anschaute und die reine Luft mit vollen Zügen einsog, kam es ihm mehr als ein Rätsel vor, dass er seines Lebens Glück erst im erklären und Deuten vergilbter Schriften gesucht