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arme hoch erhoben wie ein Beter264.

Der Mond ging über dem Säntis unter, bläulicher Schimmer leuchtete auf dem alten Schnee der Gletscher, da zuckte ein stechender Schmerz durch Ekkehards Gehirn, die Berge um ihn tanzten und schwankten, sausendes Getön strömte durch die Wälder, aufschäumte der See, viel tausend werdende Frösche in schwarzer Kaulquappengestalt wimmelten in den Wogen ... Aber in tauiger Schöne stieg die Gestalt eines Weibes265 empor und entschwebte bis zum Gipfel der Möglisalp, dort sass sie im samtweichen Grün und strich das wasser aus dem langen triefenden Haar und flocht sich einen Kranz aus Alpenblumen, in den Schluchten hob sich ein Krachen, der Säntis reckte sich auf, der alte Mann zur Rechten nicht minder, Gestalten himmelstürmenden Ursprungs tobten sie gegeneinand, der Säntis griff seine Wände und schleuderte sie hinüber, und der alte Mann riss sich sein Haupt ab und warf's auf die Säntispyramidejetzt stunde der Säntis zur Rechten und der alte Mann floh vor ihm zur Linken, aber die Jungfrau des Sees sass in lächelnder Ruhe auf ihrer Alpe und spottete der steinernen Zweikämpfer und rang ihr felsgelbes Gelock, draus entströmte perlender Wasserfall und strömte stärker und strömte wilder und wirbelte die Maid mit den feuchten Augen rauschend hinab in den Seeda schwichtigte sich das Toben der Berge, der Altmann griff sein weggeworfenes Haupt und setzte es auf und wandelte schmerztraurig jodelnd zurück zur Kluft, in die er gehörte, und der Säntis stunde wieder am alten Platz und seine Schneefelder leuchteten wie vordem.

... Als Ekkehard des andern Tages erwachte, lag er in seiner Höhle, von fiebrigem Frost durchschütteltin den Knieen todmüde Zerbrochenheit.

Die Sonne stand in der Mittagshöhe.

Benedicta huschte draussen vorbei und sah ihn zitternd daliegen, den Wolfspelz umgeschlagen. Die Kutte hing triefend und wasserschwer über einem Felsstück.

"Wenn Ihr wieder Forellen im Seealpsee fangen wollt, Bergbruder", sprach sie, "so lasst mich's wissen, dass ich Euch führe. Der Handbub, der Euch vor Sonnenaufgang begegnete, hat gesagt, Ihr seid den Berg heraufgewankt wie ein Nachtwandler."

Sie ging und läutete die Mittagglocke für ihn.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Auf der Ebenalp.

sechs Tage lang war Ekkehard krank gelegen. Die Sennen pflegten ihn, ein Trank aus blauem Enzian gekocht, schwichtigte das Fieber. Die Alpenluft tat das ihre. Eine starke Erschütterung war ihm notwendig gewesen, um an Körper und Geist das gestörte Gleichgewicht herzustellen. Jetzt war's in Ordnung. Er hörte keine Stimmen und sah keine Phantasmen mehr. Lindes Gefühl von Ruhe und aufsprossender Gesundheit durchströmte ihn; es war jener Zustand sanfter Ankraft, der schwermütigen genesenden Menschen so wohl ansteht. Sein Denken war ernst, aber nimmer bitter.

"Ich hab' von den Bergen was gelernt", sprach er zu sich selber, "Toben hilft nicht, wenn auch die zauberreichste Maid vor uns sitzt, der Mensch muss von Stein werden, wie der Säntis, und kühlenden Eispanzer ums Herz legen, kaum der Traum der Nacht soll wissen, wie es drinnen kocht und glüht, das ist besser."

Und mählich ward ihm die Trübsal der letzten Vergangenheit in mildem Duft verklärt; er dachte an die Herzogin und alles, was auf dem hohen Twiel geschehen, es tat ihm nimmer weh. Und das ist das Fürtreffliche gewaltiger natur, dass sie nicht nur sich selber als ein mächtig wirkend Bild vor den Beschauenden stellt, sondern den Geist überhaupt ausweitend anregt und fernliegende verschwundene Zeit im Gedächtnis wieder heraufbeschwört. Ekkehard hatte lang' nimmer auf die Tage' seiner Jugend rückgeschaut, jetzt flüchtete sich sein Denken am liebsten dortin, als wär' es ein Paradiesgarten, aus dem ihn der Sturm des Lebens hinausgeweht. Er hatte etliche Jahre in der Klosterschule zu Lorsch am Rheine verbracht; damals ahnte er nicht, was in der Frauen dunkeln Augen für herzverzehrende Glut verborgen glimmt, die alten Pergamente waren seine Welt.

Aber eine Gestalt stand ihm schon damals fest ins Herz geschrieben, das war der Bruder Konrad von Alzei. An ihn, den wenig Jahre älteren, hatte Ekkehard die erste Neigung junger Freundschaft geheftet; ihr Lebensweg ging auseinand, es war Gras gewachsen über die Tage von Lorsch, jetzt tauchten sie strahlend vor der Betrachtung auf, gleich dem dunkeln Hügelland der Fläche, wenn die Morgensonne ihre Strahlen drauf geworfen.

Es ist mit des Menschen Geist wie mit der Rinde der alten Erde; auf den Anschwemmungen der Kindheit türmen sich in stürmischer Hebung neue Schichten auf, Fels und Grat und hohe Bergwand, die bis in den Himmel zu reichen wähnt, und der Boden, drauf sie ruht, ist mit Trümmern überschüttet und vergessen, – aber wie die starren Gipfel der Alpen oft sehnsüchtig zu Tale schauen und sich heimwehbewältigt hinabstürzen in die Tiefe, der sie entstiegen, so fährt die Erinnerung zurück in die Jugend und gräbt nach den Schätzen, die sie unbeachtet beim tauben Gestein zurückliess.

Jetzt flog Ekkehards Denken oftmals zu seinem treuen Gespan, er stunde wieder mit ihm, unter der rundbogigen säulengetragenen Vorhalle, er betete mit ihm an den alten Königsgräbern und am Steinsarg des blinden Herzog Tassilo, er wandelte mit ihm durch die schattigen Gänge des Klostergartens und lauschte seinen Worten, – und was Konrad damals gesprochen, war hehr und gut, denn er schaute mit dem auge' eines Dichters in die Welt, und es war, als müssten Blumen am Wege aufspriessen und die Vögel lustig begleitend drein schmettern, wenn sein Mund sich auftat zu honigsüsser