Schneewässer hatte sie im Frühling losgenagt, sie sah aus wie die Decke eines Grabmals. Dort sass er oft, er nannte sie stillschweigend das Grab seiner Liebe; oft kam's ihm vor, als ruhe die Herzogin und er selber in kühlem Schlaf der Toten darunter, und er sass drauf und schaute über die tannumsäumten grünen rücken nach dem Bodensee hinüber und träumte. Es war ihm nicht gut, dass er den See von seiner Klause erschauen konnte, wunde Rückerinnerung durchschmerzte sein Inneres. Oft wollt' er zornig aufbrausen, oft bog er sich abendlich um die Ecke seines Felsens in der Richtung des Untersees und hauchte Grüsse hinaus262. Wem galten sie?
Der Traum der Nacht war wirr und bewegt. Er sah sich wieder in der Burgkapelle und die ewige Lampe schwebte über der Herzogin Haupt wie damals, und wie er auf seine Gebieterin zustürzen wollte, hatte sie das Antlitz der Waldfrau und lachte ihm höhnisch ins Gesicht; und wenn er frühmorgens von seinem Streulager aufsprang, hörte er sein eigen Herz pochen und das Wort Frau Hadwigs: "O Schulmeister, warum bist du kein Kriegsmann worden?" verfolgte ihn, bis die Sonne hoch am Himmel stand oder der Anblick Benedictas es verscheuchte.
Oft warf er sich ins kurze schwellende Gras am Abhang und überdachte die letzten Monate; in läuternder Schärfe der Alpenluft prägten sich Gestalten und Ereignisse klar vor seinem Denken, es peinigte ihn das Gefühl, dass er sich zag und scheu und töricht benommen und nicht einmal die Aufgabe gelöst, eine geschichte zu erzählen, wie Herr Spazzo und Praxedis. "Ekkehard, du bist lächerlich geworden", sprach er höhnisch leise zu sich selber und vermeinte dabei, er müsse an den Felswänden sein Gehirn anrennen.
Melancholisch Gemüt zehrt lang' an erlittener Beschädigung und vergisst in seinem Brüten, dass tadelhafte Tat nur durch nachfolgende bessere im Gemüt der Menschen verwischt wird.
Darum war Ekkehard noch nicht reif für die klärenden Wonnen der Einsamkeit. Der haftende Eindruck vergangenen Leids tat eine seltsame wirkung; wenn er in seiner Höhlenstille sass, glaubte er Stimmen zu hören, die spottend mit ihm plauderten von törichten Hoffnungen und den Täuschungen der Welt, Flug und Ruf der Vögel klang ihm wie kreischender Schrei der Dämonen und sein Gebet half nicht dawider. Wenn Schauer der Wildnis den Geist erfüllt, täuscht sich Ohr und Auge und glaubt die alten Sagen, dass alles von Mitte der Luft bis hernieder und die Erde selber, da wo sie unbauhaft263, erfüllt sei vom Reigentanz ewig lebender Geister.
Es war eine weiche würzige Spätsommernacht, er wollte sich auf sein einfach Lager werfen, da schien der Mond in scharfem Glanz die Höhle an, zwei weisse Wolken zogen langsam einander nach, er hörte, wie sie zueinander sprachen, und die eine Wolke war Frau Hadwig, die andere Praxedis. "Ich will doch sehen, wie die Ruhestatt eines flüchtigen Toren aussieht", sprach die vordere weisse Wolke und streifte eilend über die Scheitel der wagrechten Wände und stand gegenüber der Höhle über dem Kamor, dann senkte sie sich nieder zu den Tannen, die talab in unzähligen Reihen standen: "Er ist's!" rief die Wolke, "greifet den Frevler!" und die Tannen wurden lauter Mönche, tausend und aber tausend, und wurden lebendig und zogen wimmelnd aus und begannen die Abhänge des Wildkirchlein zu ersteigen, psalmend und rutenschwingend – da sprang Ekkehard schauernd auf und griff seinen Speer – jetzt war's, als wenn Irrlichter aus der Höhlentiefe vorhüpften: "hinaus aus den Alpen!" rief's hinter ihm – alle Adern fieberten, da rannte er fort über den schmalen Steg an den dräuenden Felsüberhängen hinaus in die Nacht wie ein Verzweifelter. Noch stand die zweite Wolke beim Mond: "Ich kann dir nicht helfen", sprach sie mit Praxedis' stimme, "ich weiss den Weg nicht ..."
Er rannte bergab, das Leben war ihm eine Qual, und doch tastete er am abspringenden Boden und stemmte den Speer ein, um nicht hinabzustürzen und den herankletternden Spukgestalten in die hände zu fallen.
Der nächtliche Rutsch den Hohentwiel hinab war ein Kinderspiel gegen dieses Klimmen; über schwindelnden Abgrund, der Gefahr unwissend, kam er zur Tiefe. Die Ziegen stürzen dort in zerschmetterndem Fall zu Tale, wenn sie die Augen von Gras und Berghang weg zur halsbrechenden Schlucht wenden.
Jetzt stand er unten; da lag geheimnisvoll lockend der grüne Seealpsee, vom Mondlicht umzittert. Von den verfaulten Stämmen am Ufer ging ein gespenstig Scheinen. Es ward trüb vor Ekkehards blick. "Nimm du mich auf!" rief er, "mein Herz will Ruhe!"
Er rannte hinein in die stille glatte Flut, – aber der Boden wich nicht unter ihm, wohltätig kühlend drang ihm des Bergsees Frische durch Mark und Bein.
Schon stunde er bis an die Brust im wasser, da hemmte er seinen Schritt. Wirr schaute er auf, die weissen Wolken waren verschwunden, vom Mond in Duft zerlöst, traurig prächtig funkelte Stern an Stern ihm zu Häupten.
In kühn phantastischer Linie schwang die Möglisalp ihren bis zur höchsten Höhe grasumwachsenen Gipfel mondaufwärts; ihr zur Linken ruhig und ernst das durchfurchte Haupt des alten Mann, zur Rechten aus gedoppeltem Eisfeld sich emportürmend die graue Pyramide des Säntis, Zacken und Felshörner ringsum wie furchtbare Schrecken der Nacht. Da knieete Ekkehard auf den Steinboden des Sees, dass ihm die Flut über dem Haupt zusammenschlug, dann tauchte er wieder auf und stunde unbeweglich, die