Senn, "ich sehe' Euch's an den Augen an."
"Ich bin ein landfremder Mann", erwiderte Ekkehard traurig, "mich hat der Abt nicht gesendet."
"Das gilt gleich", rief der Alte. "Wenn's uns recht ist und dem Säntis dort droben, so hat niemand was drein zu reden. Des Abts Twing und Bann reicht nicht in unsere Höhen, wir zahlen ihm den Herdenzins, wenn seine Vögte am Milchprüfungstag259 zur Schau unserer Senntümer heraufkommen, weil's alter Brauch ist, aber sonst: 'Sein' Grund und Boden pflanz' ich nicht, nach seiner Pfeife tanz' ich nicht260', heisst's hierzulande."
"Schaut her!" – er wies Ekkehard eine graue Bergspitze, die aus langgestreckten Eisfeldern einsam aufragte – "das ist der hohe Säntis, der ist Herr in den Bergen, vor dem schwenken wir den Hut, sonst vor niemand. Dort zur Rechten ist der blaue Schnee; da war früher Alm und Weide und sass ein übermütiger Mann drauf, der war ein Riese und ihm wuchsen die Herden und der Stolz, dass er sprach: 'ich will König sein über alles, was mein Auge umfasst!' Aber in des Säntis Tiefen hub sich ein Donnern und Beben und der Felsgrund regte sich und Eisströme rannen hervor und deckten den Riesen samt Hütte und Stall und Vieh und Alm, und vom blauen Schnee weht's jetzt noch frierend herunter, – ein Denkzeichen, dass neben dem Alten der Berge keiner zur herrschaft berufen!"
Der Hirt schuf Ekkehard Vertrauen. Trotzige Kraft und gutes Herz strömte in seinen Worten. Sein Kind hatte einen Strauss Alpenrosen gepflückt und reichte sie Ekkehard dar.
"Wie heisst du?" fragte er.
"Benedicta", sprach sie.
"Das ist ein guter Name", sagte Ekkehard und steckte die Alpenrosen in den Gürtel seiner Kutte; "ich bleibe bei euch!"
Da schüttelte ihm der alte Senne die Rechte, dass sie in ihren Grundfesten erbebte, dann griff er das Alphorn, das er an rohhäutigem Riemen auf der Schulter trug, und blies ein seltsam klingendes Zeichen. Aus Höhen und Tiefen klang's antwortend herüber, die benachbarten Sennen kamen herbei, starke wilde Hirten, und standen zu dem Alten, den sie in der Frühlingszeit seiner Tüchtigkeit halber zum Alpmeister und Aufseher über die Bergweiden der Ebenalp erwählt.
"Wir haben einen Bergbrüder überkommen", sprach er, "es wird keiner von euch dawider schelten und tosen261?"
Und sie erhoben alle die hände als Zeichen der Zustimmung und gingen auf Ekkehard zu und hiessen ihn willkommen, und er ward gerührt und machte das Zeichen des Kreuzes über sie.
So ward Ekkehard Einsiedel auf dem Wildkirchlein und wusste eigentlich selber nicht wie. Der Senn von der Ebenalp hielt Wort und half ihm, sich einzurichten, und stellte ihm drei Ziegen ein und wies ihm den Pfad zwischen Kluft und Spalt zum Seealpsee hinunter, wo die grossen Forellen schwimmen, und schindelte ihm die Lücken zu, die tropfend Gewässer und Unbill des Wetters in das Dach von Gottschalks Blockhaus geschlagen. Mählich gewöhnte sich Ekkehard an die Enge des Raumes vor seiner Behausung, und wie der nächste Sonntag kam, trug er das hölzerne Kreuz ins Innere der vorderen Höhle, wand einen Kranz Blumen drum, zog die Glocke, die aus Gottschalks zeiten am Eingang hing – (sie trug das Zeichen Tanchos, des tückischen Glockengiessers von Sankt Gallen), und als seine Sennen mit Buben und Mägdlein beisammen waren, hielt er der kleinen Gemeinde eine Predigt über das Evangelium von der Verklärung und sprach darüber, dass ein jeder Mensch, der mit rechtem Sinn zu Bergeshöhen steige, ein verklärter werde. "Und wenn auch Moses und Elias nicht zu uns herabtreten", rief er, "so haben wir den Säntis und den Kamor bei uns stehen, das sind auch Männer eines alten Bundes und es ist gut bei ihnen sein!"
Seine Worte waren gross und keck, und er wunderte sich, dass sie ihm so entströmten, denn es war schier ketzerisch und er hatte in keinem Kirchenvater solch Gleichnis gelesen. Aber den Sennen war's recht und den Bergen auch und niemand tat Einsprache.
Des Mittags kam Benedicta, das Hirtenkind; ein silbern Kettlein schmückte das Sonntagsmieder, das wie ein Panzer die Brust umschloss. Sie brachte einen saubern eschenholzenen Milchkübel, drauf war in kunstlosen Linien eine Kuh geschnitzt. "Den schickt Euch der Vater", sagte sie, "darum, dass Ihr so auferbaulich geprediget und von den Bergen Gutes gesprochen – und wenn Euch einer was Leides tun will, sollt Ihr wissen, wo die Ebenalp steht."
Sie warf etliche Handvoll Haselnüsse aus ihrer Schurztasche in das Milchgefäss: "die hab' ich für Euch gepflückt", sagte sie, "und ich weiss noch mehr, wenn sie Euch schmecken". Bevor sich Ekkehard bedanken konnte, war sie in der Höhlentiefe verschwunden.
"Schwarzbraun sind die Haselnüss',
Und schwarzbraun bin auch ich,
Und wenn mich einer lieben will,
So muss er sein wie ich",
tönte verklingend ihr schalkhafter Gesang durch die Klause.
Ekkehard lächelte wehmütig.
Aber ganz war der Sturm in seinem Herzen noch nicht geschwichtigt; es hallte und tönte in ihm nach wie der Donner des Alpengewitters, der an ferner Bergwand zu neuem Dröhnen sich zusammenrafft.
Eine riesige Felsplatte war bei der Höhle niedergestürzt, schmelzendes