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er sprach mit den Worten des Predigers: "Im Ofen werden die Geschirre des Töpfers bewährt und gerechte Menschen in Anfechtung der Trübsal248: Wir wollen unbeirrt erwarten, was da kommt."

Er hörte ein Geräusch im Gemach vor seinem Kerker. Ein Steinkrug ward aufgesetzt. "Ihr sollt tapfer trinken!" sprach eine stimme zum wachhaltenden Klosterbruder, "in Sankt Johannis Nacht gehen allerhand Überirdische durch die Luft und streichen an unserer Burg vorbei, macht, dass Ihr Mut behaltet; es steht noch ein zweiter Krug bereit." Es war Praxedis, die den Wein brachte.

Ekkehard verstand nicht, was sie wollte. "Auch sie ist falsch", dachte er. "Gott behüte mich!"

Er schloss seine Augen zum Schlummer. Nach einer guten Weile ward er aufgeweckt. Dem Klosterbruder draussen musste der Wein geschmeckt haben, er sang ein Lied zum Preis der vier Goldschmiede249, die in Rom einst die Fertigung heidnischer Götzenbilder geweigert und das Martyrium erlitten, und schlug mit dem sandalenbeschwerten Fuss den Takt auf die Steinplatten. Ekkehard hörte, dass dem Mann ein zweiter Krug gebracht ward. Sein Gesang ward laut und stürmisch. Dann hielt er ein Selbstgespräch, worin viel von Welschland und guten Bissen und der heiligen Agnese vor den Mauern die Rede war. Dann verstummte er. Sein Schnarchen tönte vernehmlich durch die Steinwände zum Gefangenen herüber.

Die Burg lag still. Es ging auf Mitternacht. Ekkehard ruhte in leisem Halbschlummer, da ward's ihm, als würde der Riegel sachte zurückgeschoben: er blieb auf seinem Lager. Eine Gestalt trat ein, eine weiche Hand fuhr über des Schlummernden Stirn. Er sprang auf.

"Still!" flüsterte die Eingetretene.

Wie alles zu schlafen ging, hatte Praxedis gewacht. Der schlechte Kellermeister soll die Freude nicht haben, unsern schwermütigen Lehrer zu züchtigen, das war ihr Denken. Frauenlist findet Mittel und Wege zu dem, was sie ausgesonnen. Den grauen Mantel umgeschlagen, schlich sie herunter, es brauchte keiner besonderen Täuschungen. Der Klosterbruder schlief als wie ein Gerechter. Hätte er nicht geschlafen, so hätte ihn die Griechin durch einen Spuk scheu gemacht, so war ihr Plan.

"Ihr müsst fliehen!" sprach sie zu Ekkehard. "Sie drohen Euch das Schlimmste."

"Ich weiss es!" sagte der Überraschte wehmütig.

"Auf denn!"

Er schüttelte das Haupt: "Ich will dulden", sprach er.

"Seid kein Narr!" flüsterte Praxedis. "Erst habt Ihr Euer Haus auf den schimmernden Regenbogen gezimmert, und nun es zusammengefallen, wollt Ihr Euch auch noch misshandeln lassen? Als wenn die ein Recht hätten, Euch zu geisseln und fortzuschleppen! und wollt ihnen die Freude machen, Eure Erniedrigung zu sehen ... 's wär' freilich ein schönes Schauspiel, man würde es Euch gönnen! Einen braven Mann sieht man nicht alle Tage hinrichten, hat einmal in Konstantinopel einer zu mir gesagt, wie ich fragte, warum er so springe."

"Wohin soll ich mich wenden?" fragte Ekkehard.

"Nach der Reichenau nicht und nach Eurem Kloster auch nicht", sagte Praxedis. "Es gibt noch manchen Unterschlupf auf der Welt." Sie war ungeduldig worden, ergriff Ekkehards Hand und zog ihn mit sich. "Vorwärts!" raunte sie ihm zu. Er liess sich von ihr führen. Sie schlichen am schlafenden Wächter vorüber. Jetzt standen sie im Burghof. Der Brunnen plätscherte hell. Ekkehard beugte sich übers Rohr und trank einen langen Schluck des kühlen Wassers250. "Alles vorbei!" sprach er. "Jetzt bergab!"

Es war eine stürmische Nacht. "Den Torweg könnt Ihr nicht hinunter, die brücke ist aufgezogen", sprach Praxedis, "aber zwischen den Felsen an der Morgenseite ist's möglich, unser Hirtenknab' hat den Weg auch schon versucht."

Sie gingen in das Gärtlein. Ein Windstoss fuhr rauschend durch die Wipfel des Ahorn. Ekkehard wusste kaum, wie ihm geschah; er schwang sich auf die Brustwehr, steil und zackig senkten sich die Klingsteinfelsen in die Tiefe, dunkler Abgrund gähnte zu ihm herauf, am düstern Himmel jagten sich die Wolken, es waren unheimliche plumpe massen, fratzenhaft, als wenn zwei Bären einen geflügelten Drachen verfolgten ... dann verschwammen die Gebilde ineinander, der Wind peitschte sie zu dem matt in der Ferne schimmernden Bodensee. In dunklem Umriss lag die Landschaft.

"Gesegnet sei Euer Weg!" sprach Praxedis.

Ekkehard sass starr auf der niedern Mauerzinne, er zog seine Hand nicht von der der Griechin, wehmütiger Dank durchwogte sein ausgestürmt Herz. Da schmiegte sich ihre Wange an die seine, auf seinen Lippen zitterte ein Kuss, eine Träne perlte drauf nieder. Sanft wand sich Praxedis von ihm.

"Vergesset nicht", sprach sie, "dass Ihr noch eine geschichte schuldig seid. Mög' Euch Gott bald wieder zu diesem Gartenplatz geleiten, dass wir sie aus Eurem mund vernehmen."

Jetzt liess sich Ekkehard nieder; noch einmal winkte er mit der Hand, dann schwand er aus ihren Augen. Die Stille der Nacht unterbrach ein Dröhnen und Klingen am Gefelse, die Griechin schaute hinab: eine Felsplatte hatte sich losgelöst und stürzte schmetternd zu Tal, eine zweite folgte langsameren Falles, oben auf der zweiten sass Ekkehard und lenkte sie wie ein Reiter sein Ross, so ging's den schiefen Verghang hinunter ins Dunkel der Nacht ... Fahr wohl