keine Gnade vor ihren Augen, und sie tat eine Wallfahrt gegen Rom. Und dort muss ihr unstet Gemüt durchschüttert worden sein, keiner der Zeitgenossen hat erfahren wie; – drei Tage lang rannte ihr Bruder Hitto das Forum auf und nieder und durch die Hallen des Kolosseum und unter Konstantins Triumphbogen durch bis zum vierstirnigen Janus an der Tiber unten und suchte seine Schwester und fand sie nicht; am Morgen des vierten tages kam sie zum Salarischen Tor herein und trug ihr Haupt hoch und ihre Augen leuchtend und sprach, es sei alles nichts auf der Welt, solang' nicht dem heiligen Martinus die Ehre erwiesen werde, die seinem Verdienst gebühre.
Wie sie aber zurückkehrte in die Heimat, verschrieb sie ihr Hab und Gut der Bischofskirche zu Konstanz mit dem Bedingnis, dass die geistlichen Herren jeweils am eilften jedes Herbstmonates dem heiligen Martin ein besonder fest halten sollten; sie selber trat in ein eng Häuslein, wo die Klausnerin Zilia sich sesshaft gemacht, und führte ein klösterlich Leben. Und wie es ihr dort nimmer zuträglich war, verzog sie sich ins Tal des heiligen Gallus; der Bischof selbst gab ihr das Geleit und tat ihr den schwarzen Schleier um und führte sie an der Hand in die Zelle am Irenhügel und sprach den Segen, darüber; mit der Mauerkelle tat er den ersten Schlag auf die Steine, mit denen der Eingang vermauert ward, und drückte viermal sein Sigill auf das Blei, damit sie die Fugen löteten, und schied sie von der Welt, und die Mönche sangen dazu, als würde' einer begraben, dumpf und traurig.
Die Leute ringsum aber hielten die Klausnerin hoch in Ehren; sie sei eine hartgeschmiedete Meisterin41, sagten sie, und an manchem Sonntag stunde Haupt an Haupt auf dem Wiesenplan, und Wiborad stunde an ihrem Fensterlein und predigte ihnen, und andere Frauen siedelten sich in die Nähe und suchten bei ihr Anleitung zur Tugend.
"Wir sind an Ort und Stelle", sprach Romeias. Da blickte Praxedis mit ihren Begleiterinnen um. Kein menschlich Wesen war zu erschauen; verspätete Schmetterlinge und Käfer summten im Sonnenschein, und die Grille zirpte flügelwetzend im Gras. An Wiborads Zelle war der Fensterladen angelehnt, so dass nur ein schmaler Streif Sonnenlicht hineinfallen konnte. Dumpfes, langsam und halb durch die Nase gesungenes Psalmodieren tönte durch die Einsamkeit.
Romeias klopfte mit seinem Jagdspiess an den Fensterladen, der blieb, wie er war, angelehnt; das Psalmodieren tönte fort. Da sprach der Wächter: "Wir müssen sie anderweitig herausklopfen!"
Romeias war ein Mann von ungeschliffener Lebensart, sonst hätte er nicht getan, was er jetzt tat.
Er begann ein Lied zu singen, womit er oftmals die Klosterschüler ergötzte, wenn sie in seine Turmstube entwischten, ihn am Bart zu zupfen und mit dem grossen Wächterhorn zu spielen. Es war eine jener Kantilenen, wie deren, seit dass es eine deutsche Zunge gibt, auf freier Heerstrasse, an Wegscheiden und Waldecken und draus auf weiter Heide schon manches gute Tausend in Wind gesungen und wieder verweht worden, und lautete also:
"Ich weiss einen Stamm im Eichenschlag,
Der steht im grünesten Laube,
Dort lockt und lacht den ganzen Tag
Eine schöne wilde Taube.
Ich weiss einen Fels, draus schillt und schallt
Nur Krächzen und Geheule,
Dort haust fahlgrau und missgestalt
Eine heis're Schleiereule.
Des Jägers Horn bringt süssen Klang,
Des Jägers Pfeil Verderben:
Die Taube grüss' ich mit Gesang,
Die Eul' muss mir ersterben!"
Romeias' Lied hatte ungefähr die wirkung, als wenn er einen Feldstein in Wiborads Laden geworfen. Alsbald erschien eine Gestalt an der viereckigen Fensteröffnung, auf hagerem Halse hob sich ein blasses, vergilbtes Frauenantlitz, in dem der Mund eine feindselige Richtung aufwärts gegen die Nase genommen; von dunklem Schleier vermummt, beugte sie sich weit "Schon wieder, Satanas?" rief sie.
Da trat Romeias vor und sprach mit gemütlichem Ausdruck: "Der böse Feind weiss keine so schönen Lieder wie Romeias, der Klosterwächter. Beruhigt Euch, Schwester Wiborad, ich bring' ein paar seine Jungfräulein, die Herren im Kloster lassen sie Euch zu annehmlicher Unterhaltung empfohlen sein."
"Hebet euch weg, ihr Truggestalten!" rief die Klausnerin. "Wir kennen die Schlingen, die der Versucher legt. Weichet, weichet!"
Praxedis aber näherte sich der Zelle und neigte sich sittig vor der dürren Bewohnerin: sie komme nicht aus der Hölle, sondern vom Hohen Twiel herüber, setzte sie ihr auseinand. Ein wenig falsch konnte das Griechenkind auch sein, denn wiewohl ihre Kenntnis von der Klause im Schwarzatal sich erst von heute herschrieb, fügte sie doch bei, sie hätte von dem auferbaulichen Wandel der Schwester Wiborad schon so viel vernommen, dass sie die erste gelegenheit genutzt, bei ihr anzusprechen.
Da schien es, als wollten sich einige Runzeln auf Wiborads Stirn glätten. "Reich mir deine Hand, Fremde!" sprach sie und reckte ihren Arm zum Fensterlein hinaus. Die Kutte streifte sich ein weniges zurück, da war er in seiner ganzen fleischlosen Magerkeit dem Sonnenschein ausgesetzt.
Praxedis reichte ihr die Rechte. Wie der junge, lebenswarme Pulsschlag der weissen Hand an der Klausnerin dürre Finger anschlug, ward sie langsam von der Griechin Menschlichkeit überzeugt.
Romeias merkte die Wendung zum Besseren, er wälzte etliche Felsstücke unter das Fenster der Zelle. "In zwei Stunden hol' ich euch wieder ab; behüt' Gott, ihr Jungfräulein!" sprach er. "Und