1855_von_Scheffel_157_128.txt

. Die Herzogin hatte sich in ihr Closet verschlossen und liess niemand vor sich, Ekkehard war von den Leuten des Abts in ein Verlies geschleppt worden, in demselben Turm, in dessen luftigem Stockwerk sein Stübchen eingerichtet stunde, war ein feuchter finsterer Gewahrsam, Trümmer alter Grabsteine, bei früherem Umbau der Burgkapelle dortin verbracht, lagen unheimlich umher. Man hatte ihm einen Bund Stroh hineingeworfen. Ein Mönch sass vor dem Eingang und hielt Wache.

Burkard, der Klosterschüler, lief auf und nieder und rang klagend die hände, er konnte seines Ohms Geschick nicht fassen. Die Leute der Burg steckten die Köpfe zusammen und wisperten und führten törichte Reden, als ob die hundertzüngige Fama auf dem Giebel des Burgdaches gesessen und ihre Lügen ausgestreut hätte: "Er hat die Herrin ermorden wollen", sprach der eine; "er hat des Teufels Künste getrieben mit seinem grossen Buch", sprach ein anderer, "heute ist Sankt Johannistag, da hat der Teufel keine Macht und konnte ihm nicht aus der Klemme helfen."

Am Brunnen im Burghof stand Rudimann, der Kellermeister, und liess das klare wasser über sein Haupt strömen; Ekkehard hatte ihm eine scharfe Schramme gehauen, zäh und unwillig rieselte sein Blut in den fremden Quell.

Praxedis kam herunter, blass und trüb; sie war die einzige Seele, die ein aufrichtig Mitleid um den Gefangenen trug. Wie sie den Kellermeister ersah, ging sie in den Garten, riss eine blaue Kornblume mit der Wurzel aus und brachte sie ihm: "Nehmet", sprach sie, "und haltet sie mit der Rechten, bis sie drin erwarmt, das stillet Euer Blut. Oder soll ich ein Linnen zum Verband bringen?"

Er schüttelte das Haupt.

"Es wird von selber aufhören, wenn's Zeit ist", sagte er, "es ist nicht mein erster Aderlass. Behaltet Eure Kornblumen für Euch!"

Aber Praxedis gedachte den Feind Ekkehards milde zu stimmen. Sie holte Leinwand. Da liess er sich verbinden. Er sprach keinen Dank.

"Lasst Ihr den Ekkehard heute nimmer frei?" fragte sie.

"heute?" sprach Rudimann höhnisch. "Drängt es Euch, einen Kranz zu winden für den Bannerträger des Antichrist, den Vorspann am Wagen des Satan, den Ihr da oben gehegt und geheckt, als wär' er der herzliebe Sohn Benjamin? heute? fraget einmal nach Monatfrist drüben an."

Er deutete nach den helvetischen Bergen. Praxedis erschrak. "Was wollet Ihr mit ihm anfangen?"

"Was recht ist", sprach Rudimann mit finsterm Blicke. "Buhlerei, Gewalttat, Ungehorsam, Hochmut, Kirchenschändung, Lästerung Gottes: es gibt der Namen nicht genug für seine Frevel, aber Mittel zur Sühnung, Gott sei es gedankt, gibt es!"

Er fuhr mit dem Arm aus wie zu einem Streich.

"... jawohl, Mittel zur Sühnung, wonnesame Jungfrau! Wir werden ihm einen Denkzettel aufs Fell schreiben."

"Habt Mitleid", sprach Praxedis, "er ist ein kranker Mann."

"Gerade deswegen heilen wir ihn. Wenn er erst an die Säule gebunden, den rücken krümmt und ein halb Dutzend Ruten drauf zerschlagen sind, das treibt Grillen und Teufelswerk aus dem Kopf ..."

"Um Gottes willen!" jammerte die Griechin.

"Beruhigt Euch, es kommt noch besser. Ein entlaufen Schaf gehört in seinen Stall geliefert, dort sind gute Hirten, die besorgen das Weitere: Schafschur, Jungfräulein, Schafschur! Dort schneiden sie ihm die Haare ab, das schafft dem haupt Kühlung, und wenn Ihr einmal in Jahresfrist zum heiligen Gallus wallfahren wollt, so wird sonn- und feiertags einer mit blossen Füssen vor der Kirchentür stehen und sein Kopf wird kahl sein wie ein Stoppelfeld und das Bussgewand wird ihn zierlich kleiden. Was meint Ihr? Die Heidenwirtschaft mit dem Virgilius hat ein Ende."

"Er ist unschuldig", sagte Praxedis.

"O", sprach der Kellermeister spöttisch, "der Unschuld krümmen wir kein Haar. Er braucht sie nur durchs Gottesurteil zu beweisen; wenn er mit heilem Arm den goldenen Ring aus dem Kessel mit siedendem wasser herausfängt, gibt ihm unser Abt selber den Segen und ich werde' sagen, es war nur Nebelbild und Teufelsspuk, dass meine Augen in der Kapelle seine Heiligkeit den Bruder Ekkehard sahen, wie er Eure Herrin umfangen hielt."

Praxedis weinte. "Lieber, ehrwürdiger Herr Kellermeister ...", sprach sie bittend. Er senkte einen schiefen blick auf sie, der blieb an der Griechin Busen haften.

"So ist es!" sagte er mit gekniffenen Lippen. "Ich wollte übrigens eine Fürbitte beim Abt einlegen, wenn ..."

"Wenn?" fragte Praxedis gespannt.

"Wenn Ihr heute abend geruhen wolltet, Eure kammer nicht zu verschliessen, dass ich Euch Bericht bringen kann vom Erfolg."

Er zog wie spielend die grossen Falten seiner Kutte zusammen, dass die geschnürten Hüften hervortraten247, und nahm eine selbstgefällige erwartende Haltung an. Praxedis trat zurück. Ihr Fuss stampfte die blaue Kornblume, die am Boden lag.

"Ihr seid ein schlechter Mensch, Herr Kellermeister!", sprach sie und drehte ihm den rücken. Rudimann verstand sich auf Gesichter. Aus dem Zucken von Praxedis' Augenlid und den drei bitterbösen Stirnfalten ward ihm klar, dass ihre kammer für alle Kellermeister der Christenheit jetzt und immerdar verschlossen bleibe.

Sie ging.