1855_von_Scheffel_157_127.txt

er bei einer blassen Frau und liest Virgil, und es klingt mitternächtig durchs Hegau: "Den unsäglichen Schmerz zu erneuen, gebeutst du, o Königin, mir!" und sie muss ihn küssen, ob sie will oder nichtder Tod holt nach, was das Leben versäumt!'"

Er hatte gesprochen mit irrem blick. Jetzt brach er zusammen in leisem Weinen. Frau Hadwig war unbewegt gestanden, es war, als ob ein Flimmer von Mitleid ihr kaltes auge' durchleuchte, sie beugte sich nieder.

"Ekkehard!" sprach sie, "Ihr sollt nicht vom Tod sprechen. Das ist Wahnsinn. Wir leben, Ihr und ich ..."

Er bewegte sich nicht. Da legte sich ihre Hand leicht über das fieberheisse Haupt. Es strömte und flutete durch sein Gehirn. Er sprang auf.

"Ihr habt recht!" rief er, "wir leben. Ihr und ich!" Tanzende Nacht legte sich um seinen blick; er tat einen Schritt vor, seine arme schlangen sich um das stolze Frauenbild, wütend presste er sie an sich, sein Kuss flammte auf ihre Lippen, ungehört verklang der Widerspruch.

Er hob sie hoch gegen den Altar, als wäre sie ein Weihgeschenk, das er darbringen wollte: "Was hältst du die goldglänzenden Finger so ruhig und segnest uns nicht?" rief er zum düster ernsten Mosaikbild hinauf ...

Die Herzogin war zusammengeschrocken wie ein wundes Reh; – ein Augenblick, da ballte und bäumte sich alles in ihr von gekränktem Stolz; sie stiess den Rasenden mit starker Hand vor die Stirn und entstrikkte sich seinem Arm.

Noch hielt er ihre Hüfte umschlungen, da tat sich die Pforte der Kirche auf; ein greller Strahl Tageslicht drang ins Düstersie waren nicht mehr allein.

Rudimann, der Kellermeister von Reichenau, trat über die Schwelle, Gestalten erschienen im grund des Burghofs.

Die Herzogin war entfärbt in Scham und Zorn, eine Flechte ihres dunkeln Hauptaars wallte aufgelöst über den Nacken.

"Entschuldigt", sprach der Mann von Reichenau mit grinsend höflichem Ausdruck, "meine Augen haben nichts geschaut!"

Da rang Frau Hadwig sich von Ekkehard los. "Dochund dochund doch! Einen Wahnsinnigen habt Ihr geschaut, der sich und Gott vergessen ... Es wär' mir leid um Eure Augen, ich müsste sie ausstechen lassen, wenn sie nichts erschaut ..."

Es war eine unsäglich kalte Hoheit, mit der sie's dem Betroffenen entgegenrief.

Da erklärte sich Rudimann den seltsamen Vorgang.

"Ich habe vergessen", sprach er mit Hohn, "dass dort einer von denen steht, auf die weise Männer das Wort des heiligen Hieronymus gezogen: 'Ihr Gebaren ziemt sich mehr für einen Stutzer und Bräutigam denn für einen Geweihten des Herrn.'"

Ekkehard stand an eine Säule gelehnt, die arme in die Luft erhoben wie Odysseus, da er den Schatten seiner Mutter umfahen wollte; Rudimanns Wort riss ihn aus dem Fiebertraum. "Wer tritt zwischen mich und sie?" rief er drohend. Aber Rudimann klopfte ihm mit unverschämter Vertraulichkeit auf die Schulter: "Beruhigt Euch, guter Freund, wir haben nur ein Brieflein an Euch abzugeben, der heilige Gallus kann seinen weisesten Schüler nicht länger draussen lassen in der wankenden, schwankenden Welt, Ihr seid heimgerufen! – Vergesst den Stock nicht, mit dem Ihr die Mitbrüder misshandelt, die im Herbst gern einen Kuss pflücken, keuscher Sittenrichter!" flüsterte er ihm ins Ohr.

Ekkehard trat zurück. sehnsucht, Wut der Trennung, glühend Verlangen und daraufgegossener Hohn stürmten in ihm; er rannte auf Frau Hadwig, aber schon füllte sich die Kapelle. Der Abt von Reichenau war selber gekommen, die Freude von Ekkehards Heimrufung zu erleben. "Es wird schwer halten, dass wir ihn losbekommen", hatte er zum Kellermeister gesagt. Es ward leicht. Mönche und Gefolgsleute traten mit ein.

"Sacrilegium!" rief ihnen Rudimann entgegen, "er hat vor dem Altar die buhlerische Hand zu seiner Gebieterin erhoben!"

Da schäumte Ekkehard auf. Der Herzens heiligst Geheimnis von frecher Roheit entweiht, eine Perle vor die Schweine geworfen ... er riss die ewige Lampe herunter, wie eine Schleuder schwang er das eherne Gefäss; das Licht darin erloschein dumpfer Schrei hallte auf, der Kellermeister lag blutigen Hauptes auf den Steinplatten, die Lampe klirrte neben ihm ... Ringen, Zerren, wilde Verwirrung ... es ging mit Ekkehard zu Ende.

Sie hatten ihn überwältigt; den Gürtel der Kutte rissen sie ihm ab und banden ihn. Da stand er, die jugendschöne Gestalt, jetzt ein Bild des Jammers, dem flügellahmen Adler gleich. Einen matten, traurigen, fragenden blick liess er zur Herzogin hinübergleiten ... die wandte sich ab.

"Tut, was Eures Amtes ist!" sprach sie zum Abt und schritt durch die Reihen.

Eine Rauchwolke zog ihr entgegen. Lärm und jubel schallte vor dem Burgtor, ein Feuer brannte draussen, von harzigen Tannenscheitern geschichtet. Das Ingesinde der Burg tanzte darum und warf Blumen drein, eben hatte Audifax die Genossin seines Schicksals jubelnd in Arm gefasst und war mit ihr durch die hochaufschlagende Flamme gesprungen.

"Was soll der Rauch?" sprach Frau Hadwig zur herbeigeeilten Praxedis.

"S o n n e n w e n d e 246!" antwortete die Griechin.

Es war ein trüber, verstimmter Abend