aus ihrer Andacht. Halblaut, aber schneidig schlug ein lachen an ihr Ohr, sie kannte die stimme. Ekkehard hatte sich erhoben, er sprach jetzt die Worte des Psalms: "Beschirme mich, o Herr, unter dem Schatten deiner Flügel, beschirme mich vor dem Antlitz der Gottlosen, die mich plagen. Meine Feinde haben meine Seele umgeben; ihr Herz ist mir verschlossen, ihr Mund hat Hochmut geredet." Er sprach's mit bösem Tone. Das war kein Beten mehr.
Frau Hadwig neigte sich zum Sarkophag. Sie hätte gern einen zweiten drauf getürmt, dass er sie verberge vor Ekkehards blick. Sie wünschte kein Alleinsein mehr. Ihr Herz schlug ruhig.
Er ging zur Pforte.
Da plötzlich wandte er sich; die ewige Lampe schwebte leise über Frau Hadwigs Haupt hin und her, das schwebende Dämmerlicht hatte sein auge' getroffen ... mit einem Sprung, mächtiger als der, den der heilige Bernhard in späteren Tagen durch den Dom zu Speier tat, da ihm das Marienbild gewinkt, stand er vor der Herzogin. Er schaute sie lang' und durchbohrend an. Sie erhob sich vom Boden, mit der Rechten den Rand des Steinsarges fassend, stand sie ihm gegenüber, an seidener Schnur wiegte sich die ewige Lampe über ihrem Haupt.
"Glückselig sind die Toten, man betet für sie!" brach Ekkehard das Schweigen.
Frau Hadwig erwiderte nichts243.
"Betet Ihr auch für mich, wenn ich tot bin?" fuhr er fort. "O, Ihr sollt nicht für mich beten! ... einen Pokal lasst Euch aus meinem Schädel machen, und wenn Ihr wieder einen Pörtner holt aus dem Kloster des heiligen Gallus, so müsst Ihr ihm den Willkommtrunk draus reichen – ich lass' ihn grüssen! Dürft auch selber Eure Lippen dran setzen, er springt nicht. Aber das Stirnband müsst Ihr dabei ums Haupt tragen und die Rose drin ..."
"Ekkehard!" sprach die Herzogin, – "Ihr frevelt!"
Er fuhr mit der Rechten an die Stirn: "O!" sprach er wehmütig – "o ja! ... der Rhein frevelt auch: sie haben ihm mit riesigen Felsen den Lauf verbaut, aber er hat sie durchnagt und braust drüber weg in Schaum und Sturz und Vernichtung, Glück auf, du freier Jugendmut! ... Und Gott frevelt auch, denn er hat den Rhein werden lassen und den hohen Twiel und die Herzogin von Schwaben und die Tonsur auf meinem Haupt."
Der Herzogin begann es zu grausen. Solchen Ausbruch zurückgepressten Gefühles hatte sie nicht erwartet. Aber es war zu spät. Sie blieb gleichgültig.
"Ihr seid krank!" sprach sie.
"Krank?" sprach er – "es ist nur eine Vergeltung. Vor Jahr und Tag am Pfingstfest, da es noch keinen hohen Twiel für mich gab, hab' ich beim festlichen Umgang aus unserer Klosterkirche den Sarg des heiligen Gallus getragen, da hat sich ein Weib vor mir niedergeworfen: 'Steh auf!' hab' ich ihr zugerufen, aber sie blieb liegen im Staub; 'schreit' über mich, Priester, mit deinem Heiltum, dass ich gesunde!' sprach sie, und mein Fuss ging über sie hinweg244. Sie hat am Herzweh gelitten, die Frau. Jetzt ist's umgekehrt ..."
Tränen unterbrachen seine stimme. Er konnte nicht weiter sprechen. Er warf sich zu Frau Hadwigs Füssen und umschlang den Saum ihres Gewandes. Der ganze Mensch zitterte.
Frau Hadwig wurde mild, mild gegen ihren Willen, als zucke es vom Saum des Gewandes zu ihr herauf von unsäglichem Herzeleid.
"Steht auf", sprach sie, "und denkt an anderes. Ihr seid uns noch eine geschichte schuldig. Verwindet's!"
Da lachte Ekkehard in seinen Tränen.
"Eine geschichte", rief er – "o, eine geschichte! Aber nicht erzählen ... kommt, lasst sie uns tun, die geschichte! Droben von des Turmes Zinnen schaut sich's so weit in die land und so tief hinunter, so süss und tief und lockend, was hat die Herzogsburg uns zu halten? Keiner braucht mehr zu zählen als drei, der hinunter will ... und wir schweben und gleiten in den Tod, dann bin ich kein Mönch mehr und darf den Arm schlingen um Euch –"
Er schlug mit der Faust auf Herrn Burkhards Grab: – "Und der da unten schläft, soll mir's nicht wehren! Wenn er kommt, der Alte: ich lass' Euch nicht, und wir schweben wieder zum Turm empor und sitzen, wo wir sassen, und lesen den Virgil zu Ende, und Ihr müsst die Rose im Stirnband tragen, als wär' nichts geschehen ... Dem Herzog schliessen wir's Tor zu und über alle böse Zungen lachen wir, und die Menschen sprechen dann, wenn sie am Winterofen sitzen: 'Das ist eine schöne geschichte vom treuen Ekkehard, der hat den Kaiser Ermanrich erschlagen, da er die Harlungen aufhing, und dann ist er mit seinem weissen Stab vor Frau Venus Berg gesessen, viel hundert Jahr und hat gemeint, er wolle bis zum Jüngsten Tag die Leute warnen, die zum Berg wallen245; aber hernachmals ist's ihm langweilig worden, und er ging durch und ward ein Mönch in Sankt Gallen und fiel sich zu tod, und jetzt sitzt