1855_von_Scheffel_157_125.txt

Verstossung und Flucht.

Ekkehard war noch lang' in der Gartenlaube gesessen, dann war er hinausgerannt in die Nacht. Er wusste nicht, wohin der gang gehen sollte. Des Morgens fand er sich auf dem Fels Hohenkrähen, der ragte in stiller Einsamkeit seit der Waldfrau Abzug. Die Trümmer des ausgebrannten Hauses lagen verwirrt übereinander; wo einst die Wohnstube, stand noch der Römerstein mit dem Mitras, Farrenkraut und Riedgras war darübergerankt, eine Blindschleiche lief züngelnd an dem wettergedunkelten Götterbild hinauf.

Ekkehard fuhr in hellem Hohn zusammen: "Die Kapelle der heiligen Hadwig!" rief er und schlug sich mit der Faust an die Brust, "so muss sie sein!" Er stiess den Römerstein um und stieg auf die Felskuppe; dort warf er sich nieder und presste die Stirn ins kühle Erdreich, das einst Frau Hadwigs Fuss berührt. Lange blieb er dort; als die Sonne in der Mittagshöhe herunterbrannte, lag er noch oben undschlief.

Vor Abend kam er auf den Hohentwiel zurück, heiss, verstört, unsicheren Ganges. Grashalme hafteten wirr in dem härenen Geweb' seiner Kutte. Die Leute der Burg wichen scheu vor ihm zurück, wie vor einem, dem des Unglücks Finger ein Zeichen auf die Stirn geschrieben. Sonst pflegten sie ihm entgegenzugehen und baten um seinen Segen.

Die Herzogin hatte sein Fortsein wahrgenommen, aber nicht nach ihm gefragt. Er ging in seine Turmstube hinauf; er griff ein Pergament, als ob er lesen wolle. Es war Gunzos Schrift wider ihn. "Gern würde ich Euch ermahnen, ihm die Hilfe heilender Arzneien angedeihen zu lassen, aber ich fürchte, seine Krankheit ist zu tief eingewurzelt", las er drin. Er lachte. Die gewölbte Decke gab einen Widerhall, da sprang er auf, als wollt' er erspähen, wer gelacht. Dann trat er ans Fenster und schaute in die Tiefe; es ging weit, weit hinab. Ein Schwindel wollte ihn fassen, da wich er zurück.

Des alten Tieto Fläschlein stand bei den Büchern, das machte ihn wehmütig. Er gedachte des Blinden. Frauendienst ist ein schlimm Ding für den, der gerecht bleiben will, hatte der einst zu ihm gesprochen, wie er Abschied nahm.

Er riss das Siegel von dem Fläschlein und goss sich das Jordanwasser übers Haupt und netzte die Augen. Es war zu spät. Auch die Flut heiliger Ströme löscht die Glut des Herzens nicht; nur dem, der sich hinunterstürzt, um nimmer aufzutauchen ... Doch kam ein Anflug von Ruhe über ihn. "Ich will beten!" sprach er, "es ist eine Versuchung." Er warf sich auf die Knie, aber bald war's ihm, als schwirrten die Tauben um sein Haupt, wie damals, als er zuerst die Turmstube betrat, aber sie hatten jetzt grinsende Gesichter und einen höhnischen Zug um die Schnäbel.

Er stand auf und ging langsam die Wendeltreppe hinunter zur Burgkapelle. Der Altar drunten war Zeuge frommer Andacht an manchem guten Tag. In der Kapelle war's wie ehedem, dunkel und still. sechs schwere Säulen mit würfelförmigem laubwerkverziertem Knauf trugen die niedere Wölbung; ein feiner Streif Tageslicht fiel durchs schmale Fenster herein. Die Tiefe der Nische, wo der Altar stunde, war schwach erleuchtet; nur der Goldgrund um das Mosaikbild des Erlösers glänzte in mattem Flimmern. Griechische Künstler hatten die Formen ihrer Kirchenausschmückung einst auf den deutschen Fels getragen: in weissem wallendem Gewand, goldroten Schein ums Haupt, hob sich des Heilands hagere Gestalt, die Finger der Rechten segnend ausgestreckt.

Ekkehard neigte sich vor den Stufen des Altars; seine Stirn ruhte auf den Steinplattenso blieb er, in sich versunken. "Der du die Leiden der Welt auf dich genommen, lass ausgehn einen Strahl der Gnade auf mich Unwürdigen!" Er hob den blick und schaute starr hinauf, als müsse das ernste Gebild' aus der Wand niedersteigen und ihm die Hand reichen. "Ich liege vor dir, wie Petrus vom Seesturm umbraust, die Wellen tragen mich nicht, Herr, rette mich! Rette mich wie jenen, da du über die Sturmflut wandelnd ihm die Hand gereicht und gesprochen: 'Kleingläubiger, warum Zweifelst du?'"

Aber es geschah kein Zeichen.

Ekkehards Denken war zerrüttet.

Es rauschte durch die Kapelle wie Frauengewand. Er hörte nichts.

Frau Hadwig war heruntergestiegen, eine seltsame Anwandlung trieb sie. Seit sie dem Mönch gram geworden, stand das Bild ihres alten seligen Ehgemahls öfter vor ihrer Seele denn ehedem. natürlich. Wenn sich dieser niederlegt, muss sich jener heben. Das neuerliche Lesen im Virgilius hatte auch dazu beigetragen; es war so mannigfach vom Gedächtnis an Sichäus die Rede.

Morgen neute sich der Todestag Herrn Burkhards. In der Kapelle lag der alte Herzog mit Schild und Lanze begraben. Eine rohe Platte deckte sein Grab seitwärts vom Altar. Matt brannte die ewige Lampe drüber. Ein Sarkophag aus grauem Sandstein stand dabei, unförmliche kleine Halbsäulen mit jonisch gewundenem Knauf waren an den Ecken angefügt; sie ruhten auf fratzenhaften Tiergestalten. Den Steinsarg hatte Frau Hadwig einst für sich selber anfertigen lassen. Jeweils an des Herzogs Gedächtnistag liess sie ihn mit Korn und Früchten gefüllt hinauftragen und verteilte seinen Inhalt den Armendie Mittel zum Leben aus der Ruhstatt der Toten: es war ein frommer Brauch so242.

Sie wollte heute an ihres Gatten Grab beten. Des Ortes Halbdunkel deckte den knieenden Ekkehard. Sie sah ihn nicht.

Da schreckte sie auf