1855_von_Scheffel_157_123.txt

so bleib' ich eine Maid immerdar."

"Eia", sprach Dietrich, "willst du den Roter minnen, den schaff' ich dir zur Stelle. Wir haben als Freunde fröhlich gelebt, er war mir gnädig und gut, wenngleich er dann mich Landes vertrieb."

Da sprach die Kaisertochter: "Höre, wie kann dir der Mann lieb sein, wenn er dich vertrieben? Ich merke wohl, du bist ein Bote, hergesandt von König Roter, nun sprich und verhehle mir nichts: was du mir heute auch sagest, ist wohl bei mir vertaget bis an den Jüngsten Tag."

Da tat der Held einen festen blick nach ihr und sagte: "Nun stell' ich alle meine Dinge Gottes Gnade und der deinen anheim. Wohl denn! es stehen deine Füsse in König Roters Schoss!"

Hart erschrak die Vielholde; den Fuss zuckte sie auf und klagte: "O weh mir, nun war ich so ungezogen, mich trog der Übermut, dass ich den Fuss gesetzt auf deinen Schoss. Hat dich Gott hergesendet, das wär' mir innig lieb. Doch wie mag ich dir getrauen? So du die Wahrheit probtest, noch heute wollt' ich mit dir meines Vaters Reich räumen; es lebet kein Mann, den ich nähme, so du König Roter wärest genanntaber vorerst bleibt's wohl ungetan."

"Wie soll ich's besser proben", erwiderte der König, "als durch meine Freunde im Kerker? So die mich erschauen könnten, dir würde bald kund, dass ich wahr geredet."

"So will ich meinen Vater bereden, dass er sie heraus lasse", sprach des Kaisers Tochter. "Aber wer wird Bürge sein, dass sie nicht entrinnen?"

"Ich will sie über mich nehmen", sprach er.

Da küsste des Kaisers Tochter den Helden und er schied mit Ehren aus ihrer Kemenaten und ging auf seine Herberge und war ihm gar wonniglich zumute. Als aber der Morgen graute, nahm die Jungfrau einen Stab und schlüpfte in ein schwarz Trauergewand und legte einen Pilgerkragen über die Achsel, als wolle sie aus dem land abscheiden, und sah bleich und betrübt drein und ging zum Kaiser Konstantinus hinüber, klopfte an seine tür und sprach listig zu ihm: "Mein lieber Herr Vater, nun muss ich bei lebendem Leib ins Verderben. Mir ist gar elend, wer tröstet meine Seele? Im Traume treten die eingekerkerten Boten des König Roter vor mich und sind abgezehrt und elend und lassen mir keine Ruhe; ich muss fort, dass sie mich nimmer quälen, es sei denn, Ihr lasset mich die Armen mit Speisung, Wein und Bad erquikken. Gebet sie heraus, wenn auch nur auf drei Tage."

Da antwortete der Kaiser: "Das will ich dulden, so du mir einen Bürgen stellest, dass sie am dritten Tage wieder niedersteigen zum Kerker."

Dieweil man nun zu Tische ging im Kaisersaal, kam auch der vermeinte Herr Dietrich mit seinen Mannen, und als die Mahlzeit vollendet und man die hände wusch, ging die Jungfrau um die Tische, als wolle sie unter den reichen Herzogen und Herrn den Bürgen suchen, und sprach zu Dietrich: "Nun gedenke, dass du mir aus der Not helfest, und nimm die Boten auf dein Leben."

Er aber sprach: "Ich bürge dir, du allerschönste Maid."

Und er gab dem Kaiser sein Haupt zum Pfand, und der Kaiser schickte seine Mannen mit ihm, dass sie den Kerker öffneten.

Drin lagen die Gesandten elend und in Unkräften; als man die Kerkertüren einbrach, schien der helle Tag ins Verlies, der blendete die Armen, denn sie waren sein nicht mehr gewohnt. Da nahmen sie die zwölf Grafen und liessen sie aus dem Kerker gehen; jedwedem folgte ein Rittersmann und das Gehen fiel ihnen sauer. Voran schritt Lupolt, ihr Führer, der hatte ein zerrissen Schürzlein um die Lenden geschlungen, und sein Bart war lang und struppig, der Leib aber zerschunden. Herr Dietrich stunde traurig und wandte sich zur Seite, dass sie ihn nicht erkenneten, und hielt mit Gewalt die Tränen an, denn noch niemals war ihm das Leid so nah gestanden. Er hiess sie zur Herberge führen und pflegen und die Grafen sprachen: "Wer war der, der seitab stand? der will uns sicher wohl." Und sie lachten in Freud' und Leid zugleich, aber kannten ihn nicht.

Anderen Tages nun lud die Kaiserstochter die Vielgeprüften zu hof und schenkte ihnen gute funkelnde Gewänder und liess sie in die warme Badstube setzen und einen Tisch richten, sie zu atzen. Wie nun die Herren sassen und ihres Leids ein teil vergassen, nahm Dietrich seine Harfe und schlich hinter den Umhang und liess die saiten erklingen: er griff die Singweise, die er einst gegriffen am Meeresstrand. Lupolt hatte den Becher erhoben, da entsank er seiner Hand, dass er den Wein niedergoss auf den Tisch, und einer, der das Brot schnitt, liess sein Messer fallen und alle horchten staunend: voller und heller erklang ihres Königs Singweise. Da sprang Lupolt über den Tisch und alle Grafen und Ritter ihm nach, als wär' ein Hauch alter Kraft plötzlich über sie gekommen, und sie rissen den Umhang nieder und küssten den Harfner und knieten vor ihm und des Jubels war kein Ende.

Da wusste die Jungfrau, dass er treu und wahrhaft der König Roter von Wikingland