die Jungfrau ihm freundlich zulachte und gehen wollt', da sprach er: "Hei! wie kommst du mir geschlichen!" und warf die feste Tür ins Schloss und legte Riegel vor und griff die Königstochter mit starker Hand und trug sie in die kammer, wo Moos und Farrenkraut geschichtet lag. Und wie sie von dannen ging, weinte sie und raufte ihr seidenweich Haar ...'"
Ein Geräusch unterbrach Herrn Spazzo. Praxedis hatte zur Herzogin aufgeschaut, ob sie nicht etwa errötend aufspringen und Herrn Spazzo den Mund schliessen solle; doch aus dem strengen Antlitz war nichts zu lesen. Darum trommelte sie ungeduldig mit den Fingern auf ihrer Laute.
"... und es war eine Gewalttat geschehen", fuhr Herr Spazzo unbeirrt fort. Da hub Weland ein Singen und Jodeln an, wie die Waldschmiede es nimmer gehört, seit ihm die Sehnen zerschnitten worden. Dann liess er Schwerter und Schilde unvollendet und schmiedete Tag und Nacht und schmiedete zwei grosse Flügel und war kaum fertig, so kam Elberich mit Heeresmacht den Brenner herabgeritten. Da band sich Weland die Flügel an und hing sein Schwert Mimung um und trat auf die Zinne, dass die Leute riefen: "Sehet, der Weland ist ein Vogel worden!"
Er aber rief mit starker stimme vom Turm: "Behüt' Euch Gott, König Elberich! Ihr werdet des Schmiedes gedenken. Den Sohn hat er erschlagen, die Tochter trägt ein Kind von ihm. Ade, ich lass' sie grüssen!" rief's und seine ehernen Flügel hoben sich und rauschten wie Sturmwind, und er fuhr durch die Lüfte. Der König griff seinen Bogen und alle Ritter spannten in grimmer Eil', wie ein Heer fliegender Drachen schossen die Pfeile ihm nach, doch Weland hob die Schwingen, kein Eisen traf ihn nicht, und flog heim nach Schonen auf seines Vaters Schloss und ward nicht mehr gesehen. Und Elberich hat seiner Tochter den Gruss nicht ausgerichtet. Sie aber genas noch in demselben Jahrgang eines Knaben, der hiess Wittich und ward ein starker Held, wie sein Vater.
"Das ist der Mär' von Weland Ende238!"
Herr Spazzo lehnte sich zurück und tat einen langen behaglichen Atemzug. Ein zweites Mal werden sie mich in Ruhe lassen, dachte er. Der Eindruck des Erzählten war verschieden. Die Herzogin sprach sich lobend aus, des Schmiedes Rache mutete sie an; Praxedis schalt, es sei eine rechte Grobschmiedsgeschichte, man sollte dem Kämmerer verbieten, sich noch vor Frauen sehen zu lassen. Ekkehard sprach: "Ich weiss nicht, mir ist, als hätt' ich Ähnliches gehört, aber da hiess der König Nidung und die Schmiedwerkstätte stand am Kaukasus."
Da rief der Kämmerer zürnend: "Wenn Euch der Kaukasus vornehmer ist wie Gloggensachsen, so mögt Ihr's dortin verlegen; ich weiss noch recht wohl, wie mir mein Tiroler Freund den Ort genau gewiesen239. Über der Kammertür war eine geknickte Rose von Erz geschmiedet und auf dem Turm ein eiserner Adlerflügel, und stand eingegraben: 'Hie flog der Schmied von dannen.' Dann und wann kommen Leute hinabgewallfahrtet und beten und glauben, der Weland sei ein grosser Heiliger gewesen240."
"Lasset sehen, wer Herrn Spazzo den Preis jetzt streitig machen soll", sprach die Herzogin und mischte die Lose. Sie zogen. Der kleinste Halm blieb in Praxedis' Hand. Die tat weder verlegen, noch bat sie um Nachsicht; sie fuhr mit der weissen Hand über die dunkeln Haarflechten und begann:
"Mir haben zwar die Ammen keine Wiegenlieder von alten Recken gesungen und in Waldschmieden bin ich, Gott sei es gedankt, niemalen eingekehrt, aber selbst in Konstantinopel geht die Rede von solcherlei Abenteuer. Und wie ich am Kaiserhof unterwiesen ward in allen Künsten, die dienenden Maiden wohl anstehen, da war eine alte Schlüsselverwahrerin, die hiess Glycerium, die sprach oft zu uns:
'Höret, Mägdlein, so ihr je einer Prinzessin dienet, und ihr Herz ist in heimlicher Minne entbrannt, und sie kann den nicht sehen, den sie begehrt, so müsset ihr schlau sein und bedachtsam wie die Kammerfrau Herlindis, da der König Roter um des Kaiser Konstantinus Tochter geworben.' Und wenn wir im Frauensaal beisammensassen, da ward gewispert und geflüstert, bis Glycerium, die Alte, erzählte v o m König Roter."
'"Vor alten zeiten sass in der Meerburg am Bosporus der Kaiser Konstantinus, der hatte eine wunderbar schöne Tochter, und die Leute sprachen von ihr, sie sei strahlend wie der Abendstern und leuchte unter allen Maiden wie der Goldfaden in der Seiden. Da kam eines Tages ein Schiff gefahren, daraus stiegen zwölf edle Grafen und zwölf Ritter und ritten in Konstantinus' Hof ein, und einer ritt voran, der hiess Lupolt. Und alles Volk der Hauptstadt staunte über sie, denn Mäntel und Gewande waren schwer von Edelstein und JachantenA1 besetzt, und an den Sätteln der Rosse klang's von goldenen Schellen. Das waren die Boten des Königs Roter von Wikingland, und Lupolt sprang vom Ross und sprach zum Kaiser:
Uns schickt unser König, geheissen Roter, der ist der schönste Mann, der je vom weib kam, ihm dienen die besten Helden und an seinem Hof ist Ball und Schall und Federspiel, so viel das Herz begehrt. Er aber ist unbeweibt und sein Herz steht einsam: Ihr solltet ihm Eure Tochter geben!" Konstantinus aber war ein zornmütiger Herr; grimm warf