möchte' man sich noch verwundern. Gibt's keine fahrenden Sänger und Saitenspieler mehr, die um einen Helm voll Weines und eine Hirschkeule die Kehle heiser singen von derlei Mären? Da steigen wir hoch im Wert! Landflüchtige Possenreisser, Barden und derlei müssige Gesellschaft soll man mit Ruten aushauen, und wenn sie drum klagen, sei ihnen der Schatten eines Mannes an der Wand234 verabreicht als Entgelt. Ich dank' für die Ehre."
"Ihr werdet tun, was befohlen wird, als getreuer Dienstmann, der noch Rechenschaft schuldig ist über gewisse Geschäftsführungen beim klösterlichen Weinkrug", sprach Praxedis. "Es ist doch lustiger, als Latein buchstabieren. Habt Ihr keine Lust, den gelehrten Herrn Ekkehard auszustechen?"
Der Wink leuchtete dem Kämmerer ziemlich ein. "Gebt mir den Tuchzipfel", sprach er, "dass wir das Zeltdach spannen." Er stieg zum Ahorn auf und festigte die Enden im Geäst. Gegenüber waren hohe Stangen eingeschlagen, von blauer Bohnenblüte umrankt, dahin trug Praxedis das Getüch an seinen andern Enden; in kurzem hing die schattige Decke über den luftigen Raum, die grauweisse Leinwand schimmerte anmutig zum Gelbgrün der Blätter und Ranken, es war eine lustige Gartenfrische.
"Der Vesperwein möchte sich anmutig hier trinken lassen", sagte Herr Spazzo halb betrübt über das, was bevorstand. Praxedis aber ordnete Tisch und Sitze; der Herzogin Polsterstuhl mit dem durchbrochenen Schnitzwerk lehnte sie an den Stamm des Ahorns, niedrige Schemel für die andern, ihre Laute holte sie herunter und legte sie auf den Tisch, Burkard aber musste einen grossen Blumenstrauss binden, der ward vor den Herzogssitz gestellt. Dann band die Griechin einen roten Seidenfaden um den Baumstamm, zog ihn bis zur Bohnenhecke hinüber und von dort zur Mauer, so dass nur ein schmaler Durchgang frei blieb. "So!" sprach sie vergnügt, "jetzt ist unser Plaudersaal umgrenzt und umfriedet, wie König Laurins Rosengarten235, die Mauern sind wohlfeil herzustellen."
Die Herzogin freute sich ihres Einfalls und schmückte sich mit einer gewissen Absicht. Es war noch früh am Abend, da stieg sie zur Laube hinab. Blendend rauschte die stolze Erscheinung einher, sie hatte ein weites Gewand umgetan, Saum und Ärmel mit schimmerndem Gold durchstickt, ein stahlgrauer mantelartiger Überwurf wallte bis zum Boden herab, von edelsteinbesetzten Agraffen gehalten; übers Haupt trug sie ein schleierartig Gewebe, licht und durchsichtig, von güldenem Stirnband anschmiegend zusammengefaltet. Sie griff eine Rose aus Burkards Strauss und heftete sie zwischen Band und Schleier.
Der Klosterschüler, der schon nahe daran war, Klassiker und freie Künste zu vergessen, hatte sich die Gnade erbeten, der Herzogin Schleppe zu tragen, und ihr zu Ehren ein Paar abenteuerliche Schnabelschuhe, an beiden Seiten mit Ohren versehen, angelegt236 und machte sich verschiedene Gedanken über das Glück, einer solchen Gebieterin als frommer Edelknabe zu dienen.
Praxedis und Herr Spazzo traten mit ein. Die Herzogin schaute sich flüchtig um: "Ist Meister Ekkehard, zu dessen Belehrung wir den Abend geordnet, unsichtbar?"
Er war nicht erschienen.
"Mein Oheim muss krank sein", sprach Burkard. "Er ist gestern abend mit grossen Schritten in seiner Turmstube auf und nieder gegangen, und wie ich ihm die Sternbilder vor dem Fenster erklären wollt', den Bär und Orion und den mattschimmernden Fleck der Plejaden, hat er mir keine Antwort gegeben. Dann hat er sich angekleidet aufs Lager geworfen und im Schlaf gesprochen."
"Was hat er gesprochen?" fragte die Herzogin.
"'Meine Taube', hat er gesagt 'die du in den Spalten der Felsen dich verbirgst und den Ritzen des Gesteines, zeig' mir dein Angesicht, lass deine stimme klingen in meine Ohren, denn die stimme ist süss und dein Angesicht schön', und ein andermal hat er gesagt: 'Warum küssest du den Knaben vor meinen Augen? was hoff' ich und säum' ich noch in libyschen Landen?'"
"Da schaut's gut aus", flüsterte Herr Spazzo der Griechin zu, "habt Ihr das auf dem Gewissen?"
Die Herzogin aber sprach zu Burkard: "Du wirst selber geträumt haben. Spring' hinauf und such' deinen oheim, dass er heruntersteige, wo wir seiner warten."
Sie liess sich anmutig auf dem tronartigen Sitz nieder. Da kam Ekkehard mit dem Klosterschüler in den Garten. Er sah blass aus; sein blick war unstet und trüb. Er neigte sich stumm und setzte sich an des Tisches entgegengesetzt Ende. Burkard wollte seinen Schemel zu Füssen der Herzogin rücken wie gestern, da sie Virgil lasen, aber Ekkehard stunde auf und zog ihn an der Hand zu sich herüber. "Hierher!" sprach er. Die Herzogin liess ihn gewähren.
Sie schaute in die Runde. "Wir haben gestern behauptet", sprach sie, "dass wir in unsern deutschen Sagen und Geschichten so viel schöne gelegenheit zu Kurzweil besitzen, als weiland die Römer in ihrem Heldenlied vom Äneas. Und sicher weiss ein jedes von uns etwas von schneller Helden Fechten und fester Burgen Brechen, von treuer Liebsten Scheidung und reicher Könige Zergängnis; des Menschen Herz ist mannigfach geartet, was der eine seitab liegen lässt, mutet den andern an. Darum haben wir die heutige Tagfahrt geordnet, dass von jedem unserer Getreuen, wie das Los entscheidet, ein anmutig Stück erzählt werde, und behalten uns vor, dem liebreizendsten einen Preis auszusetzen. Siegt einer von euch Männern, so mög