grossen Schritten aus dem Saal.
Fussnoten
A1 Der ich kaum ein Lateiner bin, ein Grieche möchte' ich werden. A2 Ich finde keinen Vers mehr, es stockt der Rede Fluss,
Zu tief hat mich erschreckt der Herrin süsser Kuss.
Zwanzigstes Kapitel.
Von deutscher Heldensage.
Auf dem Gipfel des hohen Twiel innerhalb der Burgmauern war ein zierlich Gärtlein angelegt; ein steiler Felsvorsprung, von Mauerwerk eingefasst, umschloss den mässigen Raum. Es war ein feiner Platz, als wie eine Hochwacht, denn steil abwärts sprang der Fels, also, dass man über die Brüstung gelehnt einen Stein mochte hinabschleudern ins tiefe Tal, und wer sich am Ausspähen erfreute, der mochte Umschau halten über Berg und Fläche und See und Alpengipfel, keine Schranke hemmte den blick.
Im Eckwinkel des Gärtleins liess ein alter Ahorn vergnüglich seine Wipfel im Winde rauschen, schon war das beflügelte Samenkorn reif und gebräunt und wirbelte auf die schwarze Blumenerde hernieder; – eine Leiter war an den grüngrauen Stamm gelehnt, zu Füssen stand Praxedis und hielt die Enden eines schweren langen Zeltgetüchs, in den Ästen aber sass Burkard, der Klosterschüler, mit Nagel und Hammer und suchte das Tuch festzunageln.
"achtung!" rief Praxedis, "ich glaube, du schauest dem Storch nach, der dem Kirchturm von Radolfs Zelle entgegenfliegt. Pass auf, du Ehrenpreis aller lateinischen Schüler, und schlag' mir den Nagel nicht neben den Ast."
Praxedis hatte das Tuch mit der Linken emporgehalten, jetzt liess es der Klosterschüler fahren, da zog sich's gewichtig herab, riss von dem lässig eingeschlagenen Nagel und sank schwerfällig, so dass die Griechin schier ganz drein begraben ward.
"Warte, Pfuscher!" schalt Praxedis, wie sie sich aus der groben Umhüllung vorgewickelt, "ich werde' einmal nachsehen, ob es keine grauen Haare mehr abzuschneiden gibt."
Kaum war das letzte Wort gesprochen, so ward der Klosterschüler auf der Leiter sichtbar, er kletterte die Sprossen bis zur Hälfte nieder, dann sprang er mit gleichen Füssen auf das Tuch und stand vor Praxedis.
"Setzt Euch", sprach er, "ich will mich gern wieder strafen lassen. Ich hab' heute nacht geträumt, Ihr hättet mir alle Haare ausgerauft und ich wär' mit einem Kahlkopf in die Schule gekommen und es hätt' mich gar nicht gereut."
Praxedis schlug ihm leicht auf das Haupt.
"werde' nicht zu üppig in den Ferien, Männlein, sonst wird dein rücken ein Tanzboden für die Rute, wenn du wieder im Kloster bist."
Aber der Klosterschüler dachte nicht an den kühlen Schatten seiner Hörsäle. Er stunde unbeweglich vor Praxedis.
"Nun?" sprach sie, "was gibt's noch? Was begehrt man?"
"Einen Kuss!" antwortete der Zögling der freien Künste.
"Hört mir den Zaunkönig an!" scherzte Praxedis. "Was hat Eure Weisheit für Gründe zu solchem Begehr?"
"Die Frau Herzogin hat's auch getan", sagte Burkard, "und Ihr habt mich schon über ein dutzendmal aufgefordert, ich soll Euch die geschichte erzählen, wie ich mit meinem alten Freund Romeias vor den Hunnen geflohen und wie er als ein tapferer Held gestritten hat. Das erzähl' ich Euch aber nur um einen Kuss."
"Höre", sprach die Griechin mit ernst verzogener Miene, "ich muss dir etwas sehr Merkwürdiges mitteilen."
"Was?" fragte der Knabe hastig.
"Du bist der törichtste Schlingel, der je seinen Fuss über eine Klosterschulschwelle gesetzt! ..." sprach sie, verstrickte ihn schnell in ihre weissen arme und küsste ihn derb auf die Nase.
"Wohl bekomm's!" rief eine tiefe Bassstimme von der Gartenpforte her, wie sie den Knaben schalkhaft von sich stiess. Es war Herr Spazzo.
"Schönen Dank!" sprach Praxedis unbetrübt. "Ihr kommt gerade recht, Herr Kämmerer, um bei Aufrichtung des Zelttuchs zu helfen. Mit dem törichten Knaben bring' ich's heute nicht mehr zustand."
"So scheint es!" sprach Herr Spazzo mit einem dreischneidigen blick auf den Klosterschüler. Der hatte Angst vor des Kämmerers grimm gestrichenem Schnurrbart und drehte sich einem Rosengebüsch zu. Astronomie und Metrik, Aristoteles in der Ursprache und rote Frauenlippen schwebten in tanzendem Durcheinander durch das fünfzehnjährige Gemüt.
"Gibt's keine besseren Leute zu küssen im Hohentwieler Burgfrieden, Jungfräulein?" fragte Herr Spazzo.
"Wenn man je eine sehnsucht hätte", war Praxedis' Antwort, "so sind die besseren Leute ausgeritten und fahren in Nacht und Nebel herum und kommen erst am hellen Tag in einem Aussehen wieder heim, dass man meinen könnt', sie hätten Irrlichter einfangen wollen."
Da hatte Herr Spazzo seinen teil. Er hatte aber ein Gelübde getan, von seinem nächtlichen Ritt samt Kuckucksruf und "Vince luna" kein Wörtlein zu verplaudern. "Wozu soll ich Euch helfen?" fragte er demütig.
"Eine Laube herrichten!" sprach Praxedis. "In abendlicher Sommerkühle will die Herzogin hier Hof halten – es sollen Geschichten erzählt werden, alte Geschichten, Herr Kämmerer, je wunderbarer desto besser! Unsere Herrin hat das Lateinische satt bekommen, sie will was anderes, Ungeschriebenes, Einheimisches ... Ihr müsst auch Euer Scherflein beitragen."
"Gott sei meiner Seele gnädig!" sprach Herr Spazzo, "wenn unter einer Frauen Herrschaftsführung nicht alles wunderbar herginge, so