habe denken müssen", sprach der Junge verlegen, "wenn meine hohe Herrin die Königin Dido wäre, so wär' ich vorhin der Ascanius gewesen, da Ihr mich zu herzen und küssen geruhtet."
Die Herzogin schaute scharf auf den Knaben herab. "Will man ungezogen werden? Kein Wunder –" schalt sie mit einem Fingerzeig auf seine Locken, "die junge Altklugheit trägt ja schon graue Haare auf dem Scheitel."
"... Das ist von der Nacht, da sie den Romeias erschlugen", wollte der Klosterschüler sagen.
"Das ist vom Fürwitz, der törichte Dinge redet, wo er schweigen sollte", fuhr die Herzogin drein. "Steh auf, Schülerlein!" tend vor ihr. "So", sprach sie, "jetzt geh zu der Jungfrau Praxedis und melde ihr, es müssten dir zur Strafe alle grauen Haare abgeschnitten werden, und bitte schön, dass sie dir's tue. Das wird gut sein für unzeitig lachen."
Dem Knaben standen die hellen Tränen in den Augen. Er wagte keine Widerrede. Er ging zu Praxedis hin, die hegte Teilnahme für ihn, seit sie gehört, dass er des Romeias Gefährte bei seinem letzten gang gewesen: "Ich tu' dir nicht weh, kleiner Heiliger", flüsterte sie ihm zu und zog ihn zu sich. Das junge Haupt in ihren Schoss gebeugt, musste er vor ihr knien, da griff sie eine mächtige Schere aus ihrem strohgeflochtenen Nähkorb und vollzog die Strafe.
Betrüblich klang erst des Klosterschülers Schluchzen,– wer sein Hauptaar von fremder Hand berühren liess, galt eigentlich für schwer beschimpft232 – aber Praxedis' weiche Hand fuhr ihm streichelnd über die Wangen, nachdem sie das Gelock zerzaust hatte, da ward ihm bei aller Strafe so seltsam zu Mut, dass sein Mund lächelnd die letzte niederrollende Träne auffing.
Ekkehard sah eine Weile stumm vor sich hin. Das Spiel leichtfertiger Anmut macht den Traurigen trauriger. Er war verletzt, dass die Herzogin so sein Lesen unterbrochen. Aus ihren Augen las er keinen Trost: "sie spielt mit dir, wie sie mit dem Knaben spielt", dachte er und schlug seinen Virgilius zu und erhob sich.
"Ihr habt recht", sprach er zu Frau Hadwig, "es ist alles falsch. Dido sollte lachen und Äneas sollte hingehen und sich ins Schwert stürzen, dann wäre es richtig."
Sie blickte unstet auf. "Was habt Ihr?" fragte sie.
"Ich kann nicht weiter lesen", erwiderte er.
Die Herzogin war aufgestanden.
"Wenn Ihr nicht mehr lesen möget", sprach sie mit scheinbar gelangweiltem Ausdruck, "es gibt noch mannigfache Mittel und Wege, uns Kurzweil zu schaffen. Wie wär' es, wenn ich Euch aufgäbe, uns etwas Anmutiges zu erzählen, – Ihr möget dabei auslesen, was Euch gefällt, es gibt so viel Liebreizendes und Gewaltiges noch ausser Euerem Virgil. Oder gehet hin und dichtet selber etwas. Euch drückt irgendeine Last, Ihr mögt nicht erklären, Ihr mögt nicht aufs Land gehen, alles tut Euern Augen weh, Eurem Geist fehlt eine grosse Aufgabe, wir wollen sie Euch setzen."
"Was sollt' ich dichten?" erwiderte Ekkehard. "Ist's nicht schon Glück genug, das Echo eines Meisters, wie Virgilius, zu sein?" Er sah mit umflortem Auge auf die Herzogin. "Ich wüsste nur Elegien zu singen, sehr traurige."
"Sonst nichts?" fragte Frau Hadwig vorwurfsvoll. "Haben unsere Vorfahren keine Kriegszüge getan und ihr Heerhorn mit Sturmschall durch die Welt erklingen lassen und Schlachten geschlagen, so viel wert wie die des Landfahrers Äneas? Glaubt Ihr, der grosse Kaiser Karl hätte die uralten Lieder der Völker sammeln und singen lassen, wenn nur leeres Stroh darin steckte? Müsst Ihr zu allem Eure lateinischen Bücher haben?"
"Ich weiss nichts", wiederholte Ekkehard.
"Ihr sollt aber etwas wissen", sagte die Herzogin. "Es stünde doch zu verwundern, wenn nur wir Hausgenossen der Burg einen Abend zusammensässen und von den alten Geschichten und Sagen plauderten, ob da nicht mehr zusammenkäme, als in der ganzen Äneïde steht? Des Kaiser Karl frommer Sohn hat freilich vom alten Heldensang nichts mehr wissen wollen233 und lieber schnarrendem Psalmodieren sein Ohr geliehen und ist an Leib und Seele verkümmert gestorben, aber uns allen haften von Kindesbeinen noch jene Geschichten an. Erzählet uns eine solche, Meister Ekkehard, dann erlassen wir Euch den Virgil samt der liebesiechen Königin Dido."
Aber Ekkehards Gedanken flogen weit anderwärts. Er schüttelte sein Haupt wie ein Träumender.
"Ich sehe, Ihr brauchet Anstoss", sprach die Herzogin. "Es soll Euch von allen ein gut Beispiel gegeben werden. Praxedis, halt' dich bereit und künde es dem Kämmerer Spazzo an, wir wollen uns morgen an Erzählung alter Sagen erfreuen. Ein jedes sei gerüstet."
Sie griff den Virgilius und warf ihn feierlich unter den Tisch, als Zeichen, dass eine neue Ära beginne. Ihr Gedanke war gut und anregend. Nur dem Klosterschüler, der während der Herzogin Rede sein Haupt in Praxedis' Schoss hatte ruhen lassen, war es nicht ganz deutlich. "Wann darf ich weiter Griechisch lernen, gnädige Herrin?" sagte er. "Talassi ke potami ..."
"Wenn die grauen Haare wieder gewachsen sind", sprach sie heiter und küsste ihn wiederum.
Ekkehard ging mit