sie vortragen?"
"Um Gottes willen!" sprach Praxedis, "glaubst du, man fällt bei uns nur zum Burgtor herein und trägt gleich Oden vor? Wart' erst dein Stück Kuchen ab."
Sie sprang zur Küche und liess den gelehrten Neffen Ekkehards im Gespräch mit seinem Oheim unter der Linde zurück. Der plauderte denn ein Namhaftes von Trivium und Quadruvium; weil gerade der Fels von Hohentwiel im Morgenlicht einen feingezeichneten Schatten über das flache Land warf, erging sich der Klosterschüler in einer weitläufigeren Disputation über den Grund des Schattens, als welchen er mit Sicherheit einen dem Licht entgegenstehenden Körper bezeichnete und alle andere Definitionen in ihrer Nichtigkeit nachwies.
Wie ein Springquell entströmte dem jugendlichen mund die Flut der Wissenschaft. Auch in der Astronomie war er bewandert; das Lob Zoroasters von Baktrien und des Königs Ptolemäus von Ägyptenland musste der Oheim geduldig anhören, über Form und Verwendung des Astrolabiums ward ihm scharf auf den Zahn gefühlt227; auch begann der braungelockte Schwestersohn auseinanderzusetzen, wie faselnd die Meinung derer sei, die da glauben, dass auf der Rückseite des Erdglobus das ehrenwerte Geschlecht der Antipoden228 haus – vor fünf Tagen hatte er all' die schönen Sachen gelernt: aber schliesslich erging es dem Oheim wie dem tapfern Kaiser Otto, da der weltweise Bischof Gerbert von Reims und Otrich, der Domschulmeister von Magdeburg, vor ihm und viel hundert gelahrten Äbten und Scholastern ihren Wettkampf über Einteilung und Grund der teoretischen Philosophie229 abhielten – er gähnte.
Jetzt kam Praxedis mit einem herrlichen Kirschkuchen und einem Körbchen Früchte, das gab den Gedanken des fünfzehnjährigen Weltweisen eine Wendung zum Natürlicheren; als wohlerzogener Knabe sprach er erst den Hymnus230 vor dem Essen, wie er in der Klosterschule üblich, dann vertiefte er sich ganz in des Kuchens Aufzehrung und überliess die Frage von den Antipoden einer späteren Zukunft ...
Praxedis wandte sich zu Ekkehard: "Die Herzogin lässt Euch kundtun", sprach sie mit verstelltem Ernst, "dass sie gesonnen, zum Studium des Virgilius zurückzukehren; sie ist begierig zu vernehmen, wie der Königin Dido Geschicke sich weiter abspinnen. Heute abend beginnen wir; Ihr sollt ein freundlich Gesicht dazu machen", fuhr sie leiseren Tones fort, "es ist eine zarte Aufmerksamkeit, Euch zu beweisen, dass trotz der Schriften gewisser Herren das Vertrauen auf Euere Wissenschaft nicht geschwunden."
Es war so. Ekkehard aber erschrak. Wieder in der alten Weise mit den zwei Frauen zusammen sein: schon der Gedanke tat ihm weh. Er konnte noch immer nicht vergessen, dass einst ein Karfreitagmorgen gewesen.
Da schlug er seinen Neffen auf die Schulter, dass der zusammenfuhr. "Du kommst hier nicht in die Ferien zum Fischfangen und Vogelstellen, Burkard!" sprach er, "heute nachmittag lesen wir Virgil mit der gnädigen Herzogin, du wirst dabei sein."
Er gedachte den Knaben als schirmende Abwehr zwischen die Herzogin und seine Gedanken zu stellen.
"Wohl!" sprach Burkard mit kirschrotblauen Lippen, "Virgilius ist mir lieber als Jagen und Reiten, und ich werde' die Frau Herzogin bitten, mir von ihrem Griechischen etwas zu lehren. Nach jenem Besuch, wo sie Euch mit fortgenommen, haben die Klosterschüler oftmals gesagt, sie wisse mehr Griechisch als alle ehrwürdigen Väter des Klosters zusammen, sie habe es durch Zauberei erlernt. Und wenn ich auch im Griechischen der erste bin ..."
"Dann kann dir's nicht fehlen, dass du in fünf Jahren Abt und in zwanzig Jahren heiliger Vater zu Rom wirst", sprach Praxedis spottend. "Einstweilen fliesst dort der Burgbrunnen, das Blau deiner Lippen zu tilgen ..."
Um die vierte Abendstunde harrte Ekkehard im säulengetragenen Gemach seiner Gebieterin, die Lesung der Äneïde wieder aufzunehmen. Über ein halb Jahr war abgelaufen, dass Virgilius Ruhe gehabt. Ekkehard war beklommen, er hatte die Fenster weit aufgetan. Wohltuende Kühle des Abends strömte herein.
Der Klosterschüler blätterte in der lateinischen Handschrift.
"Wenn die Herzogin mit dir spricht, sei fein artig", sprach Ekkehard.
Er aber antwortete mit Selbstgefühl: "Mit einer so vornehmen Frau rede' ich nur in Versen. Sie soll sich überzeugen, dass ein Zögling der inneren Schule vor ihr steht."
Jetzt trat die Herzogin ein, gefolgt von Praxedis. Sie grüsste mit leichtem Kopfnicken. Ohne dass sie Ekkehards hoffnungsvollen Neffen zu bemerken schien, liess sie sich im schnitzwerkverzierten Lehnstuhl nieder. Burkard hatte sich zierlich verneigt und stand am Ende des Tisches.
Ekkehard schlug den Virgilius auf. Da fragte die Herzogin gleichgültigen Tones: "Was soll der Knab'?"
"Ein demütiger Zuhörer", sprach Ekkehard, "dem die sehnsucht, das Griechische zu erlernen, Mut gibt, so erlauchter Lehrerin sich zu nahen. Er wird glücklich sein, wenn er von Eueren Lippen ..."
Aber bevor Ekkehard seine Rede geendet, war Burkard vor die Herzogin getreten, befangen und keck zugleich sprach er mit niedergeschlagenen Augen und genauer Betonung des Silbenmasses:
"Esse velim Graecus, cum vix sim, dom'na, LatinusA1,
231."
Es war ein tadelloser Hexameter. Frau Hadwig hörte ihm halb erstaunt zu. Ein braunlockiger Knabe, der einen Hexameter sprach, war in alemannischen Landen etwas Ungewohntes. Und er hatte ihr zu Ehren die Daktylen und Spondäen aus dem Stegreif ersonnen. Darum ergötzte sie sich an dem jungen Verseschmied. "Lass dich einmal näher beschauen", sprach sie und zog ihn zu sich. Er gefiel ihr; es war