Kraft, der Wald und alle Vögelein – nicht so zur Erquickung frommen als ein alter Wein?" sprach Ekkehard zur Ergänzung. "Aber schon der jüdische Prophetenknabe sprach zum König Darius, da die Kriegsleute und Amtmänner aus Morgenland um den Tron standen und stritten, wer der stärkste sei: der Wein ist der stärkste, der überwältigt die Männer, die ihn trinken, und führt ihre Gemüter in Irrtum."
Praxedis hatte sich weggewendet und stand an den Zinnen der Mauerbrüstung.
"Seht einmal hinunter, Sonne der Wissenschaft", sprach sie zu Ekkehard, "was kommt dort für ein sauber geistlich Männlein gewandelt?"
Ekkehard beugte sich über die Mauer und schaute an der senkrecht aufstrebenden Felswand hinab. Zwischen den Stauden am Burgweg wandelte ein braunlockiger Knabe; er trug ein Mönchsröcklein, das bis an die Knöchel reichte, Sandalen am nackten Fuss, einen ledernen Ranzen auf dem rücken, den eisenbeschlagenen Wanderstab in der Hand. Ekkehard kannte ihn noch nicht.
Nach einer Weile stand er am Burgtor.
Er hielt die Hand vor die Augen und schaute in das weite schöne Land hinaus. Dann trat er in den Hof und ging gemessenen Schrittes auf Ekkehard zu.
Es war Burkard, der Klosterschüler, Ekkehards Schwestersohn, der von Konstanz herüberkam, seinem jungen Oheim einen Ferienbesuch abzustatten.
Er machte ein feierlich Gesicht und sprach den Begrüssungsspruch, als hätte er ihn auswendig gelernt.
Ekkehard küsste den wohlerzogenen Schüler, der in den fünfzehn Jahren seines Lebens noch keinen einzigen dummen Streich begangen. Burkard richtete Grüsse von Sankt Gallen aus und brachte eine Epistel Meister Ratperts, der sich behufs vergleichender Studien von Ekkehard Auskunft erbat, in welcherlei Fassung und Wortlaut er gewisse schwierige Stellen im Virgilius zu übersetzen pflege. "Heil, Gedeihen und Fortschritt in der Erkenntnis225!" lautete des Briefes Abschiedsgruss.
Ekkehard begann ein langes fragen nach seinen dortigen Brüdern. Aber Praxedis fiel ihm in die Rede.
"Lasset doch den frommen jungen Mann ausruhen. Trockene Zunge erzählt nicht gern. Kommmit mir, Männlein, du sollst uns ein lieberer Besuch sein als der böse Rudimann von der Reichenau."
"Vater Rudimann?" sprach der Knabe, "den kenne ich auch."
"Woher?" fragte Ekkehard.
"Er ist vor wenig Tagen bei uns gewesen und hat dem Abt ein grosses Schreiben überbracht und eine Schrift; es soll vieles über Euch drin stehen, liebwerter oheim, und nicht lauter Schönes."
"Hört!" sprach Praxedis.
"... und wie er Abschied genommen, ist er nur bis zur Kirche gegangen; dort hat er gebetet, bis dass es dunkel war. Er muss aber alle Gänge und Schliche im Kloster kennen, wie die Glocke die Schlafstunde angeläutet, ist er heimlich und auf den Zehen ins grosse Dormitorium geschlichen, um zu lauschen, was die Brüder vor Einschlafen über Euch und über das, was in seiner Schrift stand, zusammen sprechen würden. Die Nachtkerze hat trüb geflackert, dass er im Verborgenen niedersitzen konnte. Aber um Mitternacht ist der Vater Notker Pfefferkorn gekommen, der hat die Runde gemacht, nachzuschauen, ob jeder seinen Gürtel fest ums Gewand geschlungen, und ob kein Messer oder schädlich Gewaffen im Schlafgemach sei. Der hat den Fremden hervorgezogen aus seinem Versteck, und die Brüder sind aufgewacht, und die grosse Abtslaterne ist angezündet worden, mit Stecken und Stangen und der siebenfältigen Geissel aus der Geisselkammer sind sie herbeigesprungen und war ein grosser Lärm und Geschrei, trotzdem dass der Dekan und die Alten abwinkten. Notker Pfefferkorn selber war hoch ergrimmt: 'Der Teufel geht lauernd umher und sucht, wen er verschlinge', rief er 'wir haben den Teufel, züchtiget ihn!'"
"Vater Rudimann aber ist noch recht höhnisch gewesen: 'Ich gestehe, treffliche Jünglinge', hat er gesagt, 'wenn ich wüsste, wo der Zimmermann einen Weg offen gelassen, so würde ich auf Händen und Füssen von dannen gehen; nun aber, da ich gern oder ungern euch in die hände fiel, so gedenket, dass ihr eurem Gastfreund keine Schande antuet226.' Da wurden sie alle wild und schleppten ihn in die Geisselkammer; nur auf den Knien konnte' er sich losbitten, und als endlich der Abt sprach: 'Wir wollen das Füchslein heimspringen lassen in seinen Bau', hat er sich höflich bedankt.
Ich bin gestern einem Fuhrwerk mit zwei grossen Weinfässern vorbeigekommen: der Kellermeister der Reichenau schicke das dem heiligen Gallus für freundschaftliche Aufnahme, hat der Fuhrmann zu mir gesagt ..."
"Davon hat Herr Rudimann nichts gemunkelt, wie er gestern bei uns war", sprach Praxedis. "Für die geschichte verdienst du ein Stück Kuchen, Goldsohn, du erzählst ja wie ein Jubelgreis."
"O", sprach der Klosterschüler halb beleidigt, "es heisst nichts. Aber ich werde ein Gedicht darüber machen: 'Des Wolfs Einbruch im Schafstall und Strafe', – ich hab's schon halb im Kopf, das muss schön werden."
"Du machst auch Gedichte, junger Neffe?" sprach Ekkehard heiter.
"Das wär' kein guter Klosterschüler", gab der Junge zur Antwort, "der vierzehn Jahre alt würde und keine Gedichte machen könnte. Meinen Lobgesang auf den Erzengel Michael in doppelt gereimten Hexametern hab' ich dem Abte vorlesen dürfen; er hat meine Verse eine glänzende Perlenschnur geheissen. Und meine sapphische Ode zu Ehren der frommen Wiborad ist auch recht schön, soll ich