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und sie sprach: 'Gib mir auf einer Schüssel den Kopf Johannes des Täufers!' ..."

Die priesterliche Stola, Ekkehards Weihnachtsgeschenk von der Herzogin, lag daneben, die goldgewirkten Fransen hingen über das Fläschlein mit Jordanwasser, das ihm der alte Tieto einst mitgegeben.

Da schob Praxedis alles zurück und legte Gunzos Epistel auf den Tisch; es tat ihr leid, wie sie alles geordnet. Beim Fortgehen wandte sie sich, tat das Fenster auf, riss ein Zweiglein von dem üppig am Turm sich emporschlingenden Efeugerank und warf's drüber hin.

Ekkehard war spät heimgekommen. Er hatte den wunden Cappan gepflegt; noch grössere Arbeit war es ihm, des Hunnen langes Ehegemahl zu trösten. Nachdem das erste Wehgeheul verstummt und ihre Tränen getrocknet, war bis nach Sonnenuntergang ihre Rede nur ein einziger grosser Fluch auf den Klostermeier, und wenn sie ihren starken Arm gegen Himmel hob und von Augauskratzen und Bilsenkraut in die Ohren giessen und Zähneeinschlagen sprach, und ihre braunen Zöpfe wildbedrohlich im Winde flatterten, so bedurfte es eindringlichen Zuspruchs, sie zu beruhigen. Doch war's gelungen.

In der Stille der Nacht las Ekkehard die Blätter, die ihm die Griechin in seine stube gelegt. Seine Hand spielte mit einer wilden Rose, die er heimgehend im Tannenwald gepflückt, während sein Auge die geharnischten Angriffe des welschen Gelehrten aufnahm.

Woher mag es kommen, dachte er und sog den Duft der Blume ein, dass so vieles der Tinte Entsprossenes seinen Ursprung nicht verleugnen kann? Alle Tinte kommt vom Gallapfel und aller Gallapfel vom bösen Wespenstich ...

Mit heiterem Antlitz legte er schliesslich die gelben Pergamentblätter weg: Eine gute Arbeiteine recht fleissige gute Arbeit – o, der Wiedehopf ist auch eine wichtige person unter dem fliegenden Getier. Aber die Nachtigall hat kein Ohr für seinen Gesang ... Er schlief ausgezeichnet gut nach seiner Lesung.

Wie er des andern Morgens von der Burgkapelle zurückschritt über den Hof, traf er auf Praxedis.

"Wie geht's Euch, Hunnentäufer?" sprach sie leicht, "ich bin ernstlich um Euch besorgt. Es hat mir geträumt, ein grosser brauner Meerkrebs sei den Rhein herauf geschwommen und aus dem Rhein in den Bodensee, und vom Bodensee sei er auf unsere Burg gekrochen und hätt' schneidige Scheren und hätt' Euch drein geklemmt und scharf ins Fleisch geschnitten. Der Seekrebs heisst Gunzo. Habt Ihr noch viel so gute Freunde?"

Ekkehard lächelte.

"Ich missfalle manchem Mann, der mir auch nicht gefallen kann", sprach er. "Wer an russige Kessel anstösst, kann leichtlich schwarz werden."

"Scheint Euch aber ganz gleichgültig zu sein" – sprach Praxedis. "Ihr solltet Euch schon heute auf eine Antwort besinnen. Siedet den Krebs rot ab, dann beisst er nimmer."

"Die Antwort", erwiderte Ekkehard, "hat ein anderer für mich gegeben. Wer zu seinem Bruder spricht: 'Rakka!' wird des hohen Rates schuldig sein, und wer sagt: 'du Narr!' wird des höllischen Feuers schuldig sein."

"Ihr seid recht fromm und mild", sagte Praxedis, "aber sehet zu, wie weit Ihr damit in der Welt kommet. Wer sich seiner Haut nicht wehret, dem wird sie abgezogen. Auch den schlechten Feind sollt Ihr nicht gering anschlagen: Sieben Wespen zusammen stechen ein Ross tot."

Die Griechin hatte recht. Stumme Verachtung unwürdigen Angreifers gilt allzuleicht für Schwäche. Aber es war Ekkehards natur so.

Praxedis trat einen Schritt auf ihn zu, dass er betroffen zurückwich. "Soll ich Euch noch einen guten Rat geben, Ehrwürdigster?" sprach sie. Er nickte schweigend.

"Ihr schreitet wieder viel zu ernst einher; es möchte einer glauben, Ihr wollet mit Sonne und Mond Kegel schieben, wenn Ihr des Weges kommt. 's ist heisser Sommer jetzt, die Kapuze macht Euch schwül. Lasset Euch ein linnen Gewand beschaffen und meinetwegen auch den Schlossbrunnen übers Haupt rieseln, aber seid fröhlich und guter Dinge. Die Herrin möchte sonst recht gleichgültig für Euch werden."

Ekkehard wollte ihr die Hand reichen; es deuchte ihm zuweilen, als sei Praxedis sein guter Engel. Da kam langsamen Hufschlages Herr Spazzo in den Burghof eingeritten. Sein Haupt senkte sich dem Sattelknopf entgegen, bleiernes Lächeln war über das müde Antlitz gegossen, halb schlief er.

"Euer Gesicht hat sich namhaft verändert seit gestern", rief ihm Praxedis zu. "Warum fliegen keine Funken mehr unter Faladas Huf?"

Er schaute mit stieren Augen zu ihr herab. Es flimmerte vor seinem blick.

"Bringt Ihr auch ein erklecklich Schmerzensgeld mit, Herr Kämmerer?" fragte Praxedis.

"Schmerzensgeld? für wen?" fragte Herr Spazzo stumpf.

"Für den armen Cappan! Ich glaube, Ihr habt eine Hand voll Mohnkörner gegessen, dass Ihr nimmer wisset, warum Ihr ausgeritten ..."

"Mohnkörner?" sprach Herr Spazzo mit dem gleichen Ausdruck, "Mohnkörner? Nein. Aber Meersburger, roten Meersburger, ungefügigen, hundertschlündig224 zu trinkenden roten Meersburger! ja!"

Er stieg schwerfällig vom Ross und zog sich in seine Gemächer zurück. Der Bericht über seiner Sendung Erfolg blieb unerstattet. Praxedis schaute dem Kämmerer nach, sie begriff den Grund seiner bleischweren Gemütstimmung nicht ganz.

"Habt Ihr noch nie davon erzählen gehört, dass einem gesetzten mann Gras, Blumen und Klee und aller Kräuter Meisterschaft, die Würze und aller Steine