dritter stimmte ein, das hallte und schallte neckisch um den trunkenen Kämmerer herum und war nicht mehr zu zählen.
Da ging ihm die Geduld gänzlich aus.
"Lügner seid ihr und Ehebrecher und Bäckerknechte alle zusammen!" schalt er die Vögel, "schert euch zum Teufel!"
Er spornte sein Ross zum Trab. Der Wald schloss sich dichter. Fetzt zogen die Wolken herauf, schwer und dunkel, sie zogen gegen den Mond. Es ward stockfinster; geisterhaft ragten die Tannen, alles lag schwarz und still. Gern hätte Herr Spazzo jetzt noch den Kuckuck gehört, der nächtliche Ruhestörer war fortgeflogen – da ward's dem Heimreitenden unheimlich; eine ungestalte Wolke kam gegen den Mond geschlichen und hüllte ihn ganz ein, da fiel Herrn Spazzo ein, was ihm die Amme in erster Jugend erzählt, wie der böse Wolf Hati und Managarm, der Mondhund, dem leuchtenden Gestirn nachjagen, er sah wieder auf, da sah er den Wolf und den Mondhund deutlich am Himmel; jetzt hielten sie den armen Tröster der Nacht im Rachen ... Herr Spazzo schauderte. Er zog sein Schwert. "Vince luna! Siege, o Mond!" schrie er! mit heller stimme und rasselte mit Schwert und Beinschienen, "vince luna" vince luna223!
Sein Geschrei war laut und sein ehern Gerassel scharf, aber die Wolkenungetüme liessen den Mond nicht, nur des Kämmerers Ross ward scheu und sprengte sausend mit ihm durch die Waldesnacht.
Wie Herr Spazzo des andern Morgens erwachte, lag er am Fuss des hunnischen Grabhügels. Auf der Wiese sah er seinen Reitersmantel liegen, sein schwarzes Rösslein Falada erging sich fern am Waldessaum, der Sattel hing unten am Bauch, die Zügel waren zerrissen; es frass die jungen Wiesenblumen. Langsam wandte der schlafmüde Mann sein Haupt und schaute sich gähnend um. Der Klosterturm der Reichenau spiegelte sich so ruhig und fern im See, als wenn nichts geschehen wäre. Er aber riss einen Büschel Gras aus und hielt die tauigen Halme an die Stirn. "Vince luna!" sprach er mit bittersüssem Lächeln. Er hatte schwer Kopfweh.
Neunzehntes Kapitel.
Burkard, der Klosterschüler.
Rudimann, der Kellermeister, war kein falscher Rechner. Eine Rolle Pergament in einem Lachsrachen muss Neugier erregen. Während Herr Spazzo den Reichenauer Klosterwein getrunken, war seine Gebieterin mit Praxedis im stillen Closet an Entzifferung der Gunzoschen Schrift gesessen; die Schülerinnen Ekkehards hatten des Lateinischen genug gelernt, um die Hauptsachen zu verstehen; was grammatisch unklar blieb, errieten sie, was nicht zu erraten war, setzten sie nach eigenem Gutdünken zusammen.
Praxedis war empört: "Ist denn die Nation der Gelehrten überall wie in Byzanzium?" sprach sie. "Erst die Mücke zum Elefanten gemacht und dann einen Feldzug gegen das selbstgeschaffene Ungetüm begonnen! Das Reichenauer Geschenk schmeckt essigsauer." – Sie verzog den lieblichen Mund wie damals, da sie Wiborads Holzäpfel kosten musste.
Frau Hadwig war sonderbar bewegt. Ein unheimlich Gefühl sagte ihr, dass in Gunzos Blättern ein Geist sein Wesen treibe, der nicht vom Guten, aber sie gönnte Ekkehard die Demütigung.
"Ich glaube, er hat die Zurechtweisung verdient", sprach sie.
Da sprang Praxedis auf: "Unser braver Lehrer verdient manche Zurechtweisung", rief sie, "aber das sollte unsere Sache sein. Wenn wir ihm seine blöde Schwerfälligkeit wegschulmeistern, tun wir ein gutes Werk. Aber wenn einer mit dem Balken im auge' dem andern den Splitter vorwirft, das ist zu arg. Die bösen Mönche haben das nur angebracht, um ihn anzuschwärzen. Darf ich's zum Fenster hinauswerfen, gnädige Herrin?"
"Wir haben Euch weder um Ekkehards Erziehung noch um Werfung eines Gastgeschenks zum Fenster hinaus ersucht", sprach die Herzogin bitter. Praxedis schwieg.
Die Herzogin konnte sich von der eleganten Schmähschrift lange nicht trennen. Ihre Gedanken waren dem blonden Mönch nicht mehr zugewendet wie damals, als er sie über den Hof des heimischen Klosters trug. Im Augenblick überschwenglichen Gefühls nicht verstanden werden, ist gleich der Verschmähung, der Stachel weicht nicht wieder. Wenn sie ihn jetzt erschaute, pochte das Herz nicht in höherem Schlag; oft war's Mitleid, was ihre Blicke ihm noch zuführte, aber nicht jenes süsse Mitleid, aus dem die Liebe aufspriesst wie aus kühlem grund die Lilie – es barg einen bösen Keim von Geringschätzung in sich.
Durch Gunzos Schmähschrift ward auch das Wissen, das die Frauen seiter hoch an ihm gehalten, in Staub gezogen, was blieb noch Gutes? Das stille Weben und Träumen seiner Seele verstand die Herzogin nicht, zarte Scheu ist in anderer Augen Torheit. Dass er in der Frühe ausgegangen, das hohe Lied zu lesen, war zu spät; er hätte das im vorigen Herbst tun sollen ...
Der Abend dunkelte.
"Ist Ekkehard heimgekehrt?" fragte die Herzogin.
"Nein", sprach Praxedis, "Herr Spazzo auch nicht."
"Dann nimm den Leuchter", befahl Frau Hadwig, "und trage die Pergamentblätter auf Ekkehards Turmstube. Er darf nicht ununterrichtet bleiben von seiner Mitbrüder Werken."
Die Griechin gehorchte, aber unfroh. In der Turmstube droben war schwüle Hitze. Ungeordnet lagen Bücher und Gerätschaften umher. Auf dem Eichentisch war das Evangelium des Mattäus aufgeschlagen: "Am Geburtsfest des Herodes aber tanzte der Herodias Tochter vor der Gesellschaft, und sie gefiel dem Herodes, dass er ihr mit einem Eidschwur verhiess zu geben, um was sie bitten wollte,