Mutes und umfasste mit starkem Arm die Herzogin, die schmiegte sich vergnüglich an ihren Träger und lehnte den rechten Arm auf seine Schulter. Fröhlich schritt er unter seiner Bürde über die Schwelle, die kein Frauenfuss berühren durfte, der Abt ihm zur Seite, Kämmerer und Dienstmannen folgten, hoch schwangen die dienenden Knaben ihre Weihrauchfässer, und die Mönche wandelten in gedoppelter Reihe, wie sie gekommen, hinterdrein, die letzten Strophen ihres Loblieds singend.
Es war ein wundersam Bild, wie es vor und nachmals in des Klosters geschichte nicht wieder vorkam, und liessen sich von Freunden unnützer Worte an den Mönch, der die Herzogin trug, erspriessliche Bemerkungen anknüpfen über das Verhältnis der Kirche zum Staat in damaligen zeiten und dessen Änderung in der Gegenwart ...
Die Naturverständigen sagen, dass durch Annäherung lebender Körper unsichtbar wirkende Kräfte tätig werden, ausströmen, ineinander übergehen und seltsamliche Beziehungen herstellen. Das mochte sich auch an der Herzogin und dem Pörtner bewähren; dieweil sie sich in seinen Armen wiegte, gedachte sie leise: "Fürwahr, noch keinem hat Sankt Benedikts Kapuze anmutiger gesessen als diesem31", und wie er im kühlen Klostergang seine Bürde mit schüchternem Anstand absetzte, fiel ihm nichts auf, als dass ihm die Strecke vom Tor bis hierher noch niemals so kurz vorgekommen.
"Ich bin Euch wohl schwer gefallen?" sprach die Herzogin sanft.
"Hohe Herrin, Ihr mögt kecklich sagen, wie da geschrieben steht: mein Joch ist sanft und meine Bürde ist leicht", war seine Erwiderung.
"Ich hätte nicht gedacht", sprach sie darauf, "dass Ihr die Worte der Schrift zu einer Schmeichelrede anwendet. Wie heisst Ihr?"
Er antwortete: "Sie nennen mich Ekkehard."
"Ekkehard! ich danke Euch!" sagte die Herzogin mit anmutvoller Handbewegung.
Er trat zurück an ein Bogenfenster im Kreuzgang und schaute hinaus ins Gärtlein. War's ein Zufall, dass ihm jetzt der heilige Christophorus vor die Gedanken trat?
Dem deuchte seine Bürde auch leicht, da er anhub, das fremde Kindlein auf starker Schulter über den Strom zu tragen, aber schwer und schwerer senkte sich die Last auf seinen Nacken und presste ihn hinab in die brausende Flut, tief, tief, dass sein Mut sich neigen wollte zu verzweifeln ...
Der Abt hatte einen köstlichen Henkelkrug bringen lassen, damit ging er selber zum Springquell, füllte ihn und trat vor die Herzogin: "Der Abt soll den Fremden das wasser darbringen, ihre Hand zu netzen", sprach er, "und sich samt der ganzen Brüderschaft zur Fusswaschung –"
"Wir danken", fiel ihm Frau Hadwig in die Rede. Sie sprach's mit entschiedenem Ton. Indes hatten zwei der Brüder eine Truhe herabgeholt, sie stand geöffnet im gang. Drein griff jetzt der Abt, zog eine funkelneue Kutte herfür und sprach: "So ernenne ich denn unseres Klosters erlauchten Schirmvogt zum Mitglied und zugeschriebenen Bruder und schmück' ihn dessen zum Zeugnis mit des Ordens Gewandung32.
Frau Hadwig fügte sich. Leicht bog sie das Knie, da sie die Kutte aus seinen Händen empfing; sie warf das ungewohnte Kleidungsstück um, es stand ihr gut, faltig war's und weit, wie die Regel besagt: Der Abt soll ein scharfes Auge haben, dass die Gewänder nicht zu kurz seien für ihre Träger, sondern wohlgemessen.
Reizend sah das lichte Frauenantlitz aus der dunkeln Kapuze".
"Für Euch gilt das Gleiche!" rief nun der Abt zu der Herzogin Gefolge. Da hatte der böse Sindolt seine Freude dran, Herrn Spazzo einzukleiden. "Und wisst Ihr auch", raunte er ihm ins Ohr, "was die Kutte für Euch zu bedeuten hat? – Dass Ihr die Gelüste der Welt abschwöret und einen mässigen, armen und keuschen Wandel gelobet für immerdar!"
Herr Spazzo war schon mit dem rechten Arm in das faltige Ordensgewand gefahren, schnell zog er ihn wieder zurück: "Halt' an", zürnte er, "da muss ich Einsprache tun!" Sindolt schlug ein Gelächter auf, da merkte der Kämmerer, es sei so ernst nicht gemeint, und sprach: "Bruder, Ihr seid ein Schalk!"
Bald prangten auch die Gefolgsmänner im Schmuck des Ordenskleides, manchem der neuerschaffenen Mönche hing der lange Bart ordnungswidrig bis an den Gürtel, und das sittige Niederschlagen des Blicks gelang noch nicht ganz nach Vorschrift33.
Der Abt geleitete seine Gäste zuerst zur Kirche.
Fussnoten
A1 Auf seinem Lager. A2 "Mitten im Leben" (sind wir vom tod umfangen). Vgl. Scheffels Anmerkung 188, wo der gesamte Text mitgeteilt ist. A3 Des Kampfes mit Dämonen.
Drittes Kapitel.
Wiborada Reclusa.
Einer von denen, die am wenigsten sich des unerwarteten Besuches ergötzten, war Romeias, der Wächter am Tor. Er wusste ungefähr, was ihm bevorstand, aber nicht alles. Während der Abt die Herzogin empfing, kam Gerold, der Schaffner, zu ihm und sprach: "Romeias, rüstet Euch, auszuziehen! Ihr sollt auf den nächsten Meierhöfen ansagen, dass sie noch heute vor Abend die schuldigen Hühner34 zur Ausschmückung der Mahlzeit schicken, und sollt einen guten Bissen Wildbret beschaffen."
Des war Romeias zufrieden. Es fügte sich nicht zum ersten Male, dass er das Gastuhn zu heischen ging, und die Meier und Kellerer auf den Höfen duckten sich des Romeias Worten, denn er hatte eine kräftige Sprache zum Anbefehlen. Des Weidwerks aber freute er sich