1855_von_Scheffel_157_108.txt

Spazzo die amtlichen Stirnfalten und nahm die Einladung an.

Bei der dritten Schüssel strömten seine Grobheiten spärlicher. Wie der rote Meersburger im Pokal glänzte, versiegten sie ganz. Der rote Meersburger war gut. –

Unterdes ritt Rudimann, der Kellermeister, aus dem Kloster. Der Fischer von Ermatingen hatte einen riesigen Lachs gefangen, frisch und prächtig lag er im kühlen Keller verwahrt, den hatte Rudimann erlesen als Geschenk zur Beschwichtigung der Herzogin. Auf dem Schreibzimmer des Klosters hatte er auch noch zu schaffen, bevor er ausritt. Ein Laienbruder musste ihn begleiten, das in Stroh verpackte Seeungetüm quer über sein Maultier gelegt. Herr Spazzo war hochmütig herübergeritten, demütig ritt Rudimann hinüber. Er sprach leise und schüchtern, wie er nach der Herzogin fragte. "Sie ist im Garten", hiess es.

"Und mein frommer Mitbruder Ekkehard?" fragte der Kellermeister.

"Der hat den wunden Cappan in seine Hütte am Hohenstoffeln geleitet und pflegt ihn, er kommt vor Nacht nicht heim."

"Das tut mir leid", sprach Rudimann. Höhnisch verzog er seine Lippen. Er liess den Lachs auspacken und auf die Granitplatte des Tisches im hof legen; die Linde warf ihren Schatten drüber, die Schuppen des Seegewaltigen glänzten, es war, als ob sein kühles Auge noch Leben hätte und schmerzlich stumm vom Berggipfel nach den blauen Wogen drüben schaute. Der fisch war über eines Mannes Länge; Praxedis hatte einen hellen Schrei getan, wie die Strohhülle von ihm genommen ward. "Er kommt vor Nacht nicht heim!" murmelte Rudimann und brach einen starken Lindenzweig und sperrte mit eingeschobenem Holze dem Lachs den Rachen, dass er weit aufgerissen hinausgähnte. Mit grünem Lindenblatt verzierte er das Fischmaul, dann griff er in seinen Busen, dort trug er die Pergamentblätter von Gunzos Schmähschrift, er rollte sie säuberlich zusammen und schob sie in den offenen Rachen. Neugierig sah ihm Praxedis zu; das war ihr noch nicht vorgekommen.

Jetzt nahte die Herzogin. Demütig ging ihr Rudimann entgegen, er bat um Nachsicht für die Klosterleute, es tue dem Abt leid, er sprach mit Anerkennung von dem Verwundeten, mit Zweifel vom Wetterzauber, mit Erfolg im ganzen. "Und mög' Euch ein unwürdig Geschenk wenigstens den guten Willen des Euch stets getreuen Gotteshauses beweisen", schloss er und trat zurück, dass der Lachs in seiner vollen Pracht sichtbar wurde. Die Herzogin lächelte halb versöhnt.

Jetzt sah sie das Pergament dem Rachen entragen. "Und das?" sprach sie fragend.

"Das Neueste der Literatur! ..." sprach Rudimann. Er neigte sich mit Anstand, ging zu seinem Saumtier und beeilte sich des Heimritts.

Der rote Meersburger war gut. Und Herr Spazzo, nahm's nicht als eine leichte Sache, beim Wein zu sitzen, er dauerte aus vor den Krügen wie ein Städtebelagerer und sass festgegossen auf seiner Bank und trank als ein Mann, der sprudelnd Aufschäumen den Knaben überlässt, ernst aber viel.

"Der Rote ist die verständigste Einrichtung im ganzen Kloster, habt Ihr noch mehr im Keller?" hatte er den Abt gefragt, wie der erste Krug leer war. Es sollte eine Höflichkeit sein, ein Zeichen der Versöhnung, dass er weiter trank. Da kam der zweite Krug.

"Unbeschadet der landesherrlichen Rechte!" sprach er grimm, wie er mit dem Abt anstiess. "Unbeschadet!" antwortete der mit einem Seitenblick.

Es war die fünfte Abendstunde, da schallte ein Glöcklein durchs Kloster. "Verzeihet", sprach der Abt, "wir müssen zur Vesper, wollet Ihr mit?"

"Ich werde' Euch lieber erwarten", entgegnete Herr Spazzo und schaute in den dunkeln Hals des Steinkrugs. Es wogte drin noch sattsamer Bedarf für eine Stunde. Da liess er die Mönche ihren Vespersang halten und trank einsam weiter.

Wieder war eine Stunde abgelaufen, da besann er sich, weshalb er eigentlich ins Kloster herübergeritten. Es fiel ihm nimmer deutlich ein. Jetzt kam der Abt zu ihm zurück.

"Wie habt Ihr Euch unterhalten?" fragte er.

"Gut!" sprach Herr Spazzo. Der Krug war leer.

"Ich weiss nicht ..." begann der Abt.

"Doch!" sprach Herr Spazzo und nickte mit dem Haupt. Da kam der dritte Krug.

Inzwischen kehrte Rudimann von seinem Ausritt heim, die Abendsonne neigte sich zum Untergehen, der Himmel färbte sich glühend, purpurne Streiflichter fielen durchs schmale Fenster auf die Zechenden.

Wie Herr Spazzo wieder mit dem Abte anstiess, glänzte der Rotwein wie feurig Gold im Pokal, und er sah einen Schein der Verklärung um des Abts Haupt flimmern. Er besann sich. "Beim Leben Hadwigs219", sprach er feierlich, "wer seid Ihr?"

Der Abt verstand ihn nicht. "Was habt Ihr gesagt?" fragte er. Da kannte Herr Spazzo die stimme wieder. "Ja so!" rief er und schlug mit der Faust auf den Tisch, "den landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmassung kein Eintrag geschehen!"

"Gewiss nicht!" sagte der Abt.

Da fühlte der Kämmerer einen fliegenden Stich in der Stirn220, den kannte er wohl und pflegte ihn den "Wecker" zu heissen. Der Wecker kam nur, wenn er beim Weine sass; wenn er durchs Haupt brauste, so war's ein Signal, dass in Frist einer halben Stunde die Zunge gelähmt sei und das Wort versage. Kam der Wecker