1855_von_Scheffel_157_107.txt

Die Glocke zum Mittagsmahl läutete. Einer der Brüder kam schnellen Ganges über den Hof. Herr Spazzo fasste ihn am dunkeln Gewand.

"Rufet mir den Abt herunter!" sprach er. Der Mönch sah ihn verwundert an und tat einen Seitenblick auf des Kämmerers abgetragen Jagdhabit.

"Es ist die Stunde der Mahlzeit", sprach er. "Wenn Ihr geladen seid, was ich aber ..." er schaute wiederum etwas spöttisch auf Spazzos Jagdrock; der Schluss ward ihm erspart, der Kämmerer würdigte den hungrigen Bruder eines gediegenen Faustschlages, dass er taumelnd von der Schwelle in den Hof hinausflog wie ein wohlgeschleuderter Federball. Die Mittagssonne schien auf des Gefallenen Tonsur.

Dem Abt war bereits gemeldet worden, welch einen Frevel der Klostermeier sich an der Herzogin Mann erlaubt. Jetzt vernahm er den Tumult im Klosterhof. Wie er an sein Fenster trat, erschaute er just den frommen Bruder Yvo faustschlagbefördert in den Hof hinausfliegen. Glücklich, wer der Dinge geheimste Ursachen erkannt hat, singt Virgilius. Abt Wazmann erkannte sie, er hatte aus dem Dunkel des Kreuzgangs Herrn Spazzos Helmzier drohend herübernicken gesehen.

"Ruft mir den Abt herunter!" rief's zum zweitenmal vom hof herauf, dass die Scheiben der Zellenfenster klirrten. Unterdessen ward die Reichenauer Mittagssuppe kalt; die im Refektorium Versammelten griffen endlich zu, ohne des Abts zu warten.

Der Abt Wazmann hatte Rudimann, den Kellermeister, zu sich entboten. "Das alles", sprach er, "hat uns der Grünspecht von Sankt Gallen wieder angezettelt. O Gunzo, Gunzo! Keiner soll seinem nächsten ein Leid wünschen, aber doch überdenkt mein Gemüt die Frage, ob unsere Hofbauern, das riesige Geschlecht vor dem Herrn, nicht wohlgetan hätten, dem Gleisner Ekkehard die Steine an den Kopf zu werfen, die sie dem hunnischen Hexenmeister bestimmt ..."

Ein Mönch trat scheu in des Abts Gemach.

"Ihr sollt herunterkommen", sagte er leise, "es ist einer drunten und tobt und griesgramt wie ein Gewaltiger."

Da wandte sich der Abt zu Rudimann, dem Kellermeister, und sprach: "Es muss schlecht Wetter sein bei der Herzogin; ich kenne den Kämmerer, der ist ein sicher Wetterzeichen. Wenn seine Herrin ihren stolzen Mund zur Heiterkeit zuspitzt, so lacht er mit dem ganzen Gesicht, und wenn Wolken über ihre Stirn ziehen, so geht bei ihm ein volles Donnerwetter los ..."

"... und schlägt ein", ergänzte Rudimann. Schwere Tritte klirrten durch den gang.

"Es ist keine Zeit mehr zu verlieren", sprach der Abt. "Macht Euch schnell auf den Weg, Kellermeister, reitet hinüber und drückt der Herzogin unser Bedauern aus; nehmt ein paar Silberlinge aus der Klostertruhe mit als Schmerzensgeld für den Zerschlagenen und saget, dass man für seine Genesung beten wolle. Vorwärts, Ihr seid ja sein Pate und ein kluger Mann."

"Es wird schwer halten", sprach Rudimann. "Sie wird recht giftig sein."

"Bringt ihr ein Geschenk mit", sprach der Abt. "Kinder und Frauen lassen sich gern die Augen blenden."

"Was für eines?" wollte Rudimann fragen, da ward die Tür aufgerissen. Herr Spazzo trat ein. Sein Gesicht lag in den richtigen Falten.

"Beim Leben meiner Herzogin!!" rief er, "hat der Abt dieses Rattennestes heute Blei in seine Ohren gegossen, oder ist ihm Gichtbruch in die Füsse gefahren? Was kommet Ihr nicht, Euern Besuch zu empfangen?"

"Wir sind überrascht", sprach der Abt, "lasst Euch willkommen heissen." Er hob den rechten Zeigefinger, ihm den Segen zu erteilen.

"Brauch keinen Willkomm!" gab ihm Herr Spazzo zurück. "Der Teufel ist heute Schutzpatron des Tages. Wir sind gekränkt! schwer gekränkt! Wir heischen Busse, zweihundert Pfund Silbers zum mindesten. heraus damit!! Mord und Weltbrand! den landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmassung kein Eintrag geschehen! Wir sind Gesandter."

Er klirrte mit den Sporen auf dem Fussboden.

"Verzeihet", sprach der Abt, "wir haben am grauen Jagdrock die Tracht des Gesandten nicht zu erkennen vermocht."

"Beim kamelhärenen Kleid des Täufers Johannes!" brauste Herr Spazzo auf, "und wenn ich im Hemd angeritten käme, so wär' die Gewandung noch stolz genug, um vor euch schwarze Kutten als Herold zu treten."

Er setzte seinen Helm auf. Die Federn nickten: "Zahlet, damit ich weiters kann. Es ist schlechte Luft hier, schlecht, sehr schlecht ..."

"Erlaubet", sagte der Abt, "im Zorn lassen wir keinen Gast von der Insel reiten. Ihr seid scharf, weil Ihr noch nichts gegessen habt. Lasset Euch ein Klostermahl nicht gereuen. nachher von Geschäften."

Dass einer für seine Grobheit freundlich zum Mittagsmahl eingeladen wird, machte dem Kämmerer einigen Eindruck. Er nahm seinen Helm wieder ab. "Den landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmassung kein Eintrag geschehen!" sprach er noch einmal, aber der Abt deutete hinüber: da sah man die offene Klosterküche, der blonde Küchenjunge drehte den Spiess am Feuer und schnalzte mit der Zunge, denn ein lieblicher Bratenduft war in seiner Nase aufgestiegenahnungsvoll standen etliche verdeckte Schüsseln im Hintergrund, – ein Mönch wandelte mit riesigem Steinkrug vom Keller her durch den Hof. Das Bild war allzu lockend.

Da vergass Herr